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Elsass

Il Cortile

Voilá, wir sind in Italien

Unser Bericht über das «Il Cortile» beginnt am Ausgang des Parkhauses Maréchaux in Mulhouse. Dort erkundigten wir uns bei der freundlichen Régine aus Fessenheim nach dem Weg (natürlich hat sie sich uns nicht sofort vorgestellt, Name und Wohnort erfuhren wir erst später). «Das ist gar nicht so einfach», meinte sie nach reiflicher Überlegung. Wir sollen mitkommen, zurück ins Parkhaus, da stehe ihr Auto. Wir dachten an Hilfestellung mittels eines Stadtplanes und lagen völlig daneben. Schnell waren die Einkaufstüten im Kofferraum verstaut und Madame bat uns, Platz zu nehmen. «Da fahre ich euch hin, das geht schneller als lange Wegbeschreibungen.» Auf der flotten Fahrt, oder anders gesagt, Madame Régine fuhr einen «heissen Reifen», merkten wir uns die eine oder andere Ecke, damit wir auch wieder zurückfänden. Beim «Il Cortile» angekommen, wünschte sie uns viel Vergnügen und beglückwünschte uns zur Wahl dieses «aussergewöhnlichen» Restaurants. Wir bedankten uns, immer noch stark beeindruckt von dieser besonderen Freundlichkeit. Eine tolle Sache. An einem Abend, der so beginnt, kann nichts mehr schiefgehen.
Wir sollten Recht behalten. Das «Cortile» ist zunächst einmal ein sehr angenehmes Restaurant. Man sitzt gut, die Tische haben einen ordentliche Abstand zueinander, das Licht ist genau richtig und der Service-Mannschaft gehört ein ganz besonderes Lob. Die eher zurückhaltende Service-Mademoiselle, die für stetigen Nachschub des hervorragenden Brotes (Tomate, Olive, nature) sorgte, der äusserst charmante franko-italienische Oberkellner, der agile elsässische Seigneur, der von der Statur her an den legendären Jean-Pierre Haeberlin erinnert, und die forsche Nachwuchskraft, die uns stets erklärte, was denn nun im Einzelnen vor uns steht – ein Dream-Team!
Der Aperitivo, ein eiskalt servierter Moscato von der kleinen, ziemlich genau zwischen Sizilien und Afrika liegenden Insel Pantellaria, gefiel uns ganz hervorragend. Dazu gab es in Focaccia gebackenen Thunfisch, begleitet von einem Kabeljaubällchen und Mangosauce. Auch das zweite Amuse-Gueule, ein Hummer-Ravioli mit Mandarinen-Spalten, liess erahnen, dass der zweite «Michelin»-Stern, den die Küche von Stefano D’Onghia seit 2014 besitzt, kein Zufall ist. Ein italienisches Restaurant erhält in Frankreich zwei Sterne! Sensationell? Nein, überhaupt nicht. Das wäre ja noch schöner, wenn die Tester «Guide Michelin» das, was im «Il Cortine» in Mulhouse geboten wird, nicht entsprechend honoriert hätten.
Es gibt zwei Menüs, einen Viergänger für 90 Euro und einen Fünfgänger für 110 Euro. A la carte werden zwischen Vorspeise und Hauptgang Pasta und Risotto offeriert. Voilà, wir sind in Italien. Bei uns ging es los mit Austern aus dem Becken von Arcachon, der Südwest-Zentrale dieses noblen Meeresgetiers. Dazu assen wir Apfel-Sellerie-Cannelloni (€ 45,–). Mein Gegenüber entschied sich für Langustinen in zwei Texturen (1. gebraten, 2. Carpaccio), Mandarinen und Krustentierschaum (€ 45,–). Den Schönheitspreis erhielt das Austern-Entrée. Ein Kunstwerk zum Reinbeissen, links und rechts je eine Reihe warme Austern, dazwischen das zartgrüne mit Kaviar veredelte Cannelloni. Wie es geschmeckt hat? Genauso, wie es aussah: spektakulär! Bei den Langustinen gefiel besonders das schmelzige Carpaccio, das vom hervorragenden Olivenöl in diesen perfekten Zustand versetzt wurde.
Ein 1997er Barolo rosso vom «jungen Wilden» aus dem Piemont, Enzo Boglietti, war leider ausgetrunken. Doch der «Franko-Italiener» meinte es mit seinem «Ersatzwein» sehr gut mit uns. Ein Bricco Rocche Brunate desselben Jahrganges stand auf dem Tisch und wurde alsbald in eine Karaffe, die wie ein 1-Liter-Rotweinglas aussah, umgefüllt. Ein fabelhafter Wein, der zur astrein gebratenen Taube und den Agnolotti (€ 49,–), die Signore D’Onghia mit Kastanienfarce gefüllt hatte, genauso gut passte wie zur Suprême vom Bauernhuhn mit Ziti-Timbale (€ 48,–). Die Nudeln bildeten dabei ein Türmchen, das mit schwarzen Trüffeln gefüllt war. Auch das ein Augen- und Gaumenschmaus italienischer Hochküche. Präzis gebratenes Fleisch, eleganter Einsatz der Pasta, meisterlich präsentiert. Meine Begleiterin, wahrlich kein Suppenkasper, liess sich vom italienisch-französischen Charmebolzen zur Hühnersuppe mit Kürbis-Foie-gras-Cappelletti, Steinpilzen und schwarzem Trüffel (€ 45,–) überreden. Sie hat es nicht bereut. Andererseits, wer kann einer solchen geballten Charmeoffensive widerstehen? Auf der anderen Seite des Tisches gab es traumhafte Gnocchi mit Petersilienschaum und perfekt gekochten Grenouilles (€ 40,–). Politisch eventuell nicht ganz korrekt, aber wer fragt schon nach Political Correctness, wenn er in Frankreich italienisch isst.
Abschied nahmen wir vom schönen «Cortile» und vom zauberhaften Service-Team mit einem Caffè coretto (€ 18,–), einem Chinotto-Sorbet mit säuerlichem Bergamotte-Schaum und der Gewissheit, einen wunderbaren Abend mit Wiederholungspotenzial erlebt zu haben. Madame Régine stand danach leider nicht vor der Türe. Das wäre jetzt gerade noch der Gipfel gewesen. Trotzdem haben wir den Weg zurück gut gefunden. sk

rue des Franciscains 11, 68100 Mulhouse, Frankreich
di–sa 12–14 & 19–22.30 Uhr (Küche 12–13.45 & 19–21.30 Uhr), mo & so geschlossen sowie vom 11. bis 25. Januar, 30. April bis 5. Mai und 11. bis 25. August
HG € 38–50
Verführung auf Italienisch: Rang 2

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