Granit Xhaka ist ein Teamplayer, der dem Erfolg im Bedarfsfall alles unterordnet – oder sich fürs Kollektiv auflehnt, ohne die Konsequenzen und Kosten zu fürchten. (Bild: Keystone)
Schweiz

Captain Granit Xhaka ist Gold wert

Die Nati spielt gegen Portugal um ein grosses Stück WM-Geschichte. Im Zentrum dabei: Granit Xhaka. Für eine gute Schweizer Zukunft ist er hauptverantwortlich.

Im internationalen Top-Fussball gibt es keine Verstecke. Zumindest auf dem Rasenviereck nicht. In der Kernzone verschwinden Alibis innerhalb von Sekundenbruchteilen. Manchmal herrschen raue Sitten, das Geschehen wird teilweise in brachialer Weise auf das Wesentliche reduziert. In Schönheit sterben, oder überleben und sich für die nächste Runde qualifizieren.

Alpha-Tiere haben in grossen Momenten Hochkonjunktur. Im Gegensatz zu frühzeitig gescheiterten Fussball-Grössen wie Deutschland und Belgien hat die Schweizer Auswahl einen solchen Charakterkopf zu bieten. Einen Fussballer mit Profil, mit Kanten, mit der Lust, unter Hochdruck richtig Widerstand zu leisten. Granit Xhaka gehört global zur kleinen, feinen Gruppe dieser Spezies. Frühere Weltmeister hätten ihn liebend gerne sofort in ihre eigene Verbands-Auswahl integriert, derweil in der Schweiz wieder einmal über seine nicht keimfreie Aussenwahrnehmung diskutiert wird.

«Ich bin kein Schauspieler!»

Dabei tut sein Feuer dem Spiel gut, seine Energie rüttelt auf, seine Unberechenbarkeit kann zwar vereinzelt belastend sein, aber eben auch Raum schaffen. Seine Unerschrockenheit färbt ab. Die Mitspieler saugen sein Selbstbewusstsein auf. Und sie profitieren davon, wenn sich der Fokus auf den Star verlagert. Von ihnen fällt automatisch Ballast ab. Im Windschatten grosser Figuren ist der Energieverlust in der Regel eher kleiner. Xhaka ist der Orientierungspunkt. Manchmal vielleicht unbewusst, meistens sehr gewollt.

Seit Jahren streckt der Captain seinen Kopf aus dem Verbund heraus. Er geht Konflikten nicht aus dem Weg. Er lechzt nach Verantwortung, er will partout führen und nicht wie ein Diplomat hofieren. Er ballt die Faust nicht erst in der Interview-Zone, sondern schon auf dem Hauptschauplatz. Unstimmigkeiten will er sofort beseitigen. «Ich bin kein Schauspieler!» Für ihn sind diese Worte ein Ausruf, ein Credo, eine Lebensmaxime. Pur, authentisch, grob, ehrlich. Xhaka kann aufbrausen, austeilen, richtig wehtun, unerbittlich sein.

Widerstand in London

Aber er ist ein Teamplayer, der dem Erfolg im Bedarfsfall alles unterordnet – oder sich fürs Kollektiv auflehnt, ohne die Konsequenzen und Kosten zu fürchten. Als der frühere Generalsekretär Alex Miescher direkt nach dem WM-Out 2018 via NZZ eine Doppelbürger-Debatte anzettelte, setzte der Spieler Xhaka gegen den damals einflussreichsten Verbands-Funktionär in einem Keystone-SDA-Interview zum Frontalangriff an: «Ich denke, Alex hat seine Steinzeit-Kommentare, die auf die Schweizer Doppelbürger zielten, sicherlich hinterfragt.»

Auch in London wagte er ohne Wimpernzucken das Unvorstellbare: Xhaka legte sich mit dem Anhang von Arsenal an. Die Verschmähungen und Beschimpfungen perlten nicht an ihm ab. Er machte den Hass in den Stadien zum Thema. Kein PR-Berater hält ihn in solchen Situationen davon ab, den üblichen Pfad zu verlassen. Miescher ist längst Geschichte, die Fehde mit den Fans der Gunners ebenfalls, ohne dass sich Xhaka hätte verbiegen müssen.

Er ist kein angezählter Leader ohne Bodenhaftung – im Gegenteil: Er geht aufrechter denn je durchs Leben, ist greifbar, versteckt sich nicht hinter getönten Scheiben. In der Premier League haben die Meinungsmacher inzwischen Xhakas Qualität auf und neben dem Rasen in den Fokus gerückt. Er wird als Unterschiedsspieler gesehen, sein wallendes Blut wird nicht (mehr) primär als Problem betrachtet. Coach Mikel Arteta wiederholt seine Huldigung immer wieder: «Sein Arbeitsethos, wie er die Leute behandelt, seine Liebe für den Klub, seine Professionalität – das alles ist unglaublich.»

Lernprozess in Gladbach

Reibung und Auflehnung, Standhaftigkeit, Loyalität. Immer wieder hat Xhaka im Laufe seiner Karriere Widerstände und Stürme ausgehalten. Im ersten Bundesliga-Jahr setzte ihn Lucien Favre während rund fünf Monaten auf die Ersatzbank. Die sportlich bedingte Degradierung löste beim damaligen Talent keinen Kollaps aus. Sie entfachte Zorn, der damals 20-Jährige tauchte nicht ab, sondern erst richtig auf. Favre sah, wie er der junge und impulsive Xhaka mit Zusatzschichten seine physischen Defizite abarbeitete. Xhaka verliess den Verein 2016 als Captain.

Noch heute trauern sie in Gladbach ihrem «Mentalitätsmonster» nach. Und wie sehr er seine Nebenspieler besser macht, wie markant das Nationalteam unter dem Einfluss Xhakas Grenzen verschoben hat, widerspiegelt sich in grossen Spielen. Das Jahrhundertspiel gegen Frankreich in der letzten EM-Knock-out-Runde ist ganz eng mit der Persönlichkeit Xhakas verbunden. Wenn er umzingelt wird, wenn Gefahr im Anzug ist, wenn die Emotionen Teil der Geschichte werden, dann blüht Xhaka auf. Dann führt und gewinnt er.

Spiel des Lebens gegen Portugal

Im Achtelfinal-Duell mit Portugal benötigen Xhaka und Co. den nächsten Energieschub. Dann werden sich die Debatten verflüchtigen. Dann dürften auch jene medialen Beobachter, die Xhakas Captain-Würde anzweifeln und ihm bei jeder Gelegenheit vorwurfsvoll eine Vorbildfunktions-Etikette um den Hals hängen, wieder die Applaus-Taste betätigen. Im engsten Kreis hat Xhaka die Einschätzungen verfolgt und sich vorgenommen, im WM-Achtelfinal ein weiteres Spiel seines Lebens zu zeigen und erneut alle Kritiker zu widerlegen.

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