In Spaniens Metropole Barcelona und generell auf der iberischen Halbinsel ist die Corona-Lage zurzeit verhältnismässig entspannt. (Bild: Unsplash)
International

Spanien und Portugal sind plötzlich Europas Corona-«Oase»

Während die Pandemie in den meisten europäischen Ländern wieder für Alarmstimmung sorgt, gibt das Coronavirus der Minderheitsregierung in Spanien Auftrieb.

Von Emilio Rappold, dpa

Die Oppositionspolitiker, die «früher so geschrien haben, schweigen jetzt», rief Ministerpräsident Pedro Sánchez dieser Tage in der Touristenhochburg Benidorm. Der «bevorstehende Triumph» gegen die Pandemie sei «ein Erfolg der Regierung und der gesamten spanischen Gesellschaft», sagte der Sozialist vor jubelnden Anhängern «mit geschwellter Brust», wie Medien feststellten. Er versprach, «vielleicht im Frühling» werde das Virus endgültig besiegt sein».

In der Tat: Sowohl Spanien als auch das westliche Nachbarland Portugal sind derzeit, wie die spanische Zeitung «El Periódico» schrieb, eine Corona-«Oase» in Europa. Zwar klettert die 7-Tage-Inzidenz seit etwa einem Monat auch in beiden Ländern wieder. In Spanien zum Beispiel vom 2021er-Tiefstwert von ca. 18 Mitte Oktober auf zuletzt 55. In Portugal lag die Zahl bei etwa 100. Doch diese Werte sind im Vergleich zu denen anderer Länder immer noch sehr niedrig.

«Grosses Vertrauen in die Wissenschaft»

Für mehr Entspannung als die relativ niedrigen Infektionszahlen sorgen auf der iberischen Halbinsel derweil vor allem die wenigen schweren Fälle. Die Zahl der Covid-Intensivpatienten ging in Portugal etwa von Dienstag zum Mittwoch um fünf auf 75 zurück. «Die Lage in den Krankenhäusern ist überall sehr entspannt», schrieb die renommierte Zeitung «Público» unter Berufung auf eigene Reporter. Und auch in Spanien sind nur 3,6 Prozent aller Krankenhaus- und rund 13 Prozent aller Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt. 2G oder Impfpflicht stehen bei den Iberern daher gar nicht zur Debatte.

Kaum jemand glaubt, dass es Zufall ist, dass die verhältnismässig entspannte Lage in Ländern registriert wird, deren Impfquoten mit 87 (Portugal) sowie knapp 80 Prozent (Spanien) mit die höchsten in Europa und auch weltweit sind. Impfgegner sind unterdessen in Madrid und Barcelona, in Lissabon und Porto kaum zu hören. «El Mundo» weiss, warum das so ist: «Die Spanier haben grosses Vertrauen in die Wissenschaft und einen ausgeprägten Sinn für Disziplin», kommentierte das Blatt an diesem Dienstag.

In Portugal ist es ähnlich. «Wenn ich im Fernsehen die Kundgebungen der Verschwörungstheoretiker in Deutschland, England und anderen Ländern sehe, bin ich sehr stolz auf meine Landsleute», sagte Wirtin Fernanda der Nachrichtenagentur dpa in Lissabon.

Vorsichtige BürgerInnen

Doch nicht nur hohe Impfquoten tragen in Spanien und Portugal zum Erfolg bei. Obwohl es in beiden Ländern zurzeit nur wenige Corona-Beschränkungen gibt und Sánchez tönt, bleiben die Bürger zumeist vorsichtig. Ja, sie geniessen in den überfüllten Restaurants und Bars das Leben in vollen Zügen, tragen auf der Strasse aber immer noch fast immer Maske. Und schon bei geringen Anstiegen der Zahlen warnen die Medien und reagieren die Behörden.

Die Regionen Valencia und Baskenland wollen für das Nachtleben den Covid-Pass einführen, den in Spanien bisher nur die Balearen mit Mallorca sowie Galicien anwenden. Die Polizei in Madrid schlägt für den erwarteten Weihnachtsrun auf die Läden die Wiedereinführung der Maskenpflicht im Freien für Einkaufsmeilen wie die Gran Via vor. Und in Portugal kommt die Regierung am Freitag zur Evaluierung der Lage zusammen.

Sonnenschein im Tourismus

Stolz wie Wirtin Fernando, und vor allem glücklich, ist in Portugal auch die Staatssekretärin für Tourismus, Rita Marques. Bei Treffen mit Airline-Vertretern und Reiseveranstaltern betonte sie immer wieder, Portugal habe «die höchste Impfquote der Welt».

In Benidorm im Osten Spaniens, wo Sánchez sich vor wenigen Tagen im Erfolg sonnte, geniessen dieser Tage viele Touristen die Corona-Entspannung und die Temperaturen von zum Teil noch immer über 20 Grad.

Fernanda und wohl alle Wirte in Spanien und Portugal reiben sich die Hände. Die Erholung des Tourismussektors ist, wie Rita Marques betonte, «in vollem Gange». Doch nicht alle freuen sich über die Besucher aus den europäischen Corona-Hochburgen. Der portugiesische Starkarikaturist Luis Afonso liess seine Figur «Bartoon», die die letzte Seite von «Público» seit 28 Jahren ziert, am Mittwoch die Werbetour von Staatssekretärin Marques ironisch kommentieren. «Sind die Deutschen nicht diejenigen, die haufenweise Infektionen haben?»

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