Die Pockenimpfung hinterliess Narben. (Bild: Keystone)
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Helfen die Affenpocken der alten Pockenimpfung zum Comeback?

Die Fälle von Affenpocken in westlichen Ländern sorgen bei vielen Menschen für ein Déjà-vu: Braucht es wie bei Corona mehr Impfschutz in der Bevölkerung?

Bis heute zeugt die Narbe am Oberarm vieler Erwachsener davon: 1967 startete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine weltweite Impfkampagne gegen Pocken, im Zuge derer Milliarden geimpft wurden. Es war der Anfang vom Ende der Krankheit. Sie hatte zuvor jahrtausendelang gewütet. Selbst bei ägyptischen Mumien fanden sich pockenähnliche Hautausschläge. Drei von zehn Infizierten starben nach Angaben der US-Seuchenschutzbehörde CDC. Bereits 1980 erklärte die WHO die Ausrottung der Pocken weltweit.

Seit dem Ende von Pockenimpfungen – die Pflicht zur Erstimpfung wurde etwa in der Schweiz 1972 aufgehoben – sind allerdings immer weniger Menschen gegen das Variolavirus immun, das die Pocken hervorruft. Mit der derzeit ungewöhnlichen Häufung von Affenpockenfällen in westlichen Ländern durch einen verwandten Erreger stellt sich die Frage nach erneuten Impfungen. Speziell gegen Affenpocken gibt es in Europa keine zugelassenen Impfstoffe. Allerdings nehmen Fachleute an, dass herkömmliche Pockenimpfstoffe einen gewissen Schutz bieten.

Insbesondere nach dem Anschlag auf das World Trade Center in den USA legten viele Länder aus Furcht vor Bioterrorismus Vorräte mit Pockenimpfstoff an. Vermehrungsfähige echte Menschenpockenviren lagern in den USA und in Russland, wie der Virologe Norbert Nowotny vom Institut für Virologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien sagte. «Rückblickend muss man aber festhalten, dass die Ängste vor Bioterrorismus nach 2001 irrational waren. Der Einsatz von Pocken als Waffe wäre schliesslich überhaupt nicht kontrollierbar.»

Impfstoff in der Schweiz nicht zugelassen

Mittlerweile gibt es in Europa einen Pockenimpfstoff der dritten Generation. In der Schweiz ist dieser allerdings nicht verfügbar respektive zugelassen. Das seit 2013 in der EU für Erwachsene gegen Pocken zugelassene MVA-Vakzin heisst Imvanex und kommt von der deutsch-dänischen Firma Bavarian Nordic.

In den Vereinigten Staaten ist es bereits gegen Affenpocken zugelassen. Die WHO wies kürzlich darauf hin, dass es nicht flächendeckend verfügbar sei. Britische Gesundheitsbehörden haben jüngst mehr als 1000 Dosen davon an Kontaktpersonen von Affenpocken-Infizierten verabreicht.

Auch Deutschland sorgt für den Fall vor, dass solche sogenannten Ringimpfungen bei Kontakten von Erkrankten notwendig werden sollten: Der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach kündigte die prophylaktische Bestellung von bis zu 40’000 Dosen Imvanex an. Konkrete Pläne, diesen auch zu verwenden, gebe es noch nicht. In der Schweiz erklärte die Vizedirektorin des Bundesamts für Gesundheit (BAG), Linda Nartey, dass Abklärungen zur Verfügbarkeit und Beschaffung eines Impfstoffes im Gang seien.

In dem neueren Impfstoff sieht der Wiener Facharzt für Impfen und Reisemedizin Herwig Kollaritsch allenfalls ein Instrument, um Menschen zu impfen, die ein hohes Risiko haben, dem Erreger ausgesetzt zu sein, etwa Personal spezieller Isolierstationen. «Für die breite Bevölkerung wäre diese Impfung Unfug. Affenpocken sind wesentlich harmloser als die Pocken und infektionsepidemiologisch von viel geringerer Bedeutung. Wir müssen auch bedenken, dass eine sehr gute Therapie für Infizierte verfügbar ist.»

Virus ist träge und mutiert kaum

Der Erreger der Affenpocken sei ein DNA-Virus, sagte der Virologe Nowotny. Das heisse, es sei sehr viel träger als Sars-CoV-2 und mutiere kaum. Varianten werde man daher nicht so schnell sehen.

Das deutsche Robert Koch-Institut (RKI) hielt fest, dass nach derzeitigem Wissen ein enger Kontakt für eine Erreger-Übertragung erforderlich sei, «deshalb kann gegenwärtig davon ausgegangen werden, dass der Ausbruch begrenzt bleibt». Empfohlen wird Isolierung beziehungsweise Quarantäne für Infizierte und ihre engen Kontakte.

Kontakte von Infizierten müssen aus Expertensicht genau nachverfolgt werden. Das kann aber herausfordernd werden: Die Inkubationszeit beträgt laut RKI 5 bis 21 Tage. Menschen mit mehreren Sexualpartnern haben nach RKI-Einschätzung eine höhere Infektionsgefahr als andere. Gerade bei ihnen dürften aber auch anonyme Kontakte eine Rolle spielen.

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