Kläger sind die Hinterbliebenen eines Österreichers, der sich im Skiurlaub im März 2020 mit dem Virus infiziert hatte und später verstarb. (Bild: Keystone)
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Erster Prozess um Corona-Ausbruch im Party-Skiort Ischgl

Eineinhalb Jahre nach dem Corona-Ausbruch im Tiroler Skiort Ischgl hat in Wien der erste Prozess um Schadensersatz begonnen.

Die Witwe und der Sohn fordern in einer sogenannten Amtshaftungsklage nun von der Republik Österreich 100’000 Euro Schadenersatz. Der unter regen Medieninteresse aus dem In- und Ausland eröffnete Prozess am Landesgericht für Zivilsachen ist nur der Auftakt einer Reihe von Verhandlungen. Ein Vergleich wurde vonseiten Österreichs abgelehnt.

In dem für seine Partyszene bekannten Wintersportort Ischgl, der auch als «Ibiza» der Alpen bezeichnet wird, war es im März 2020 mitten in der Skisaison zu einem Corona-Ausbruch gekommen. Hunderte Österreicher und Tausende ausländische Feriengäste, darunter auch Schweizer, infizierten sich vermutlich unter anderem in überfüllten Apres-Ski-Bars. Die in ihre Heimatländer zurückgekehrten Wintersportler verbreiteten daraufhin das Virus in ganz Europa. Der Ort mit seinen rund 11’000 Gästebetten gilt seitdem als einer der Hotspots für die Verbreitung des Virus.

Im Visier der Kritik stehen die Tiroler Gesundheitsbehörden, die nach Ansicht des Verbraucherschutzvereins (VSV) zu zögerlich den Skibetrieb geschlossen hätten, obwohl es Warnungen aus Island im Zuge infizierter Urlaubsrückkehrer geben habe. Der Verein vertritt die Kläger juristisch und hat die Klagen eingereicht.

Klagen wohl auch aus der Schweiz

Österreichische Rechtsschutzversicherungen würden aufgrund der «Pandemieklausel» die Deckung – aus Sicht des Vereins ungerechtfertigterweise – ablehnen, hiess es vom VSV. Daher würden die Klagen mit Rechtsschutzversicherungen derzeit auf Belgien, Niederlande, Grossbritannien und die Schweiz ausgeweitet.

VSV-Obmann Peter Kolba rechnete mit mindestens drei Klagen auch von Schweizer Betroffenen, wie er der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens SRF sagte. Diese Personen seien von einer Rechtsschutzversicherung gedeckt.

Kolba rechnete schlussendlich mit «bis zu 3000» Ansprüchen, die an die Republik Österreich gestellt würden, sowie mit Sammelklagen nach österreichischem Recht. An die 6000 Betroffene hätten sich an den VSV gewandt.

«Es gab Berichte von isländischen Urlaubern, dass sie nach ihrer Heimkehr Anfang März Symptome entwickelt haben und positiv auf Covid-19 getestet wurden», sagte der Anwalt der Kläger, Alexander Klauser, vor Journalisten. Die Behörden hätten jedoch verbreitet, dass sich die Isländer mit hoher Wahrscheinlichkeit auf ihrem Rückflug nach Hause angesteckt hätten. Die Tiroler Behörden weisen die Vorwürfe zurück. Angesichts der damaligen Erkenntnisse über das Virus habe man angemessen gehandelt, hiess es früheren Angaben zufolge.

Chaotische Zustände bei der Abreise

Darüber hinaus sieht der Verein das Vorgehen von Österreichs Kanzler Sebastian Kurz kritisch. Der konservative Politiker habe am 13. März vor laufenden Kameras angekündigt, dass das Paznauntal und St. Anton ab sofort unter Quarantäne gestellt werden. «Dafür war er weder zuständig noch lagen die rechtlichen Voraussetzungen zu diesem Zeitpunkt vor», sagte Klauser.

Die überraschende Ankündigung des Kanzlers hat nach Ansicht des Verbraucherschutzvereins zu chaotischen Zustände vor Ort geführt. «Die lokalen Behörden waren überhaupt nicht vorbereitet auf das was dann einsetzte», sagte Klauser.

Zehntausende Urlauber, die teilweise noch auf Skipisten unterwegs waren, seien in Skischuhen zu ihren Autos geflüchtet, umso rasch wie möglich abzureisen. Auch der verstorbene Mann, dessen Hinterbliebene nun klagen, dürfte sich bei der Abreise in einem Bus angesteckt haben.

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