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Der Telebasel-Newsbeitrag vom 24. August 2021.
Basel

Verteidiger: «Sie sind heillos überfordert gewesen»

In Basel hat am Dienstag der Strafprozess gegen drei Aufseher und eine Aufseherin des Basler Untersuchungsgefängnisses begonnen.

In Basel hat am Dienstag der Strafprozess gegen drei Aufseher und eine Aufseherin des Basler Untersuchungsgefängnisses begonnen. Die Anklage wirft ihnen fahrlässige Tötung vor, weil sie einer Insassin nach einem Suizidversuch durch Erhängen nicht die adäquate Hilfe gewährt haben sollen.

Die Angeklagten rechtfertigten vor dem Strafgericht ihre Zurückhaltung unter anderem damit, dass sie davon ausgegangen seien, dass die Insassin den Suizidversuch und die Ohnmacht nur vorgespielt habe. Sie hätten nicht gewusst dass sie bereits lange Zeit in einer Schlinge gehangen habe. Sie sei auch nicht als suizidgefährdet eingestuft worden, sonst wäre sie nicht im Trainingsanzug, sondern mit einer Schutzkleidung in die Überwachungszelle gesetzt worden.

Mit dem Traineroberteil hatte sich die Insassin – eine abgewiesene Asylbewerberin aus Sri Lanka – aber schliesslich doch stranguliert. Als die Aufseher die Zelle erst nach über fünf Minuten betraten und die Frau losschnitten, lebte sie noch. Sie habe gestöhnt, sagte einer der Beschuldigten. Wie sich später herausstellte, wurde das Hirn der 29-jährigen Frau durch den Sauerstoffmangel so stark geschädigt, dass sie zwei Tage danach starb.

Mitschuld am Tod?

Die Anklage wirft den drei Aufsehern und einer später noch hinzugezogenen Aufseherin eine Mitschuld am Tod der Insassin vor. Sie hätten nach dem späten Eintreffen in der Zelle dringend angezeigte Rettungsmassnahmen unterlassen.

Konkret hätten sie keine Vitalzeichen geprüft, keine medizinische Hilfe geholt und die Frau nicht in eine stabile Lage gebracht. Vielmehr hätten sie die bewusstlose Insassin in einer für die Atmung schwer beeinträchtigenden Lage belassen.

Zehn Minuten blieb die abgelehnte Asylbewerberin, die nur noch schwer atmen konnte, alleine in der Zelle. Die Mitarbeitenden schauten mehrmals kurz via Sichtöffnung in die Zelle, bevor sie die Sanität alarmierten und die Frau in die Rückenlage drehten. Fünf Minuten nach der Alarmierung startete einer der Aufseher mit ersten Reanimierungs-Massnahmen.

Ob das Leben der Frau mit einer früheren Reanimierung hätte gerettet werden können, blieb offen. Der medizinische Gutachter konnte das nicht mit Bestimmtheit sagen. Er ging aber davon aus, dass die Frau, als sie nach über fünf Minuten aus der Schlinge befreit wurde, auch als Überlebende bleibende Hirnschäden davongetragen hätte. Weil sie aber in der misslichen Position liegengelassen wurde, sei die Chance endgültig vertan worden, ihr Leben zu retten.

Einstellungsanträge abgeweisen

Der eigentliche Prozess mit der Beweisaufnahme konnte erst mit einer zweistündigen Verzögerung anlaufen. Zuerst musste sich das Strafgericht mit zwei Anträgen der Verteidigung auf Einstellung beziehungsweise Sistierung des Verfahrens befassen.

Einer der Verteidiger brachte vor, dass bei einem Suizid nicht über einen Straftatbestand der fahrlässigen Tötung geurteilt werden könne. Damit sei auch keine Voraussetzung für einen Strafgerichtsprozess vorhanden.

Ein weiterer Verteidiger monierte, dass die falschen Menschen auf der Anklagebank sässen. Weil es keine entsprechenden Instruktionen und Sicherheitskonzepte für solche Fälle gegeben habe, müssten auch die Vorgesetzten, der mit der Überwachung der Kamerabilder aus den Zellen betraute Securitas-Mitarbeiter und die Gefängnisleitung zur Verantwortung gezogen werden.

Der Gerichtspräsident wies beide Anträge ab. Das Gericht verfüge über genügend Informationen, um diesen Fall beurteilen zu können. Im konkreten Fall gelte es abzuklären, ob es für die Angeklagten erkennbar gewesen sei, dass es sich um eine lebensgefährliche Situation gehandelt habe und entsprechend Sorgfaltspflichten verletzt worden seien.

Welche Strafe die Staatsanwaltschaft für die vier Gefängnis-Angestellten beantragt, ist offen. Der Prozess ist auf eine Dauer von dreieinhalb Tagen angesetzt. Die Urteilseröffnung ist für Freitag angekündigt.

Demonstration in Basel

Zu Ende des ersten Prozesstages, am Dienstagabend, formierte sich in Basel eine Gruppe an Demonstranten. Sie trugen ein Banner mit der Aufschrift «Gefängnisse töten» und zogen so durch die Innenstadt.

(Video: Telebasel-Leserreporter)
(Bild: Telebasel-Leserreporter)
Hier finden Sie Hilfe bei Suizidgedanken:
Beratungsstellen:
Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)
Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)
Kirchen (Seelsorge.net)
Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net);
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch);
Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch).

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