Die SNB-Spitze überraschte am Donnerstag beim Leitzins mit einem kräftigen Schritt nach oben. (Bild: Keystone)
Schweiz

So reagieren Ökonomen und Analysten auf den SNB-Zinsentscheid

Die Gewerkschaften reagieren mit Unverständnis auf die SNB-Zinserhöhung. Die ersten Meinungen von Ökonomen und Analysten fallen unterschiedlich aus.

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) hat den Leitzins überraschend deutlich angehoben. Die Notenbank erhöht den sogenannten SNB-Leitzins um 0,50 Prozentpunkte auf -0,25 Prozent, wie sie am Donnerstag mitteilte. Damit wollen die Währungshüter dem inflationären Druck entgegenwirken. Ihre Inflationsprognosen hat die SNB ebenfalls angehoben. Die Gewerkschaften sind nicht einverstanden mit dem Entscheid der SNB. Die ersten Einschätzungen von Ökonomen und Analysten fallen gemischt aus.

VP Bank, Thomas Gitzel:

Glückwunsch, SNB. Die Zinserhöhung ist die richtige Entscheidung. Um Inflationsgefahren zu begegnen, bedarf es eines klaren Handelns. Auch dass die SNB vor der EZB reagiert, ist richtig. Die SNB hat sich damit emanzipiert. Dies macht aber einmal mehr deutlich, wie sehr die EZB im Hintertreffen ist. Bereits zum Jahresende wird in der Schweiz ein klares positives Zinsniveau zu verzeichnen sein.

Safra Sarasin, Karsten Junius:

Wir halten die Zinserhöhung für völlig gerechtfertigt und auch für notwendig, um die Glaubwürdigkeit der SNB bei der Inflationsbekämpfung zu stärken und zu zeigen, dass sie unabhängig von der EZB agiert. Noch wichtiger ist, dass sie signalisierte, eine weitere Aufwertung des Frankens zuzulassen. Wir gehen davon aus, dass die SNB auf ihren nächsten vier vierteljährlichen Sitzungen den Leitzins erneut um je 25 Basispunkte anheben wird.

Mirabaud, Gero Jung:

Die SNB redet nicht nur restriktiv – sie lässt dies auch mit Taten folgen.

EFG AM, GianLuigi Mandruzzato:

Das ist eine grosse Überraschung! Niemand hat erwartet, dass die SNB so aggressiv vorgehen würde, nicht zuletzt, weil sie keine Hinweise in diese Richtung gegeben hat. Interessanterweise wurde die Einschätzung, dass der Schweizer Franken hoch bewertet ist, fallen gelassen, aber die Zusage, an den Devisenmärkten zu intervenieren, bestehen blieb.

Credit Suisse, Maxime Botteron

Die SNB erwähnt, dass sie bereit ist, «bei Bedarf» am Devisenmarkt aktiv zu werden, um «angemessene monetäre Bedingungen zu gewährleisten.» Unseres Erachtens könnte dies bedeuten, dass die SNB Fremdwährungen verkauft, um eine zu starke Abwertung des Frankens zu verhindern, da dies die Inflation anheizen würde. Der Kauf von Fremdwährungen bei gleichzeitiger rascher Anhebung des Leitzinses ist unseres Erachtens wenig sinnvoll.

Raiffeisen, Alexander Koch:

Die SNB hat sich im Umfeld eines sich immer schneller drehenden Normalisierungskarussells der anderen Notenbanken dann doch selbst ebenfalls früher aus der Deckung gewagt. Damit wurde der bislang «heilige» Zinsabstand zur EZB nicht nur verringert, sondern umgekehrt.

Bantleon Bank, Jörg Angelé:

Mit dem heutigen Schritt demonstriert die SNB zum einen, dass sie die zuletzt gestiegenen Inflationsrisiken ernst nimmt und zum anderen, dass sie unabhängig von der EZB handelt. Damit liegt der Leitzins in der Schweiz nun erstmals seit 1999 über dem der Eurozone.

Capital Economics, Davis Oxley:

In Anbetracht der Tatsache, dass die SNB in der Vergangenheit immer wieder ausserplanmässige Ankündigungen gemacht hat, halten wir es für sehr wahrscheinlich, dass sie die Zinssätze vor der nächsten planmässigen Sitzung im September erneut anheben wird, und zwar auf Null oder sogar in den positiven Bereich.

Woodman, Alan Mudie:

Wir glauben, dass die heutige Ankündigung eine Wende in ihrer Währungspolitik signalisiert. Indem sie der EZB zuvorgekommen ist, hat die SNB signalisiert, dass sie ihre Bemühungen um eine Begrenzung der Frankenstärke gegenüber dem Euro und dem US-Dollar aufgibt. Die SNB hat ihren Schwerpunkt von der Eindämmung der Frankenstärke auf die Inflationsbekämpfung verlagert.

Für Gewerkschaften unverständlich

Die Gewerkschaften sind nicht einverstanden mit dem Entscheid der SNB, die Zinsen um einen halben Prozentpunkt zu erhöhen. Für den Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB) agiert die SNB mit «unangebrachter geldpolitischer Härte», wie der Dachverband am Donnerstag mitteilte.

Mit dem überraschenden Zinsschock löse die Schweizerische Nationalbank eine Frankenaufwertung und eine Verunsicherung aus, so der SGB. Seiner Ansicht nach sind die Teuerungsgefahren gering sind und die höheren Preise vor allem auf Sondereffekte infolge von Krieg und Corona-Massnahmen zurückzuführen. Dennoch habe die SNB voll auf den Inflationsbekämpfungsmodus geschaltet.

«Die Zinserhöhung ist unverständlich und bringt Konjunkturrisiken sowie Verunsicherung an den Finanzmärkten», sagte SGB-Chefökonom Daniel Lampart gegenüber AWP. Indirekt bedeute der Zinsentscheid auch, dass die SNB eine weitere Aufwertung des Frankens zulassen werde, obwohl der Franken nach wie vor überbewertet sei, erklärte der SGB. Die SNB lasse dabei im Unklaren, wohin sie die Schweiz und den Franken führen wolle. Die Gewerkschaften fürchten in der Folge um Arbeitsplätze und Löhne, etwa im Tourismus.

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