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Kleinbasler Innerstadt

Roter Bären

Teller um Teller

Ein munterer roter Bär mit Gabel in der Tatze, das Emblem des im letzten Juni eröffneten Restaurants, zeigt schon an, dass neu Feinschmecker und Nachtschwärmer im «Roten Bären» an der richtigen Adresse sind. Über die vermeintliche kleine «Kunstaktion», die uns auf dem Trottoir beim Eingang auffällt, klärt uns ein Kleinbasler Freund auf: Bei den gestrichelten grünen Linien und dem Logo, das stilisiert eine an eine Laterne angelehnte Frau zeigt, handle es sich um eine Grenzmarkierung der Toleranzzone, innerhalb deren Strassenprostituierte allfällige Kunden ansprechen dürfen. Man hat nie ausgelernt.
Drinnen im «Bären» sind wir erst einmal baff. Was für ein toller Ort. Der Beizenhimmel voller kleiner, herunterhängender Glasleuchten, die im grossen Raum für ein angenehmes Licht sorgen. Ganz hinten eine nicht zu kleine Fensteröffnung zur Küche, in welcher im hellen Licht die Küchenbrigade bei der Arbeit zu sehen ist. Die Tische und Stühle: währschaftes Holz. Der Boden: Zementfliesen. Die Wände: Streifentapeten. Die Decke: Ochsenblutrot. Rechterhand eine Bar: die Flaschen stehen aufgeräumt in offenen, gehängten alten Überseekoffern.
Wir steuern erst die Bar an, auch wenn unser reservierter Tisch bereits frei ist. Rote Cocktails scheinen im «Roten Bären» der letzte Schrei zu sein. Der hübschen Barfrau, einer Studentin, die im Hauptfach Islamwissenschaften studiert, darf man die Wahl des Cocktails ruhig anvertrauen (probieren Sie jenen mit Randen-Geist!). An der Bar haben wir etwas mehr über das Haus und die Geschichte des Lokals erfahren. Und wer hier für den Umschwung gesorgt hat. Das Interieur mit seiner wunderbaren Atmosphäre hat Cécile Grieder geschaffen, für den fröhlichen, fast enthusiastischen Service ist ihre Schwester besorgt, Madeleine Grieder. Der Zwanziger fällt, wenn einem jetzt «Das Schiff» oder das «Grenzwert» in den Sinn kommt.
In der Küche steht ein Koch, der vom früheren «Gundeldingerhof» gekommen ist, und nun ein Konzept verwirklicht, dass auf die «Bären»-Klientel zugeschnitten scheint. Die munter-wild zusammengestellte Speisekarte besteht aus einem Blatt mit einer Auswahl von Tellergerichten, die man nach Lust und Laune miteinander kombiniert. Man bestellt mindestens zwei Teller (Fr. 39.–), drei Teller (Fr. 49.–), vier Teller (Fr. 59.–) oder fünf Teller (Fr. 69.–). Man verlangt also beispielsweise einen Teller mit geröstetem Wurzelgemüse, frittiertem Ei, Randen, Navetten-Püree und Dinkel an einem Buttermilchdressing und einen Teller mit Wolfsbarschfilet, knackigem Rotkraut, Apfelmayonnaise und karamellisierten Maroni und bezahlt 39 Franken. Oder man nimmt ein gebackenes Markbein, dann eine Bouillabaisse mit Rouille und Baguettes sowie einen Cheesecake mit Rosinen und Trauben als Dessert, und das macht zusammen 49 Franken. Die einzelnen Portionen sind bewusst nicht allzu gross gehalten. Was gut so ist.
Im «Roten Bären» ist vom Amuse-Bouche bis zu den Friandises alles hausgemacht. Beim knackigen Salat mit Cicorino rosso und Frisée überrascht die Küche mit einem Roquefortschaum und Haselnussdressing, Walnüssen und Rotweinbirne. Die mit Pilzen gefüllten Tortellini auf Wirsing, umgeben von Pilzpüree-Tupfern, sind trotz heissem Teller leider zu lauwarm. Das bleibt die einzige leise Kritik an diesem Abend und schmälert den gesamten, durchwegs positiven Eindruck in keinster Weise. Ein genialer Teller ist einer der Fleischgänge: geschmort das Rindsbäggli und der Ochsenschwanz, frittiert die Kalbsmilke, geräuchert das Kartoffelpüree, fein geschnitten der Mangold, hübsch arrangiert und serviert in einem dunklen Teller um einen luftigen Lauchschaum. Ebenfalls ein Highlight ist die geräucherte Entenbrust auf Karotten-Kimchi. In bester Erinnerung haben wir auch eines der Desserts: die kleine Birnen-Tarte-Tatin mit der Lorbeerglace.
Wie die Cocktail-Liebhaber kommen im «Roten Bären» auch die Weinnasen auf ihre Rechnung. Wir haben uns an diesem genüsslich-vergnüglichen Abend an einen roten Franzosen gehalten, den kräftigen Gigondas La Gille der Familie Perrin (Fr. 78.–). wm

Ochsengasse 17, 4058 Basel
di–do 17–02, fr & sa 17–03 Uhr (Küche 19.30–22 Uhr), mittags, mo & so geschlossen
HG zwei Teller Fr. 39 bis 5 Teller Fr. 69
Basler Trendsetter: Rang 1

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