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Der Telebasel News-Beitrag vom 4. August 2021.
Basel

Noch immer viele Hindernisse für Behinderte

Regierungspräsident Beat Jans testete mit Rollstuhl und Augenbinde, wie Behinderte in Basel zurechtkommen. Aus seiner Sicht gibt es noch viel zu tun.

Als erster Kanton hat Basel-Stadt seit Anfang Jahr ein eigenes Gesetz zum Behindertenrecht. Menschen mit einer Behinderung dürfen nicht benachteiligt werden. Trotzdem: Für Menschen mit einem Handicap ist ein Spaziergang in der Stadt immer wieder ein Hindernislauf. Dies hat das Behindertenforum heute auf einem Rundgang durch die Innenstadt aufgezeigt.

Dabei war auch Regierungspräsident Beat Jans (SP), der im Rollstuhl und mit Augenbinde versucht hat, nachzuvollziehen, wie es den Betroffenen tagtäglich ergeht. Zusammen mit Betroffenen und Medienvertretern ist er vom Rathaus aus mit dem Rollstuhl die Freie Strasse hochgefahren.

Und, Beat Jans musste herausfinden, dass es dort viele Hindernisse gibt. Mit einem Rollstuhl kommt man zum Beispiel noch lange nicht einfach in jedes Geschäft. Noch immer gibt es Läden, welche nur über eine Stufe beim Eingang betreten werden können. Ein Ärgernis für die Präsidentin des Behindertenforums Christine Bühler.

Baustellen sind problematisch

Auch die vielen Baustellen mit Unebenheiten und provisorischen Passagen sind ein Problem. Christine Bühler weisst zudem auf die häufig noch unzureichenden Übergänge von Gehwegen auf Strassen hin: «Also gerade in den Aussenquartieren von Basel gibt es praktisch keine benutzbaren Trottoir-Abgänge».

Aber nicht nur Personen im Rollstuhl treffen auf solche Hindernisse, auch erblindete Menschen oder solche mit einer schweren Sehbeeinträchtigung haben Mühe wegen der vielen Hindernisse. Auch ihrer Situation wollte sich Beat Jans annähern. Mit einer Augenbinde und einem Blindenstock ausgestattet, erkundete er das oberste Teilstück der Freien Strasse, welches eben neugestaltet wird.

Allerdings bereitet den Sehbehinderten auch dieses Stück Vorzeigestrasse Schwierigkeiten, denn eine Leitlinie zur Orientierung wurde nicht eingeplant. Für den Sehbehinderten Peter Hänggi gibt es in der Stadt noch einiges an Handlungsbedarf. Er wünscht sich mehr taktil visuelle Leitlinien, freiere Trottoirs und dass man gut ans Ziel kommt, ohne irgendwo reinzulaufen.

Viele Folgekosten liessen sich vermeiden

Es liessen sich viele nachträgliche Folgekosten vermeiden, wenn man schon bei der Planung mehr an die Bedürfnisse der Behinderten denken würde, meint Christine Bühler, Präsidentin des Behindertenforums. (Video: Telebasel)

Aber auch Personen mit einer Hörbehinderung sehen noch Verbesserungsbedarf. Tom Helbling engagiert sich bei der Fachstelle Information, Beratung und Dienste für Gehörlose und Hörbehinderte und ist selbst auf das Lippenlesen und die Gebärdensprache angewiesen. Er sagt, die letzten Monate seien sehr anstrengend gewesen. Die Schutzmasken hätten die Kommunikation für ihn extrem erschwert.

Aber auch sonst treffen Hörbehinderte er im Alltag auf Hindernisse. Zum Beispiel im Tram, wie seine Gebärdendolmetscherin übersetzt: «Oft gibt es in der Stadt auch Lautsprecherdurchsagen im Öffentlichen Verkehr, dort stehen wir Gehörlose, Gehörbehinderte natürlich auch an», sagt Tom Helbling.

Die Betroffenen haben die Chance genutzt und ihre Wünsche bei Beat Jans deponiert. Eine schnelle Lösung konnte aber auch er nicht versprechen. «Da ist noch ganz viel zu tun, bis es für Behinderte auch wirklich möglich und selbstbestimmend erfahrbar ist. Das ist ein langer Weg», so Jans. In Zukunft sollen die Betroffenen und die Behindertenorganisationen schon früher in den Planungsprozess einbezogen werden. «Das ist ein Teil von diesem Partizipationsgesetz, den wir jetzt auch verbessern wollen», meint Beat Jans.

4 Kommentare

  1. Ich danke Beat Jans für seinen Einsatz für die Behinderten und hoffe dass die bürgerliche Mehrheit das nicht torpediert mit den fadenscheinige Begründung Kostenfrage .Report

  2. Status quo seit Jahren für Behinderte

    Behinderte Menschen werden immer noch von Nichtbehinderten bevormundet. Tagtäglich müssen Behinderte gegen die Windmühlen der IV, SUVA und Politiker kämpfen. Diese Bestimmen was «Gut» für diese Menschen sein soll und verschanzen sich hinter Paragraphen die von Nichtbehinderten gemacht wurden.
    Ca 90% der Anträge von Behinderten dauern Jahre bis eine Entscheidung gefällt wird. Wird der Antrag abgelehnt, müssen sich die Betroffenen mit ungewissen Ausgang und grossen finanziellen Risiken durch die Justiz kämpfen. Nicht Einmal sondern jedesmal und viele geben auf, weil ihnen die Kraft und die Finanzen fehlen.

    Menschen mit einer Behinderung müssen in die Planung und in die Gesetzgebung integriert werden und nicht erst wenn diese dann selbst gegen Hindernisse fahren (zB. Rheinterrassen).
    Damit meine ich wirklich selbst Betroffene im Rollstuhl, Blinde, Gehörlose und nicht Vertreter von Organisationen, Politiker und Angestellte vom Staat (IV, SUVA, etc.) die Laufen, Sehen und Hören können.

    Gemäss verschiedenen Quellen kann die Anzahl Menschen mit Behinderungen auf rund 1,7 Millionen geschätzt werden. Bundesamt für Statistik Report

  3. Grossartig Herr Regierungspräsident Jans, Sie haben genau das Richtige gemacht, nämlich sich selber in einen Rollstuhl gesetzt und sich auch die Augen verbunden, um so erleben zu können, was es heisst, sich im Rollstuhl sitzend oder blind in der Stadt zu bewegen. Auch die Eltern mit Kinderwagen dürfen nicht vergessen werden. Viele Städteplane, Architekten und Fachverantwortliche sollten, respektive müssten dasselbe tun, so könnten bereits bei der Planung viele Hindernisse vermieden werden.Report

  4. Wenn man die Pflastersteine am Strassenrand weg lassen würde & die doofen Inselchen auf der Strassübergang und immer dies paar Zentimeter Unterschied überall wo man hängen bleibt und und….ist das so schwer zum umsetzen? Aber Tramhaltestelle für Unsummen umgestalten und Handicap frei zu machen und 20 Meter weiter fliege ich auf die Schnauze….. Dann macht lieber nichts und verzichtet endlich mal auf diese Pflastersteine……Report

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