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Sehen Sie hier die Medienkonferenz mit Fachexperten des Bundes vom 7. September 2021 im Rückblick. (Video: Youtube/Der Eidgenössische Bundesrat)
Schweiz

Stettbacher: «Wir sind knapp vor der Katastrophe»

Die Fachexperten des Bundes informierten am Dienstagnachmittag die aktuelle Corona-Lage. Hier gibt es die wichtigsten Punkte nochmals im Überblick.

Seit rund vier Wochen stagniert die Zahl der am Coronavirus erkrankten Personen. Laut Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit (BAG), bleibt die Situation aber «angespannt».

287 Personen befinden sich wegen Covid-19 auf der Intensivstation, wie Masserey am Dienstag vor den Medien in Bern sagte. Rund ein Drittel der hospitalisierten Personen müsse auf die Intensivstation verlegt werden. Bei den Nichtgeimpften müssten regelmässig auch 30- bis 50-Jährige im Spital behandelt werden.

Masserey hielt fest, dass die Schweiz noch immer die höchste Inzidenz in Europa hinter Grossbritannien verzeichne. Deshalb gelte es, vorsichtig zu bleiben.

Covid-Patienten belegen 42 Prozent der Intensivpflegeplätze

Schweizweit sind 84 Prozent der zertifizierten Intensivbetten belegt. Laut Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD), ist das eine «hohe Auslastung». Covid-Patienten belegen demnach 42 Prozent der Intensivbetten.

Der Anteil der Covid-Patienten und -Patientinnen habe in den vergangenen fünf Tagen um 2 Prozentpunkte zugenommen, sagte Stettbacher am Dienstag. Insgesamt seien 857 Covid-Patienten hospitalisiert, 534 auf Akutstationen, 291 auf Intensivstationen.

Der KSD erhebt in 150 Akutspitälern täglich die Bettenbelegung und die Reservekapazitäten. Laut Stettbacher gibt es aktuell 130 zertifizierte Reservebetten in 55 Spitälern. Dazu kämen 39 nicht zertifizierte Betten in 14 Spitälern.

Rund 80 Covid-19-Patienten warten auf Repatriierung

Rund 80 Covid-19-Patientinnen und -Patienten warten auf ihre Rückführung in die Schweiz. Da die Intensivstationen stark ausgelastet sind und die Patienten unterschiedliche Pflegebedürfnisse haben, wird ihr Empfang in der Heimat zentral koordiniert.

Die Lage auf den Intensivstationen blieb am Dienstag kritisch, wie Divisionär Andreas Stettbacher, Oberfeldarzt und Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD) sagte. Pro Intensivstation seien im Landesdurchschnitt noch 2,4 zertifizierte Intensivbetten vorhanden, unter Einschluss der nicht zertifizierten Betten 2,8.

Die auf die Repatriierung wartenden Patienten stellten da eine Herausforderung dar. Am Montag hätten sich alle Akteure auf eine zentrale Koordinationsstelle geeinigt. Alle Hintergründe gibt es hier.

Acht Covid-Patienten warten dringend auf eine Repatriierung

Laut Andreas Stettbacher, Delegierter des Bundesrates für den Koordinierten Sanitätsdienst (KSD), sind rund 10 Prozent der 80 in Covid-Patientinnen und -Patienten, die auf eine Repatriierung in der Schweiz warten, dringliche Fälle. «Sie sollten innert Wochenfrist repatriiert werden.»

Die anderen Patientinnen und Patienten könnten aktuell länger warten, sagte Stettbacher am Dienstag vor den Medien in Bern. Aber auch für sie seien die Kantone in der Verantwortung, Betten zur Verfügung zu stellen. Falls keine Intensivbetten gefunden werden könnten, werde die nationale Koordinationsstelle die Kantone bei der Suche unterstützen.

Ausweitung der Zertifikats-Pflicht würde 75 Prozent nicht betreffen

Von einer allfälligen Ausweitung der Zertifikats-Pflicht wäre laut der wissenschaftlichen Task Force eigentlich nur ein Viertel der gesamten Bevölkerung betroffen. Dies erklärte Task-Force-Mitglied Marius Brülhart.

Diejenigen Personen, die geimpft, genesen oder unter 16 Jahre alt seien, seien nicht betroffen von der Ausweitung der Zertifikats-Pflicht. Sie machten in der Schweiz drei Viertel der Bevölkerung aus.

Diese Güterabwägung könne man aus wirtschaftlicher Sicht machen. Diese grosse Gruppe würde von mehr Sicherheit profitieren. Werde die Zertifikats-Pflicht nicht ausgeweitet, setzte sich diese Gruppe hingegen einem grösseren Risiko aus.

Grosse Ansteckungswelle bei Kindern und Jugendlichen

Die Schulen seien ohne Schutzmassnahmen nach den Ferien von einer starken Ansteckungswelle erfasst worden. Dies sagte Tanja Stadler, Präsidentin der wissenschaftlichen Task Force des Bundes.

«Dass das Virus zu Beginn des Schuljahres ohne Schutzkonzepte stark zirkuliert, ist nicht überraschend», erklärte Stadler. Kinder würden jedoch nicht nur durch Schutzmassnahmen belastet, sondern auch durch Massnahmen, die nach einem Ausbruch an einer Schule getroffen werden müssten. Mehr dazu lesen Sie hier.

Bisher keine Anzeichen für sinkenden Impfschutz

Bei den doppelt gegen das Coronavirus geimpften Personen hat sich in der Schweiz kein Anstieg der Spitaleinlieferungen gezeigt. Das deutet darauf hin, dass der Impfschutz auch bei bereits seit längeren Geimpften noch anhält, wie Virginie Masserey sagte.

Die dritte Impfung zum Auffrischen der Abwehrkräfte, der Booster, sei in der Schweiz noch nicht zugelassen, führte die Leiterin der Sektion Infektionskontrolle im BAG aus. Das sei auch in anderen Ländern noch nicht der Fall. Das Schweizer Heilmittelinstitut Swissmedic warte noch auf ausreichende Daten. Liege die Zulassung vor, würden die zuständigen Behörden Impfempfehlungen herausgeben.

Zum Schutz Genesener vor einer neuen Infektion mit dem Coronavirus hielt Masserey fest, dass Menschen, die sich mit einer früheren Mutation des Virus angesteckt hatten, über einen geringeren Schutz gegen die aktuell grassierende Delta-Variante verfügen. Eine Impfung stärke in jedem Fall die Abwehr. Alles zum Thema gibt es hier.

Mu-Variante dürfte sich nicht gegen Delta-Variante durchsetzen

Task-Force-Präsidentin Tanja Stadler geht nicht davon aus, dass die neue Mu-Variante des Coronavirus die in der Schweiz dominante Delta-Variante verdrängen wird. Unterdessen sind 34 Fälle der Mu-Variante in der Schweiz identifiziert worden.

Im Moment gebe es keine Anzeichen, dass sich die Mu-Variante gegen die dominierende Delta-Variante durchsetzen werde, sagte Stadler. «Die Herausforderung ist Delta», erklärte sie.

Aber man werde beobachten, wie sich die Zahlen dieser neuen Variante entwickeln würden. Vor einigen Tagen hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Mu-Variante zu einer «Variante von Interesse» eingestuft.

Diese Variante wurde erstmals im Januar in Kolumbien identifiziert.

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