Geht Ende 2021 vom Netz: Das Atomkraftwerk Gundremmingen C im Bundesland Bayern. (Archivbild: Keystone)
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Deutschland schaltet 2022 die letzten AKW ab

Deutschland schaltet zum Jahresende die Hälfte seiner noch verblieben sechs Atomkraftwerke ab. Die übrigen drei AKW gehen Ende 2022 vom Netz.

Nach rund 35 Jahren Laufzeit endet an Silvester der Betrieb der Reaktoren Brokdorf (Schleswig-Holstein), Grohnde (Niedersachsen) und Gundremmingen C (Bayern). Sie haben eine Leistung von zusammen rund 4’200 Megawatt. Bis spätestens Ende nächsten Jahres folgen Isar 2 (Bayern), Emsland (Niedersachsen) und Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg).

Im Zuge der sogenannten Energiewende will Deutschland die Stromerzeugung weitgehend auf erneuerbare Energien umstellen. Davon ist Europas grösste Volkswirtschaft allerdings noch weit entfernt.

Kohleanteil wieder gestiegen

In diesem Jahr kamen noch knapp zwölf Prozent der Bruttostromerzeugung aus Kernkraft. Der Anteil der erneuerbaren Energien sank nach Angaben des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) im Vergleich zum Vorjahr von 44,1 auf 40,9 Prozent, weil oft zu wenig Wind für die gut 30’000 Windräder im Lande wehte. Der Kohleanteil an der Stromerzeugung stieg wieder, und zwar von 23,8 auf 27,9 Prozent.

Schon vor rund 20 Jahren hatte die damalige rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) den Atomausstieg eingeleitet. Der Neubau von Atomkraftwerken wurde in Deutschland verboten, die Laufzeit der damals noch 19 Reaktoren begrenzt.

Kehrtwende nach Fukushima

Eine christlich-liberale Koalition unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) verlängerte 2010 die Laufzeiten wieder um durchschnittlich zwölf Jahre. Unter dem Eindruck der Reaktorkatastrophe in Fukushima (Japan) im März 2011 vollzog Merkel dann eine Kehrtwende. Acht der zu dem Zeitpunkt noch 17 Atomkraftwerke wurden sofort stillgelegt, für die übrigen neun ein gestaffelter Zeitplan bis 31.12.2022 im Atomgesetz festgeschrieben.

Deutschland will sich auch von der besonders klimaschädlichen Kohleverstromung verabschieden. Der schrittweise Ausstieg soll nach bisherigen Stand 2038 abgeschlossen sein, die neue «Ampel»-Regierung aus Sozialdemokraten, Grünen und Liberalen will ihn aber «idealerweise» auf 2030 vorziehen.

«Grüne» Energien bis 2030 verdoppeln

Bis 2030 sollen 80 Prozent des Stroms in Deutschland aus Windrädern, Sonnenkollektoren oder Biogasanlagen stammen. Das wäre in etwa eine Verdoppelung des Niveaus von 2021. Um dies zu erreichen, will die «Ampel»-Regierung Planungs- und Genehmigungsverfahren «erheblich beschleunigen». Schon jetzt gibt es viel Widerstand von Anwohnern oder Naturschützern gegen den Bau neuer Windräder. Auch der Bau gewaltiger «Strom-Autobahnen», um den Windstrom von den norddeutschen Küsten zu den industriellen Zentren im Süden des Landes zu leiten, hinkt dem Zeitplan hinterher.

Derzeit exportiert Deutschland mehr Strom als es einführt. Nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist die Versorgungssicherheit in Deutschland durch die Abschaltung der letzten sechs Atomkraftwerke kurz- und auch langfristig nicht gefährdet. Allerdings würden zusätzliche 40 Millionen Tonnen des Treibhausgases CO2 entstehen. Dies sei vor dem Hintergrund der Gefährlichkeit von Kernkraft hinzunehmen, heisst es in der Studie.

Suche nach Endlager für Atommüll

Bis 2031 soll in Deutschland der Standort für ein Atommüllendlager festgelegt werden, mit Widerstand in den in Frage kommenden Regionen ist zu rechnen. Laut DIW geht es um 27’000 Kubikmeter hoch radioaktiven Abfalls, die für eine Million Jahre sicher gelagert werden müssen. Das Institut sieht den Atomausstieg als Voraussetzung dafür, dass ein Endlager gesellschaftlich auch akzeptiert wird.

Deutschland wehrt sich vehement gegen Erwägungen der EU-Kommission, Atomenergie als «nachhaltige» Technologie einzustufen. Dies wird unter anderem von Frankreich gefordert, das in hohem Masse auf Atomenergie setzt. Die sogenannte Taxonomie-Verordnung der Kommission wird mit Spannung erwartet.

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