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Die Medienkonferenz mit Fachexperten des Bundes über die aktulelle Corona-Lage. (Stream: Youtube/Der Eidgenössische Bundesrat)
Schweiz

Task Force: «Klatschen ist gut, impfen ist besser»

Die Fachexperten des Bundes haben über die aktuelle Corona-Lage in der Schweiz informiert. Im Ticker lesen Sie die wichtigsten Aussagen an der Medienkonferenz.
Karrer spürt «eine gewisse Frustration beim Pflegepersonal»

Die Personaldecke in den Spitälern ist nach wie vor dünn, die Motivation «erstaunlich hoch», eine gewisse Ermüdung vorhanden. Vor diesem Hintergrund gebe es eine «gewisse Frustration, weil neun von zehn Spitalpatienten mit Covid-19 nicht geimpft sind», sagte Urs Karrer, Vizepräsident der wissenschaftlichen Task Force, am Dienstag vor den Medien.

Das sei für das Pflegepersonal zuweilen «schon schwierig zu schlucken». Aber man behandle selbstverständlich alle Patienten, egal mit welcher Vorgeschichte. «Aber das geht schon nicht spurlos an einem vorbei», erklärte Karrer.

Zusätzliche Massnahmen stehen laut BAG zur Diskussion

«Die grosse Schwierigkeit für den Bundesrat ist es, den richtigen Zeitpunkt für zusätzliche Massnahmen zu finden», sagte Patrick Mathys vom Bundesamt für Gesundheit (BAG). «Ergreift der Bundesrat zu früh Massnahmen, wird es laute Kritik geben – tut er es zu spät, ist ein qualitativ hochstehende Gesundheitsversorgung nicht mehr gewährleistet.» Er beneide den Bundesrat nicht, diese Entscheidungen treffen zu müssen, erklärte Mathys am Dienstag vor den Medien in Bern: «Gerade weil wir uns in einer Lage mit vielen Fragezeichen befinden.»

«In vier bis sechs Wochen könnten wir in einer Situation sein, in der die Spitäler am Anschlag sind», sagte Mathys weiter. Es gebe aber auch Faktoren, die dagegen sprechen würden. Eine Überlastung der Spitäler bedeute nicht, dass Menschen gar nicht mehr gesundheitlich versorgt werden könnten.

Mathys erinnerte aber daran, dass in früheren Wellen viele Wahleingriffe hätten verschoben werden müssen. «Die Gesundheitsversorgung war teilweise nur gewährleistet, weil 30’000 Wahleingriffe verschoben wurden.»

Situation der kommenden Wochen schwierig vorauszusagen

In der aktuellen Situation sei es wirklich schwierig, Voraussagen zu treffen, ob die Bewegung der Fallzahlen nach seitwärts oder zurück geht, sagte Urs Karrer, Vizepräsident der National Covid-19 Science Task Force, am Dienstag. Es sei schwierig zu sagen, wo die Schweiz in einem Monat stehe.

Momentan bestünden sehr relevante Risiken. Eine zusätzliche Beschleunigung des Geschehens könnte Spitäler hart treffen, sagte Karrer vor den Medien. Jeder einzelne könne dazu beitragen, dass es nicht so komme. Doch die Leute würden den Sommer ausdehnen wollen. Die Lust, Masken zu tragen, sei nicht gross, könne aber in der jetzigen Situation kurzfristig helfen, sagte Karrer.

Urs Karrer: «Alles versuchen, um junge Leben zu retten»

Jüngere schwer an Covid-19 erkrankte Menschen sterben weniger häufig, weil sie mehr Reserven haben. Sie seien aber nicht zwingend weniger krank und lägen auch nicht weniger lange auf der Intensivstation, sagte Urs Karrer, Vizepräsident der wissenschaftlichen Task Force, am Dienstag vor den Medien.

Das habe auch damit zu tun, dass man «das hinter- und allerletzte versucht, um dieses Leben zu retten». Dies sei vielleicht etwas anders als während des Höhepunkts der zweiten Welle bei einer sehr betagten Person mit Vorerkrankungen.

