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Der Telebasel News-Beitrag vom 24. Oktober 2022.
Basel

«Ich frage meine Verwandten jeden Tag, ob sie noch leben»

Die Lage in der Ukraine spitzt sich zu – die Gefühlslage der Geflüchteten ebenso. Zwei Ukrainerinnen in Basel erzählen über die grosse psychische Belastung.

Die russischen Luftangriffe auf Kiew und andere Städte in der Ukraine dauern an. Allein am Samstag wurden 40 Raketenangriffe und 16 Angriffe mit iranischen Kampfdrohnen verzeichnet.

Die Situation in der Ukraine ist für die Geflüchteten nicht einfach zu verarbeiten. Sie sind emotional ganz nah dabei, obwohl sie weit weg von ihrer Heimat sind. Davon erzählt auch Olha Scheetinina, eine ukrainische Psychologin und Heilpädagogin. «Mein psychischer Zustand ist jeden Tag instabil. Der Tag beginnt so, dass ich am Morgen alle meine Verwandten und Freunde frage, ob alles okay ist und ob sie noch leben. Ich warte dann ungeduldig auf die Antworten. Am Abend mache ich das Ganze dann nochmals.»

«300 Meter von meiner Wohnung entfernt explodierte eine Drohne»

Olha kommt ursprünglich aus Kiew, wohnt aber seit März mit ihrer zwölfjährigen Tochter Serafina in Mariastein. Ihre Schwester und Mutter sind in der Ukraine geblieben. Sie leben zusammen mit ihrem Hund in Olhas alter Wohnung in Kiew. Diese befindet sich in einer sehr unsicheren Gegend. «Letzten Montag ist 300 Meter von meiner alten Wohnung entfernt eine Drohne explodiert. Wenn ich zurückkomme, weiss ich nicht mehr, ob ich ein Zuhause habe», so Olha.

Die Psychologin macht sich grosse Sorgen um ihre Verwandten. Trotz der vielen Luftangriffe auf Kiew seien sie nicht mehr so vorsichtig wie am Anfang. «Der andauernde Kriegszustand führt zu einer Instabilität der Psyche der Leute. Die Selbstschutzmechanismen geben nach. Das führt dazu, dass die Leute aufhören, jedes Mal bei den Schutzsirenen in den Schutzkeller zu gehen. Die Leute sind einfach müde und sagen: Es passiert, was passiert. Und das macht mir grosse Sorgen», erklärt Olha.

Kontaktpausen durch Angriffe auf Energieinfrastruktur

Auch Ulana Makarenko und ihr Sohn Jurii sind seit März in Basel. Juriis Vater sowie Ulanas Bruder konnten nicht in die Schweiz mitkommen. Die momentane Lage ist laut Ulana schlimmer als je zuvor: «Vor einigen Tagen hatten wir starke Bombardierungen in unserer Region. Emotional ist es sehr schwierig, aber die Leute meistern es so gut wie sie können, und ich bin sehr stolz auf sie».

Doch nicht nur Wohnsiedlungen werden angegriffen – auch die Energieinfrastruktur steht unter Beschuss. Die Folge davon sind landesweite Stromabschaltungen und -ausfälle. Diese betreffen auch die Geflüchteten. «Es war sehr schwierig, ich hatte während den letzten Bombardierungen mehrere Tage keinen Kontakt zu meinen Verwandten. Ich konnte in dieser Zeit weder essen noch schlafen», erzählt Ulana. Es komme jedoch nur selten zu solchen Kontaktpausen. Umso schlimmer sei es in solchen Momenten, nicht zu wissen, wie es der Familie geht: «Ich war wie gelähmt, das ist sehr schwer zu ertragen».

Kinder stehen an erster Stelle

Trotz allem versuchen die beiden Ukrainerinnen stark zu bleiben. «Ich vergleiche das mit einer Achterbahn. Ich versuche, mich zu konzentrieren, um nicht schwach zu werden. Mein Sohn spürt meine Emotionen – ich muss ein Vorbild für ihn sein», sagt Ulana Makarenko im Interview.

Auch Olha Scheetinina versucht, ihrer Tochter so gut wie möglich zu helfen, um die traumatischen Ereignisse zu verarbeiten. Für sie ist ausserdem klar, dass sie momentan nicht in die Ukraine zurückgehen kann. Obwohl Olha ihre Heimat vermisst, steht die Sicherheit ihrer Tochter für sie an erster Stelle.

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