Wegen der drohenden Überlastung der Spitäler sei die Ausweitung der Zertifikatspflicht alternativlos, hatte der Bundesrat am vergangenen Mittwoch verkündet. (Bild: Keystone)
Schweiz

Für diese Aktivitäten braucht man ab heute ein Covid-Zertifikat

Ab dem 13. September gilt in vielen Innenräumen eine Covid-Zertifikatspflicht. Hier lesen Sie alles, was Sie darüber wissen müssen.

Während die meisten Leute die damit verbundenen neuen Freiheiten herausstreichen, kritisiert eine skeptische Minderheit die Massnahme als «Zerti-Diktat».

Wegen der drohenden Überlastung der Spitäler sei die Ausweitung der Zertifikatspflicht alternativlos, hatte der Bundesrat am vergangenen Mittwoch verkündet. Der Schritt sei immer noch besser, als viele Betriebe für alle erneut zu schliessen.

Die Liste der Orte, an welchen ein Covid-Zertifikat vorgezeigt werden muss, ist lang: Restaurant-Innenräume, Bars, Konzerte, Theater, Kinos, Sportanlässe, Kletterhallen, Aquaparks, Billardhallen, Casinos, Hochzeiten, Museen, Bibliotheken, Zoos, Fitnesszentren und Hallenbäder. Zugang erhält dort nur noch, wer geimpft, genesen oder negativ getestet wurde und dies mit einem Zertifikat beweisen kann. Dafür fallen dort bisher geltende Regeln wie Maskenpflicht und die Beschränkung der Belegung weg.

Mehrere Hochschulen verlangen Zertifikat

Die Kantone oder die Hochschulen können seit heute auch eine Zertifikatspflicht für den Studienbetrieb auf Bachelor- und Masterstufe vorschreiben. Swissuniversities, die Dachorganisation der Schweizer Hochschulen, empfiehlt diesen Schritt.

Mehrere Hochschulen haben bereits eine Zertifikatspflicht für den Start des Herbstsemesters in einer Woche beschlossen, darunter die ETH, die Universitäten Zürich, St. Gallen und Neuenburg sowie die Hochschule Luzern. Weitere Bildungseinrichtungen kündigten Informationen zu ihrem künftigen Regime für den Verlauf der Woche an.

Auch Unternehmen ist es neu möglich, das Zertifikat bei ihren Arbeitnehmern zu überprüfen, «wenn es dazu dient, angemessene Schutzmassnahmen festzulegen oder Testkonzepte umzusetzen». Falls ein Arbeitgeber von seinen Arbeitnehmenden einen Test verlangt, muss er die Kosten dafür selber tragen.

Eine eigentliche Zertifikatspflicht am Arbeitsplatz ist das laut Experten des Bundes nicht. Der Arbeitgeber könne mit dieser gesetzlichen Grundlage den Impfstatus abfragen, müsse aber nicht. Bei einer ungeimpften Person könne der Arbeitgeber beispielsweise bestimmen, dass eine Maske am Arbeitsplatz getragen werden muss.

Politische Anlässe ausgenommen

Explizit ausgenommen von der ausgeweiteten Zertifikatspflicht sind aus Gründen des Grundrechtsschutzes religiöse Veranstaltungen sowie Anlässe zur politischen Meinungsbildung mit bis maximal fünfzig Personen. Auch in Parlamenten und an Gemeindeversammlungen gilt die Zertifikatspflicht nicht. Dafür braucht es strenge Schutzkonzepte.

Bei Veranstaltungen im Freien gelten die bisherigen Regeln: Für Veranstaltungen mit mehr als tausend Personen besteht eine Covid-Zertifikatspflicht, kleinere Veranstaltungen im Freien können entscheiden, ob der Zugang auf Personen mit Zertifikat eingeschränkt wird.

Laute Gegnerschaft

Die Ausweitung der Zertifikatspflicht wird laut der wissenschaftlichen Task Force des Bundes einen Viertel der Bevölkerung betreffen. Personen, die geimpft, genesen oder unter 16 Jahre alt sind, treffen die verschärften Regeln nicht. Sie machen in der Schweiz drei Viertel der Bevölkerung aus.

Wer als Privatperson gegen die neuen Regeln verstösst, kann mit hundert Franken gebüsst werden. Einrichtungen und Veranstaltungen, welche die Zertifikatspflicht nicht beachten, droht demnach eine Busse bis hin zur Schliessung der Betriebe. Für die Kontrolle sind die Kantone zuständig.