Allerdings habe das Spitalpersonal unterdessen auch einen unglaublichen Erfahrungsgewinn machen können, der es ihm erlaube, genau zu wissen, wie die Patienten zu beatmen seien oder wann welche Medikamente sinnvollerweise am besten eingesetzt würden, um «die Lunge über die Runden zu bringen».

Nach den Herbstferien droht erneut ein Anstieg der Fallzahlen

Laut der wissenschaftlichen Task Force des Bundes muss verhindert werden, dass nach den Herbstferien die Fallzahlen erneut stark steigen. Es brauche Disziplin und allenfalls zusätzliche Massnahmen, damit Personen nicht infiziert aus dem Ausland in die Schweiz zurückkehrten. «Für die Herbstferienwelle werden wir überlegen müssen, wie ein erneuter Anstieg der Fälle vermieden werden kann», sagte Urs Karrer, Vizepräsident der wissenschaftlichen Task Force des Bundes.

Die Delta-Variante bringe eine Person mit einer höheren Wahrscheinlichkeit auf eine Intensivstation als dies bei früheren Varianten der Fall gewesen sei.

Wenn 25 Prozent der Betten von Covid-Patienten belegt seien, dann habe es weniger Platz für andere Patientinnen und Patienten. «Und diese Bette sind in der Regel nicht leer. Wir müssen gelegentlich aus Platzgründen Patienten verlegen.» Zahlen zur Verlegungen von Patienten konnten die Experten in Bern jedoch keine angeben.

Karrer: «Grosser Anteil von Rückkehrenden aus Südosteuropa»

40 Prozent der Covid-Patienten in den Spitälern geben ihren Ansteckungsort an. Davon seien 80 Prozent Rückkehrende aus Südosteuropa, sagte Urs Karrer, Vizepräsident der wissenschaftlichen Task Force, am Dienstag vor den Medien in Bern.

Das sei ein sehr grosser Anteil, sagte er auf die Frage einer Journalistin nach der angeblichen Überrepräsentation dieser Bevölkerungsgruppe in den Spitälern. Die Sonntagsmedien hatten jüngst über diesen Aspekt ausführlich berichtet.

Dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) sei schon länger bekannt, dass das Verständnis und die Durchimpfungsrate bei Personen mit anderem Sprachhintergrund relativ tief sei, sagte Patrick Mathys, Leiter der Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim BAG.

Bei der Aufklärung und Information dieser Bevölkerungsgruppen komme den Gemeinden und Kantonen eine wichtige Rolle zu, da sie mit diesen Gemeinschaften enger verbunden seien, betonte Karrer.

Das sei aber nicht ganz einfach, ergänzte Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte. Einen Flyer zu verteilen reiche da nicht. Man müsse versuchen, Personen anzusprechen, die in diesen Gemeinschaften etwas zu sagen hätten. Hier sei das Engagement der Kantone aber permanent gross.

Task Force: «Klatschen ist gut, impfen ist besser»

Mit viel Innovation und Phantasie müsse man Menschen ansprechen und von der Impfung überzeugen, sagte Urs Karrer, Vizepräsident der National Covid-19 Science Task Force. Man soll sich für einen selbst und für alle anderen, also die Gemeinschaft, impfen lassen. Das Gesundheitspersonal werde dankbar sein. «Klatschen ist gut, impfen besser», sagte Karrer.

Nun öffneten Schulen, Hochschulen und andere Institutionen, auch Vereine nähmen Aktivitäten nach den Ferien wieder auf, sagte Karrer am Dienstag vor den Medien in Bern. Stecke sich eine grössere Anzahl Junge an, könne das Gesundheitssystem an seine Grenzen kommen.

Von der Situation im vergangenen Herbst sei man nicht so weit entfernt. Und der Herbst stehe vor der Tür, die Situation könne sich zuspitzen.

Kurzfristig seien Verhaltensanpassungen nötig, dies betreffe Maskentragen und Abstandhalten. Zudem solle vermehrt getestet werden, auch Ferienrückkehrer. Schulen und Betriebe sollen laut Karrer regelmässig testen, dann sei auch das Contact Tracing wirksam.

Schutzkonzepte müssten so ausgelegt werden, dass sie funktionieren, das betreffe Grossanlässe mit den «drei G». Langfristig könne das Gesundheitswesen nur mit Impfungen vor Belastung oder Überlastung geschützt werden.

