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Der Telebasel News-Beitrag vom 21. November 2022.
Basel

Von Seeräuber-Mädchen und Prinzessinen-Buben

Rollenbilder jenseits von traditionellen Stereotypen kommen in Kinder- und Jugendbüchern noch zu selten vor, findet der Kanton. Er wirkt dem Umstand entgegen.

Seeräubermädchen und Prinzessinnen-Buben sind Rollenbilder, die trotz der lauten LGBTQI+-Debatte noch zu selten in Kinder- und Jugendbüchern vorkommen. Aus diesem Grund lancierte die Abteilung für Gleichstellung von Frauen und Männern des Kantons Basel-Stadt ein Projekt. Eine jährlich neu erscheinende Literaturliste soll Bücher jenseits von traditionellen Stereotypen promoten. Unter dem Motto «Himmelblau und Rosarot: Kinder- und Jugendbücher ohne Rollenklischees».

Verschiedene Familien und Lebensentwürfe

«Das alles ist Familie» heisst eines der Bücher, die Leila Straumann, Leiterin der Abteilung für Gleichstellung von Frauen und Männern, vor sich auf den Tisch legt. Hier geht es um eine Mutter und ihren Sohn Lars. «Eines Tages liegt ein Paket vor der Tür, das an die falsche Adresse geliefert wurde. Deshalb schickt die Mutter ihren Sohn in die Nachbarschaft, um herauszufinden, wem das Paket gehört. So lernt der Junge verschiedene Familien und Lebensentwürfe kennen», erzählt Straumann. Solche Themen, wie zum Beispiel neue Familienkonstellationen nach einer Scheidung oder Regenbogenfamilien, könnten auf diese Art und Weise spielerisch angegangen werden.

Konfrontation in der Schule

«Wir sind in der Schweiz noch an einem Punkt, wo Frauen und Männer noch oft klassische Rollen leben. Man sieht es auch in der Berufswahl», erklärt Straumann. Auch wenn viele Eltern schon sehr offen seien, würden ihre Kinder spätestens in der Schule mit traditionellen Rollenbildern konfrontiert werden. «Oder sie werden ausgelacht, wenn ein Junge zum Beispiel mit Mädchenkleidern herumläuft oder sich die Nägel lackiert. Dort dann Bücher zu haben, welche die Kinder in ihrem Weg bestärken, finden wir wichtig und ist auch wichtig für die Gleichstellung», so Straumann.

Schulbücher auf inakzeptablem Niveau

Klar, es habe sich in der Literatur in den letzten Jahren schon viel getan, meint Leila Straumann. Trotzdem hinke man mit modernen Rollenbildern noch hinterher. Gerade in Schulbüchern sei man noch nicht auf einem akzeptablen Niveau. LehrerInnen und Eltern seien auch der Auslöser gewesen, weshalb der Kanton im 2015 damit begann, die jährliche Literaturliste herauszugeben. «Bücher prägen schon früh die Rollenbilder von Kindern sowie deren Vorstellungen von Familie, Gesellschaft, Zusammenleben und Diversität. Sie tragen dazu bei, was für ein Weltbild Kinder entwickeln.» Viele Zuschreibungen von Fähigkeiten oder Vorlieben, die aufgrund des Geschlechts gemacht werden, zementierten klassische Rollenzuweisungen und stereotype Einstellungen, so Straumann.

«Früher habe ich noch die Namen in Büchern verändert»

Leila Straumann hat selbst einen jugendlichen Sohn und kann sich gut daran erinnern, wie sie in Buchhandlungen jeweils vergeblich nach Büchern gesucht habe, die zeigen, dass auch Jungs sensibel oder traurig sein dürfen. Oder dass es okay sei, wenn sie mal weinten. «Was ich manchmal gemacht habe: Einfach die Namen verändert in den Büchern, die ich vorgelesen habe. Wenn Buben in ihrer starken Rolle gezeigt wurden und ich das Buch einem Mädchen vorgelesen habe, dann habe ich einen Mädchennamen für den Protagonisten gewählt. So hat man das früher gemacht – und jetzt muss man diesen Hosenlupf nicht mehr machen», scherzt Straumann.

Auch Buchhandlungen machen mit

Die Broschüre «Himmelblau und Rosarot» und die verschiedenen Bücher der Literaturliste liegen auch in vielen Basler Buchhandlungen auf. Der Kanton veröffentlicht die Liste jedes Jahr – und stösst damit auf positives Feedback. Im Schaufenster der Buchhandlung Orell Füssli sowie der Buchhandlung Proviant gibt es derzeit eine Auswahl an Büchern zu entdecken.

Die aktualisierte Neuauflage entstand in enger Kooperation mit der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich und dem Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM).

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