Die Bezeichnung «Roman» kommt bei LeserInnen meist besser an als «Erzählung» oder «Novelle». (Symbolbild: Keystone)
Schweiz

Warum Bücher immer dünner werden

Romane hatten früher meist einen stattlichen Umfang. Heutzutage kommen sie auch gerne schlanker daher, mit 100 Seiten oder weniger. Doch woran liegt das?

Nicht überall, wo «Roman» draufsteht, ist auch ein Roman drin. War früher ein stattlicher Umfang Kennzeichen der Gattung Roman, so häufen sich heute die gut 100-seitigen Romänchen. Dahinter steckt buchhändlerisches Marketing, wie die Nachfrage bei Schweizer Verlagen ergab. Aber auch Papierpreis, Logistik und Zeitgeist tragen dazu bei.

«Rosablanche» heisst der 112 Seiten schmale Erstling des Waadtländers Matias Jolliet, soeben in deutscher Übersetzung erschienen. Benannt nach einem 3336 Meter hohen Berg der Walliser Alpen, erzählt dieses Büchlein die klassische Bergsteigergeschichte: Aufstieg, Naturerlebnis, Grenzerfahrung, Selbsterkenntnis, Abstieg.

«In meinem Rücken höre ich einen furchterregenden, hohlen, beinahe kehligen Laut, der aus dem Grund der Schlucht aufsteigt, die mich beinahe verschluckt hätte. Der Berg hat einen neuen Teil meiner Persönlichkeit verschlungen und eben verdaut.» Jolliets Ich-Erzähler gibt auf seinem Weg zum Gipfel nichts preis ausser seinen Tritten und Griffen, den körperlichen Empfindungen und geistigen Horizonterweiterungen dabei. Er ist nicht einzuordnen in ein Alltagsleben anderswo, ein soziales Gefüge. Das alles zählt nichts am Berg und wird auch nicht erzählt.

Solche Ausschnitthaftigkeit steht für die Gattung Kurzgeschichte. Doch im französischen Original erschien Jolliets Erstling 2018 als Roman. Nicht so die deutsche Ausgabe: «Wir bringen das Buch als Erzählung auf den Markt», sagt Judith Kaufmann, Verlegerin der Edition Bücherlese, gegenüber Keystone-SDA. Die Erzählung, auch «der kleine Roman» genannt, ist allerdings eine derzeit wenig populäre Bezeichnung – ein Risiko, das die Bücherlese in Kauf nimmt, um keine Mogelpackung zu servieren.

Etikettenschwindel und echte Dichte

«Steht Erzählung auf dem Cover, macht dies den Verkauf des Buches nicht einfacher», meint Thomas Gierl, Verlagsleiter des inzwischen in Basel ansässigen einstigen Berner Zytglogge Verlags. «Und noch problematischer ist es mit der Gattungsbezeichnung Novelle.» Dass aus Marketinggründen auf alle möglichen belletristischen Werke der Stempel «Roman» gedrückt werde, sei eigentlich ein Etikettenschwindel.

Bei Zytglogge stellt sich dieses Problem jedoch eher selten, da der Verlag meist umfangreichere historische Romane und Romanbiografien veröffentlicht. Diese dürfen laut Gierl 300 bis 500 Seiten stark sein, da das entsprechende Publikum möglichst tief eintauchen wolle in Epoche und Milieu. Für zeitgenössische Romane gilt ein Richtwert von 200 bis 300 Seiten, für Sachbücher sind 150 bis 250 Seiten vorgesehen. «Nicht nur wenn ein Buch zu dick ausfällt, sondern auch wenn es einen gewisse Umfang unterschreitet, kann dies den Verkauf bremsen», so die Erfahrung des Verlagsleiters.

Trotzdem hat Zytglogge diesen Frühling den 112-seitigen Roman «Die Geschichte nach der Geschichte» von Michael Düblin veröffentlicht. Er thematisiert das Innehalten während der Corona-Pandemie und die Macht der Erinnerung. Michael Düblin ist als Autor in der Lyrik verwurzelt, wie Lisa Elsässer, deren Roman «Im Tal» fast zeitgleich und mit derselben Seitenzahl bei der Edition Bücherlese erschienen ist.

«Unsere Erfahrung zeigt, dass Prosatexte von Lyrikerinnen und Lyrikern oft dichter und kürzer sind», stellt Verlegerin Judith Kaufmann fest. Das ist nachvollziehbar. Aber auch sonst ist man sich auf Verlagsseite einig: Der Text diktiert den Umfang des Buches, er darf weder künstlich verlängert noch über das nötige Mass hinaus gekürzt werden, um im Literaturgeschäft besser zu laufen.

Reduktion aufs Maximum

«Natürlich sind bei gestiegenen Papierpreisen und Logistikkosten umfangreichere Bücher teurer in der Kalkulation», räumt Nina Krause, Programmleiterin bei Nagel&Kimche, ein. Gleichzeitig betont auch sie, dass die verlegerischen Entscheide aufgrund anderer Kriterien gefällt würden: «Es kommt auf den einzelnen Text an. Muss er gestrafft werden – beispielsweise aus stilistischen Gründen, vom Erzählfluss her – oder sollen im Gegenteil bestimmte Aspekte stärker erzählt werden, was beinhaltet, dass der Umfang zunimmt? Wir finden es sinnvoll, sowohl Romane mit mehr als auch mit weniger Umfang anzubieten, da es für beides eine Leserschaft gibt.»

Um das Spiel mit den 112 Seiten noch etwas weiter zu treiben, seien hier weitere Romane dieses Umfangs erwähnt. Kürzlich bei Nagel&Kimche erschienen sind: Dagmar Schifferlis «Meinetwegen» und Marianne Künzles «Da hinauf». Letzterer erzählt eine weitere Geschichte vom Berg, wie auch der 112-seitige Roman «Bruchpiloten» von Claudia Walder, im März bei Die Brotsuppe erschienen.

Rückkehr aufs Land, Besinnung aufs Ureigene, Reduktion aufs Nötigste: Das ist derzeit angesagt. Ob es diesem Zeitgeist gemäss auch weniger Worte braucht, um eine Geschichte zu erzählen, bleibt offen. Immerhin findet der Held in Matias Jolliets «Rosablanche» seinen Idealzustand in einem einzigen Satz: «Dann steht plötzlich alles still, und mich umschliesst ein mineralisches Schweigen.»*

*Dieser Text von Tina Uhlmann, Keystone-SDA, wurde mithilfe der Gottlieb und Hans Vogt-Stiftung realisiert.

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