Seit Ende September ist der Strafbefehl wegen Verleumdung rechtskräftig (Montage: telebasel.ch)
Basel

Ex-Chefredaktor: Schuldspruch, Geldstrafe und Busse

Ein ehemaliger Vorgesetzter wird verurteilt, weil er Sexgeschichten über eine Praktikantin erfand und diese an mindestens eine Drittperson verschickte.

«Miss (…) wurde zum Lustobjekt. Der junge Spanier hat das Urweib L. aus Basel gepackt, genommen, durchgenommen und zugeritten.»

«Auf dem Fußboden ihre Kleider – beim schrägen Gartentisch ihre Dessous und – und sie auf ihm. (…) Die Praktikantin im Lustspiel»

Passagen wie aus einem billigen Sexroman. Frei erfunden. Bis auf die Personen, die sind echt. L. war damals Praktikantin bei einem Lokalmedium. Der Verfasser der Texte war ihr Chef. Er verschickte diese Texte einer Drittperson.

Das ist strafbar. Zu diesem Schluss kommt die Staatsanwaltschaft im entsprechenden Strafbefehl. Sie schreibt in der Begründung: Dem Opfer werde unterstellt, über einen exzessiven Sexualtrieb zu verfügen. Oder, dass das Opfer während der Arbeitszeit Sex mit einem Interviewpartner gehabt hätte – was in Tat und Wahrheit zu keiner Zeit erfolgt war. Damit hat der Beschuldigte unehrenhaftes Verhalten impliziert und so den Ruf des Opfers geschädigt.

Bedingte Geldstrafe und Busse

Für die Staatsanwaltschaft ist damit der Tatbestand der Verleumdung (Art. 174 Ziff. 1 StGB) erfüllt. Im Strafbefehl verurteilt sie den Beschuldigten zu 40 Tagessätzen Geldstrafe. Diese Strafe ist bedingt vollziehbar. Zudem muss der Beschuldigte eine Busse bezahlen und trägt die Verfahrenskosten. Seit Ende September ist der Strafbefehl rechtskräftig und somit als Urteil zu betrachten.

Die Frage, ob darüber hinaus sexuelle Belästigung im strafrechtlichen Sinn vorliegt (und zwar im Sinne des Strafgesetzbuchs), bleibt unbeantwortet. Die Staatsanwaltschaft schreibt dazu, dass der Strafantrag nicht, respektive nicht rechtzeitig gestellt wurde (die Frist beträgt lediglich drei Monate).

Telebasel liegen eine Reihe von Nachrichten mit sexuellen Inhalten vor, die der Beschuldigte in seiner Funktion als Chef an seine Praktikantin verschickt hat. Wie sie strafrechtlich zu werten sind, oder ob sie – wie der Beschuldigte behauptete – im gegenseitigen Einverständnis verschickt wurden, ist also weder erwiesen noch widerlegt. In dieser Hinsicht gilt der Beschuldigte als unschuldig.

Beschuldigter spricht von Rehabilitierung

Trotz der Verurteilung infolge Verleumdung zeigt sich der Beschuldigte selbst uneinsichtig. Gegenüber Telebasel sieht er sich als Opfer: «Man hat die Sau nicht nur durch das Dorf, sondern durch ein ganzes (…) Tal, ja Regio Basiliensis getrieben.» Er unterstellt den Medien böse Absicht, diesen Fall publik gemacht zu haben: «Ich bin jener, den man gerne als ‘Weinstein vom Leimental’ hätte zerstören können.»

Auf ausdrücklichen Wunsch des Verurteilten erfolgt ausnahmsweise eine Publikation des Strafbefehls, weil dieser darin eine Rehabilitation seiner Person erblickt: «Mir liegt sehr daran, dass das Urteil publiziert wird.» (Downloadlink am Ende).

Druck auf die Telebasel-Redaktion

Telebasel hatte den Fall Ende 2021 aufgedeckt. Seither wurde von verschiedener Seite versucht, Druck auf die Redaktion auszuüben. Das Netzwerk und der Einfluss des früheren Chefredaktors reicht so weit, dass er seine Sicht der Dinge in einem anderen Basler Medium ankündigt: «Sie werden von anderen Instanzen (Media, primär Basler Zeitung, und Herrn Dr. Suter [Anm. d. Red: Anwalt des Beschuldigten]) hören.»

Weshalb sich die BaZ in der Folge derart hinter einen früheren Chefredaktor und Sportjournalisten stellt und das Strafmass unvollständig wiedergibt, bleibt unklar. Der Chefredaktor der Basler Zeitung, Marcel Rohr, hat diese Frage bis Redaktionsschluss nicht beantwortet.

Strafbefehl der Basler Staatsanwaltschaft vom 19. August 2022.

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