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Der Telebasel Report vom 19. Oktober 2022.
Region

Wegen der Pandemie: Jung und lebensmüde

Die Pandemie hat Kindern und Jugendlichen psychisch stark zugesetzt. Doch weshalb gerade dieser Altersgruppe? Der Report bringt Licht ins Dunkel.

Depressionen sind bei Jungen so verbreitet wie noch nie. Die «Swiss Corona Stress Study» der Universität Basel zeigt: Basler Kinder und Jugendliche im Alter von 14 bis 24 Jahren sind von schweren depressiven Symptomen stärker betroffen als alle anderen Altersgruppen. Die Hauptgründe sind Stress durch Leistungsdruck an der Schule oder Uni, Sorgen um die berufliche Zukunft, Angst, Familie oder Freunde zu verlieren. Allesamt verursacht oder verstärkt durch die Pandemie.

Warteliste stieg von sechs Wochen auf fünf Monate

Die Inanspruchnahme der UPK (Universitäre Psychiatrische Kliniken Basel) habe schon während der Pandemie enorm zugenommen und die Institution an ihre Grenzen gebracht, weil sie dem Grundversorgungsauftrag nachkommen muss, erklärt Prof. Dr. Alain di Gallo, Klinikdirektor der Kinder- und Jugendpsychiatrie. «Krisen und Notfälle mussten wir immer rasch aufnehmen. Das ging jedoch auf Kosten jener Anmeldungen, die nicht zu dringend waren. Dann merkten wir, dass die Warteliste in der Polyklinik, also im ambulanten Bereich, von sechs Wochen auf fünf Monate anstieg».

Ein Bett habe man immer noch herrichten können, das sei nicht das Problem gewesen, so der Professor. Das Personal sei der entscheidende Punkt gewesen. Denn Psychiatrie sei Beziehungsarbeit. Es seien Menschen und Fachleute, die es dringend brauche.

Doch wie sieht es heute, nach der intensivsten Zeit der Pandemie und nach den Lockdowns aus? Es hat sich nicht viel verändert, so di Gallo. «Es hat sich heute auf einem hohen Niveau stabilisiert. Wir haben immer noch sehr viele Anmeldungen. Depressionen, aber auch andere Krankheiten sind dabei». Was vor allem auffalle, sei die Zunahme der Krisen, unter anderem auch der suizidalen Krisen. «Auch, dass es zuhause nicht mehr ging. Kinder und Jugendliche reagieren sehr stark auf Überforderung der Eltern oder des Umfelds und zeigen das häufig in Symptomen», so di Gallo.

Symptome sind vielfältig

Eine solche Krise oder Depression äussere sich bei Jugendlichen ähnlich wie bei Erwachsenen – und könne genau so vielfältige Symptome zeigen. «Sie ziehen sich zum Beispiel zurück, möchten nicht mehr zur Schule gehen oder Freunde treffen, machen vielleicht suizidale Äusserungen, haben keine Freude mehr, die schulischen Leistungen nehmen ab und nicht selten gibt es auch psychosomatische Beschwerden, wie Bauch- und Kopfschmerzen», so di Gallo.

Bei Kindern hingegen sei es schwieriger, eine solche Depression zu erkennen. Wenn ein Kind nicht mehr Spielen mag, weinerlich ist, nicht mehr in die Schule möchte oder ständig Bauch- oder Kopfschmerzen habe, müsse man aufhorchen, so der Facharzt.

Tierische Therapeuten auf dem Compas-Hof

Eine Behandlung von Kindern mit depressiven Symptomen, oder auch Krisen-Intervention genannt, sei nicht ganz einfach. Häufig brauche es dafür einen Szenenwechsel. Weg vom klinischen Umfeld. Kinder und Jugendliche, denen es schwer falle, in einem Raum über sich und ihre Gefühle zu sprechen, bekommen auf dem Compas-Hof in Riehen Unterstützung. Hier wird mithilfe von tierischen Therapeuten gearbeitet. Mit Hasen, Ponys, Hunden und Hühnern.

Die sogenannte tiergestützte Therapie baut darauf auf, dass Kinder ihre Gedanken und Gefühle einfacher auf ein Tier projizieren können, als direkt darüber zu sprechen, erklärt Psychologin Dr. Karin Hediger. «Man fragt, wie es dem Hasen wohl gerade geht. Fühlt er sich einsam, oder fühlt er sich traurig? Vielleicht interpretieren die Kinder dann, dass er ausgeschlossen wird von den anderen. Dann kann man überlegen, was man machen könnte, damit es dem Hasen besser geht, also nach Strategien suchen.

Kinder finden häufig einfacher Strategien, wie sie dem Häslein helfen könnten, als wenn man fragt: Was brauchst denn du?». Für viele Eltern sei der Compas-Hof die letzte Hoffnung, wenn andere Therapieformen keine Erfolge gebracht hätten. Eine erhöhte Nachfrage stelle auch Karin Hediger fest. Die Warteliste sei so lang wie noch nie.

Häufig grosse Selbstzweifel

Kinder und Jugendliche mit Depressionen hätten häufig grosse Selbstzweifel. Nach dem Motto «Ich kann das sowieso nicht, ich bin zu dumm, ich bin zu schlecht». In der Therapie mit Pony «Jyoti» könne ein Kind zum Beispiel lernen, wie es mit Misserfolgen konstruktiv umgeht, so Therapeutin Karin Hediger. «Es ist nicht ganz einfach, ein Pferd ohne Strick und Halfter dazu zu bewegen, mit einem mitzugehen. D. h. man muss sehr klar wissen, was man will, man muss innerlich dabei sein, darf nicht abgelenkt sein. Sobald man in Gedanken abschweift, beschäftigt sich das Pferd mit den Blättern auf dem Boden.

Dann geht es darum herauszufinden, wie man damit umgeht, wenn es nicht funktioniert, was man möchte, was einem für Gedanken durch den Kopf gehen». Dann schaue man, was passiert, wenn man trotzdem weitermacht. Der Lern-Effekt sei: «Wenn ich meine Gedanken ändere, dann wirkt sich das auch auf mein Verhalten/Auftreten aus», so Hediger.

Entlastung auf fehlende Therapieplätze

Seit dem 1. Juli 2022 können auch PsychologInnen (psychologische PsychotherapeutInnen) selbstständig über die obligatorische Grundversicherung abrechnen. Das hat zum Ziel, den Druck auf fehlende Therapieplätze entlasten. Bislang konnte man nur die Therapie bei PsychiaterInnen (MedizinerInnen) über die Grundversicherung abrechnen.

Leute, die sich eine Psychotherapie deshalb nicht leisten konnten, waren auf einen Platz bei einem Facharzt oder einer Fachärztin angewiesen, was die Wartelisten in den Praxen explodieren liess. Ob diese Änderung tatsächlich erfolgbringend ist, oder ob weitere Massnahmen seitens Bund nötig sind, lässt sich nach so kurzer Zeit nicht sagen.

Der Report: Heute Mittwoch Abend, stündlich ab 19:45 Uhr auf Telebasel.

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