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Der Telebasel News Beitrag vom 15. Januar 2022.
Region

«Zu viele offene Fragen»: Ökonominnen zur Individualbesteuerung

Eine Initiative möchte die Heirats- und ZweitverdienerInnenstrafe der Bundessteuer ausmerzen. Ist die reine Individualbesteuerung ein realistisches System?

Eine neue Initiative will die direkte Bundessteuer vom Zivilstand unabhängig machen. Dies mit der sogenannten Individualbesteuerung. So sollen die Heiratsstrafe und die Benachteiligung von ZweitverdienerInnen in der Ehe ausgemerzt werden.

Die Initiative hat also keinen geringeren Anspruch, als das Schweizer Steuerwesen zu reformieren. Doch was sagen ÖkonomInnen zu diesem Vorhaben?

«Erwerbseinkommen von Müttern geht um 70 Prozent zurück»

Die Schweiz ist eines der wenigen Länder in Europa, das noch nicht zur Individualbesteuerung gewechselt hat. Hierzulande sind die Vor- und Nachteile der Steuern an den Zivilstand geknüpft. Verheiratete Doppelverdiener-Paare werden höher besteuert als unverheiratete.

Massgebend ist bei den Verheirateten das Einkommen vom Mann, weil jenes oft höher ist. Das wiederum macht es für viele Frauen unattraktiv, mehr arbeiten zu gehen. Das weiss Wirtschaftswissenschaftlerin Anja Roth, die zu diesem Thema forscht. «Wir haben gesehen, dass das Erwerbseinkommen von Müttern um etwa 70 Prozent zurückgeht im Vergleich zum Einkommen vor der Geburt. Das ist natürlich markant», so Roth.

In andern Ländern sei das geringer. Man sehe auch, dass Frauen in Ländern mit reiner Individualbesteuerung oft zu einem höheren Pensum erwerbstätig sind. «Ob das genau darauf zurückzuführen ist, oder auf andere Sachen, wie die Subventionierung von Kinderbetreuung, ist eine andere Frage, aber man sieht eine Korrelation.»

Initiative «zu offen formuliert»

Diesem Schwund an Müttern auf dem Arbeitsmarkt will die Initiative entgegenwirken. Beat Hintermann, Professor an der Universität Basel, findet es wichtig, eine Individualbesteuerung auch in der Schweiz einzuführen. Er sehe aber noch Lücken in der Idee: «Es kann nicht sein, dass heutzutage die Besteuerung vom Zivilstand abhängig ist. Die Initiative ist aber so offen formuliert, dass die Konsequenzen nicht ganz absehbar sind.»

Wenn man sie in der Reinform umsetzen, also den Alleinstehenden-Tarif auf alle SchweizerInnen anwenden würde, gebe es nicht nur Gewinner, sondern eben auch Verlierer. Die einen würden viel mehr zahlen und die anderen viel weniger, erklärt der Ökonom.

Das führe zu einer massiven Umverteilung in der Steuerbelastung. «Wenn hingegen alle den tieferen Tarif zahlen würden, oder sie ihn selber wählen könnten, würde das zu grossen Verlusten in der Steuereinnahme führen.» Es seien sehr viele verschiedene Auswirkungen möglich, die im Initiativtext nicht formuliert seien, so Hintermann.

Wichtiger Schritt zur Gleichstellung

Grundsätzlich sehen beide Experten in der Individualbesteuerung jedoch einen wichtigen und grossen Schritt zur Gleichstellung. «Viele Länder in Europa wenden das schon an. Deshalb ist es durchaus realistisch», so Anja Roth. Ob das an der Urne durchkommt, ist eine ganz andere Frage. «Es gibt noch viele Details, die man klären muss, zum Beispiel wie man mit einem Kinderabzug umgeht, das ist noch relativ unklar, das muss noch definiert werden, aber grundsätzlich ist das System anwendbar.»

Das Initiativkomitee habe bis jetzt die Hälfte der benötigten Unterschriften gesammelt, gab Eva Herzog am Montag an der Pressekonferenz bekannt. Bis im September müssen 100’000 Unterschriften gesammelt werden, damit die Initiative der Bundeskanzlei zur Prüfung vorgelegt werden kann.

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