Die ausgedehnte Zertifikatspflicht ist bis am 24. Januar 2022 befristet. Der Bundesrat kann die Massnahme auch früher wieder aufheben, sollte sich die Situation in den Spitälern entspannen. Für einige Menschen kann dieser Schritt nicht früh genug kommen: Tausende Massnahmenskeptiker gingen in den vergangenen Tagen in mehreren Schweizer Städten auf die Strasse.

Die wichtigsten Fragen zur Zertifikatspflicht lesen Sie hier noch einmal in der Übersicht.

1 Kommentar

  1. Aktuelle Gedanken zum Thema Corona/aus der Perspektive einer Pflegefachperson (13.09.2021):
    – Die aufgeheizte Stimmung hat viel damit zu tun, dass zu viel Gegensätzliches gesagt und getan wird. Es fehlt ein roter Faden, eine Führung und eine einfache, verständliche Kommunikation von den Behörden an die Bevölkerung. Die Massnahmen werden zu wenig konstant und inkonsequent verordnet. Es ist schwer den Durchblick zu behalten, sofern man nicht ständig Zeitung liest.
    – Die jetzige Ueberlastung der Intensivstationen hat damit zu tun, dass die Massnahmen vor den Sommerferien zu stark gelockert wurden und viele Ferienrückkehrer das Virus ins Land eingeschleppt haben. An den Schulen mancherorts die Maskenpflicht und das regelmässige Testen aufzuheben war verfrüht, die Kinder hatten sich daran gewöhnt und hätten nicht darunter gelitten, dies noch einige Monate ohne Unterbruch so beizubehalten. Das Vorgehen der Behörden ist mit dafür verantwortlich, dass wir weiterhin ein Corona-Hochrisikogebiet sind.
    – Geimpfte sind zu 10% nicht vor einem schweren Verlauf geschützt. Bei älteren MitbürgerInnen trifft dies häufiger zu. Die anderen Geimpften bekommen eine leichte Erkältung, sind jedoch nach wie vor ansteckend für andere (allerdings weniger stark wie Ungeimpfte). Wenn nun ab heute alle Restaurants, Arbeitsplätze und Veranstaltungen ihre Schutzmassnahmen aufheben, zirkuliert das Virus auch häufiger unter Geimpften als bisher. Diese stecken dann andernorts wieder Ungeimpfte an, was kurzfristig zu einer steigenden Zahl an Schwerkranken führen dürfte. Die Intensivstationen können so nicht entlastet werden.
    Geimpfte ältere Menschen (die erwähnten 10%) sind jetzt eher gefährdet sich anzustecken und trotz Impfung schwer zu erkranken. Sie sollten sich bis zur Beruhigung der Lage wieder vermehrt schützen.
    – Es gibt noch zu viele offene Fragen: Long Covid bei Geimpften? Long Covid bei Kindern? Wann lässt der Impfschutz in der Regel nach? Welche Mutationen kommen noch? Braucht es eine Booster-Impfung und wenn ja für wen?
    – Kinder hatten bisher keine Chance auf Impfung, sie werden bewusst ungeimpft einer Durchseuchung mit der ansteckenderen und krankmachenderen Delta-Variante ausgesetzt. Das finde ich problematisch und ich verstehe nicht, warum man nicht warten konnte, bis zur Freigabe einer Impfung für diese Alterskategorie.
    – Die Wissenschaft hat nicht genug Einfluss auf die Entscheide der Politik.
    – Die Politik definiert als einziges Ziel: eine Vermeidung der Ueberlastung des Gesundheitswesens. Das scheint mir zu kurz gegriffen. Die/der Einzelne kann sich somit nicht sicher sein, mit den geltenden Massnahmen vor einer Ansteckung mit dem Virus geschützt zu sein.

    Mein Lösungsvorschlag wäre gewesen:
    Im gesamten öffentlichen Raum werden die Schutzkonzepte, die Maskenpflicht und Abstandregeln beibehalten, ebenso an Arbeitsplätzen, Schulen, Veranstaltungen etc. Die Zertifikatspflicht wird trotzdem eingeführt. Dies gilt so lange, bis die Intensivstationen entlastet sind und sich alle Menschen (inkl. Kinder) impfen lassen konnten die das wollten, nachdem sämtliche Bevölkerungsschichten einfach und verständlich über Risiken und Chancen aufgeklärt wurden.Report

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