«Als ich jung war, war Mick Jagger so alt wie ich heute»: Adrian Sieber wird am Freitag vom Musikbüro Basel für sein musikalisches Schaffen geehrt. (Bild: Tabea Hüberli)
Basel

Adrian Sieber: «Fühle mich mit 50 viel freier als früher»

Im Sommer ist Adrian Sieber 50 Jahre alt geworden, nun erhält er vom Musikbüro Basel einen «Anerkennungspreis». Alt fühlt sich der Sänger deswegen nicht.

Er hat immer noch etwas Jugendhaftes, Unverbrauchtes an sich. Es ist, als sässe noch immer der etwas schüchterne junge Adrian Sieber vor einem. Und gefühlt ist es für seine Weggefährten auch gar nicht so lange her, seit der Musiker mit den Lovebugs einem eher jungen, oft weiblichen Publikum den Kopf verdrehte. Man hat alles lebhaft vor sich: Die ersten Auftritte dieser so genial poppigen Band aus Basel, den nationalen Durchbruch und das Dauer-Airplay auf sämtlichen Radiostationen, das erfolgreiche Unplugged-Album von der Theaterbühne, den unvergessenen, wenn in der Eigenwahrnehmung der Band auch naiven Auftritt am Eurovision Song Contest, die Sets in gefüllten Stadien vor den Rolling Stones. Und präsent sind vor allem die vielen grossen Melodien: «Bitter Moon», «Music Makes My World Go Round», «Angel Heart», «Flavour Of The Day». Adrian Sieber schuf mit den Lovebugs einige wahre Pophymnen für die Ewigkeit.

Die Songs haben eine zeitlose Qualität. Und es ist kaum zu glauben, dass der Sänger dahinter im Sommer seinen 50. Geburtstag gefeiert hat. Am Freitag kann Adrian Sieber anlässlich der Pop-Preis-Verleihung des Musikbüros Basel nun den «Anerkennungspreis für sein langjähriges professionelles musikalisches Schaffen» entgegen nehmen.

Etwas Retrospektives und Abschliessendes

In der Regel bekommen Künstlerinnen und Künstler solche Ehrungen gegen Ende ihrer Karriere. Den Preisen für ein Lebenswerk haftet stets etwas Retrospektives und Abschliessendes an. Standing Ovations für eine gloriose Vergangenheit. Fühlt sich Adrian Sieber vor diesem Hintergrund nicht alt? «Wegen des Preises nicht», lacht der Sänger. «Sonst merke ich natürlich schon, dass ich nicht mehr 18 bin.»  Er habe aber nie mit dem Alter gehadert, auch jetzt nicht. «Und heute muss man als Popmusiker zum Glück nicht mehr 18 sein. Pop ist keine Jugendkultur mehr, sondern Kultur. Umgekehrt denke ich mir schon: Als ich jung war, war Mick Jagger so alt wie ich heute. Und ich fand ihn uralt. Jetzt bin ich halt in der Rolle.»

Sieber empfindet sein Alter als «etwas Schönes», wie er ausführt. «Ich fühle mich mit 50 sehr viel freier als früher. Ich weiss, was ich kann und was nicht – und kann tun und lassen, was ich will. Die Kritik von aussen ist mir heute weniger wichtig. Der Druck ist viel kleiner, denn ich habe nicht mehr das Gefühl, für die Karriere alles tun zu müssen.»

Im Gespräch wirkt Adrian Sieber tatsächlich entspannt und mit sich im Reinen. Dabei hat der Basler keine einfache Zeit hinter sich. Zu Beginn von Corona lag er wochenlang im Bett und brauchte sehr lange, um vollständig zu genesen, wie er erzählt. «Ich war ewig müde und nahm extrem ab», erinnert sich der Sänger an die Pandemie. «Dann kam die Trennung von meiner Frau – nach 20 Jahren Beziehung, und die Kinder flogen aus. Das war hart. Aber ich bin sehr versöhnlich. Mein heutiger Job als Lehrer gibt mir dabei sehr viel. Der Beruf ist intensiv und nach all den Jahren in der Musiker-Bubble sehr aufregend.»

Die Liebe zu den 80er-Jahren

Während der Pandemie entstand auch sein aktuelles Solo-Album «Unglued». Es ist das dritte Werk ohne die Lovebugs und behandelt die persönlichen Ereignisse . «Ich hätte solche Texte früher nie geschrieben», sagt Sieber. «Und ich hätte mich auch nicht getraut, meine Liebe zur Musik der 80er-Jahre derart konsequent auszuleben.» Bei den Lovebugs, zu Beginn, habe er nie richtig zu seinem Flair für die Musik seiner Teenager-Zeit stehen können. Er wollte als Indie-Musiker der 90er-Jahre glaubwürdig sein. Grunge und Alternative Rock waren angesagt. «Heute, mit 50, habe ich meine Narrenfreiheit. Unterdessen stehe ich auch zu meinen Saga-Platten zuhause.»

Der offizielle Clip zum Song «Were We Ever So Young?» von Adrian Siebers aktuellem Album «Unglued». (Video: Youtube/Adrian Sieber)

Adrian Sieber blickt zurück in Dankbarkeit – und mit Genugtuung in die Gegenwart. «Heute erkenne ich immer mehr, was für ein Privileg es war, so lange meiner Leidenschaft frönen und während Jahren sogar davon leben zu können. Ich konnte das Musikerleben voll ausleben. Auch die Fehler gehörten dazu.» Er sei halt ein anderer Mensch gewesen als heute. «Ich staune, wie unbedarft wir mit den Lovebugs an gewisse Dinge wie den Eurovision Song Contest herangingen. Die Vergangenheit ist wie ein Zeitdokument für mich.»

Adrian Sieber hat eine bewegtere und erfolgreichere Vergangenheit als die allermeisten Musiker in seinem Umfeld. Seit fünf Jahren sind die Lovebugs jedoch auf Eis gelegt. «Wir haben nie beschlossen, uns aufzulösen. Wer weiss, vielleicht wird irgendwann der Moment kommen, in dem alle Mitglieder wieder dabei sind.»

Warten und in der Vergangenheit leben will der Sänger allerdings nicht. Die Musik prägt seinen Alltag, auch wenn nicht mehr im selben Mass wie früher. «Ich mache jeden Tag Musik, zurzeit nicht im Übungsraum, sondern zuhause.» Er gibt nicht regelmässig Konzerte und hat keine fixe Band. Das müsse nicht auf Biegen und Brechen sein, erklärt er. Es gäbe im Moment eh ein massives Überangebot an Konzerten.

«Ich hechte auch nicht mehr von Album zu Album. Aber Musik wird in meinem Leben immer omnipräsent bleiben. Auch als Hörer hat mein Hunger nach Neuem nie nachgelassen. Es gibt nach wie vor tonnenweise gute Musik auf der Welt.»

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