40 Prozent der Covid-Patienten in Spitälern sind Reiserückkehrer

In den vergangenen vier Wochen hat sich die Zahl der Spitaleinweisungen drei Mal verdoppelt. 40 Prozent der Erkrankten im Spital sind aus den Ferien zurückgekehrt. Neun von zehn schweren Covid-Erkrankungen wären laut der Task Force vermeidbar gewesen – mit einer Impfung.

«Wir beobachten in den Spitälern eine Epidemie der Ungeimpften», sagte Urs Karrer, Vizepräsident der wissenschaftlichen Task Force des Bundes am Dienstag vor den Medien. «Neun von zehn schweren Erkrankungen wären vermeidbar. Sie sind nicht geimpft.»

Die Situation erinnere stark an diejenige vor einem Jahr  mit zwei Ausnahmen: «Die Welle ist zwei Monate früher da und die Patientinnen und Patienten sind viel jünger».

Die meisten Patienten sind 40- bis 50-Jährige, jedoch dicht gefolgt von 20- bis 31-Jährigen. «Diese Entwicklung muss uns zu denken geben.»

Oberster Kantonsarzt Hauri: «Wieder vermehrte Verlegungen zwischen den Spitälern»

Die zunehmende Belastung der Spitäler mit Covid-Patienten hat in jüngster Zeit wieder zu vermehrten Verlegungen zwischen den Krankenhäusern geführt. Ferienrückkehrende spielten ein wichtige Rolle beim Anstieg der Patientenzahlen, sagte Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, am Dienstag vor den Medien in Bern.

Die Corona-Massnahmen würden zunehmend schlechter eingehalten. Vorausschauendes Verhalten entscheide aber spätestens jetzt über die Entwicklung der Lage im Herbst. Die in die Spitäler eingelieferten Patientinnen und Patienten würden immer jünger. Ferienrückkehrende seien stark vertreten.

Bei der Rückverfolgung, die auf Hochtouren laufe, seien die Angaben leider oft unvollständig, mangelhaft oder falsch, sagte Hauri weiter. Er rief alle Menschen zur Kooperation auf, auch wenn eine Isolation oder Quarantäne natürlich einschneidende Massnahmen seien. «Aber die Pandemie geht kein bisschen schneller vorbei, wenn wir wegschauen.»

Auffrischimpfung muss noch geprüft werden

Eine Impfung mit zwei Dosen schützt gut vor einem schweren Verlauf von Covid-19-Erkrankungen. Eine allfällige Auffrischimpfung solle dieser Zielsetzung folgen, sagte Christoph Berger, Präsident der Eidgenössische Kommission für Impffragen (Ekif), am Dienstag.

Die Impfung könne milde Erkrankungen nicht ganz verhindern, aber schwere Verläufe. «Das gilt auch für die Delta-Variante», sagte Berger vor den Bundeshausmedien. So würden grossmehrheitlich Ungeimpfte im Spital landen.

Die Auffrischimpfung sei für diejenigen, bei denen schwere Infektionen nicht verhindert werden können, wie zum Beispiel immunsupprimierte Personen. Für diese könne eine zusätzliche Dosis nötig sein. Dabei handle es sich eher um eine Zusatzdosis als eine Auffrischimpfung. Genauere Daten müssten noch gesammelt werden, auch was Hochbetagte betreffe.

Auffrischimpfungen werden seit längerem diskutiert. (Bild: Keystone)
Bund empfiehlt Impfung für Jugendliche ab 12 Jahren

«Die Impfung zeigt eine hohe Wirksamkeit», sagt Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) an der Medienkonferenz. Die Impfempfehlung sei angepasst worden: Die Impfung mit einem mRNA-Impfstoff werde allen Jugendlichen ab 12 Jahren empfohlen. Von Covid-19 genesene Personen empfiehlt der Bund zudem, sich impfen zu lassen.

Auch Schwangeren empfiehlt der Bund, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Die Eidgenössische Kommission für Impffragen überprüfe die Daten laufend.

Mathys: Weg in die Normalisierung führt nur über Impfungen

Die stagnierenden Impfzahlen würden nicht auf eine Entspannung der Situation hindeuten, sagt Patrick Mathys weiter. Der Anteil der nicht immunen Bevölkerung sei «viel zu gross», um eine weitere heftige Infektionswelle ausschliessen zu können. Der Weg zu einer Normalisierung könne nur beschritten werden, wenn sich mehr Menschen in der Schweiz impfen lassen.

Mathys: «Impfung schützt zu 90 Prozent vor Hospitalisierung»

Patrick Mathys vom BAG betont den hohen Schutz vor einem schweren Krankheitsverlauf bei einer Infektion mit Covid-19: «Die Impfung schützt zu 90 Prozent vor Hospitalisierung». Neun von zehn Personen, die sich wegen einer Covid-19-Infektion in Spitalbehandlung befinden, seien ungeimpfte Personen.

Patrick Mathys: «Situation ungünstig bis besorgniserregend»

Die derzeitige epidemiologische Lage sei als ungünstig und besorgniserregend einzuschätzen, auch wenn sie mit vielen Unabwägbarkeiten verbunden sei. Man könne durchaus von einer vierten Welle sprechen, sagte Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) am Dienstag vor den Medien in Bern.

Es gebe bezüglich der gemeldeten positiven Fälle zwar eine leichte Entschleunigung zur Vorwoche. Sie blieben aber auf dem Niveau des Höhepunktes der dritten Welle. Insgesamt habe das Infektionsgeschehen stark an Fahrt aufgenommen, mit einer weiteren Verschlechterung der Lage sei zu rechnen. Es besteht laut Mathys ein «bedeutendes Risiko für eine starke Infektionswelle».

In den Spitälern habe sich die Zahl der wegen einer Covid-19-Erkrankungen ein gewiesenen seit Anfang Juli verdreissigfacht. In den Intensivstationen habe sich die Zahl der Patienten verfünffacht. «Wir nähern uns zügig dem Niveau vom Frühling, dem Höhepunkt der dritten Welle.» Das sei besorgniserregend, so Mathys, zumal neun von zehn Hospitalisierten nicht geimpft seien.

Bei den Todesfällen gebe es keine Veränderung. Sie bewegten sich auf tiefem Niveau und es gebe keine Anzeichen für eine Trendwende.

Sämtliche Corona-Kennzahlen zeigen zurzeit in eine Richtung: nach oben. In der Schweiz und in Liechtenstein sind dem BAG am Montag innerhalb von 72 Stunden 6’218 neue Coronavirus-Ansteckungen gemeldet worden. Zudem wurden acht Todesfälle und 143 Spitaleinweisungen registriert.

Auslastung der Intensivstationen bei 74,1 Prozent

Die Auslastung der Intensivstationen in den Spitälern beträgt zurzeit 74,1 Prozent. 23,1 Prozent der verfügbaren Betten werden von Covid-19-Patienten besetzt. Zwar sind 50,77 Prozent der Personen in der Schweiz bereits vollständig und 56,44 Prozent haben die 1. Dosis erhalten. Doch Experten warnen, dass die Impfquote noch zu tief sei, die Ausbreitung des Virus zu stoppen oder abzubremsen.

Auch beunruhigend: Nach den Ferien stiegen die entdeckten Fälle in den Schulen rasant an. Erste Kantone reagieren bereits auf den Anstieg in den Schulen und führen eine partielle (für Ungeimpfte) oder eine generelle Maskenpflicht wieder ein. In Basel-Stadt entschied sich das Unispital, dass Besucher nur noch mit einem 3G-Nachweis zugelassen werden. Brauchen wir nun nationale Einheitliche Regelungen?

Die Fachexperten des Bundes informieren am Dienstag, 24. August, 2021 ab 14 Uhr über die aktuelle Corona-Lage. Folgende Personen geben Auskunft:

  • Patrick Mathys, Leiter Sektion Krisenbewältigung und internationale Zusammenarbeit, Bundesamt für Gesundheit BAG
  • Christoph Berger, Präsident, Eidgenössische Kommission für Impffragen EKIF
  • Rudolf Hauri, Kantonsarzt Zug, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte
  • Urs Karrer, Vizepräsident, National COVID-19 Science Task Force

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