Gerät weiter unter Druck: Andrew Cuomo (rechts). (Bild: Keystone)
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Biden fordert Cuomo zum Rücktritt auf

Nach der Untersuchung wegen Vorwürfen zu sexuellen Übergriffen steigt der Druck auf New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo. Auch Joe Biden verlangt seinen Rücktritt.

Immer wieder hatte New Yorks Gouverneur Andrew Cuomo in den vergangenen Monaten öffentlich darum gebeten, das Ergebnis der Untersuchung abzuwarten. Mit dem Bericht von Generalstaatsanwältin Letitia James würde endlich Licht in die Vorwürfe sexueller Belästigung gegen ihn gebracht werden, die Fakten kämen auf den Tisch und das Ganze wäre vorbei, wiederholte Cuomo bei jeder Gelegenheit.

Nun aber ist der Bericht da – und das Ergebnis der Untersuchung für Cuomo verheerend: Detailliert schildert das am Dienstag veröffentlichte Papier auf 168 Seiten, wie Cuomo mehrere Mitarbeiterinnen sexuell belästigte – unter anderem mit ungewollten Berührungen, Küssen, Umarmungen und unangebrachten Kommentaren. Der Gouverneur habe eine für Frauen «feindliche Arbeitsatmosphäre» und ein «Klima der Angst» geschaffen.

Cuomo wehrt sich weiterhin

Wer angesichts der Dimensionen dieser Vorwürfe nun aber einen umgehenden Rücktritt Cuomos als unausweichlich erachtete, der wurde vom Gouverneur per Videobotschaft überrascht: «Die Fakten sind ganz anders als sie hier dargestellt werden», behauptete Cuomo, der seit 2011 im Amt ist und 2019 ein zweites Mal wiedergewählt worden war. «Ich will, dass Sie direkt von mir hören, dass ich niemals jemanden unangemessen berührt oder mich jemandem unangemessen genähert habe.»

Kurz darauf veröffentlichte Cuomo auf 85 Seiten mithilfe einer Anwältin seinen eigenen Gegen-Bericht – der unter anderem anhand zahlreicher Fotos beweisen soll, dass der Politiker ständig Menschen umarme und küsse, das sei eben sein politischer Stil, keine sexuelle Belästigung. Einen Rücktritt thematisiert Cuomo an keiner Stelle.

Das taten dafür so gut wie alle anderen – ob in Washington, New York oder Albany, der Hauptstadt des Bundesstaates New York. Ob Politiker oder Gewerkschaftsvertreter, so gut wie niemand wollte Cuomo öffentlich zur Seite springen, sogar langjährige Vertraute distanzierten sich und Rücktrittsforderungen wurden immer lauter. Schliesslich schloss sich sogar Parteifreund Joe Biden an, obwohl es als äusserst ungewöhnlich gilt, dass ein US-Präsident einen rechtmässig gewählten Gouverneur derselben Partei zum Rücktritt auffordert. Zudem kündigte der Vorsitzende des New Yorker Repräsentantenhauses, Carl Heastie, ein rasches Amtsenthebungsverfahren an.

Druck auch wegen Corona-Pandemie

Grösser kann eine Druck-Kulisse kaum sein – zumal Cuomo auch noch von anderer Seite Ärger droht: Wegen nachträglich stark nach oben korrigierter Zahlen zu Todesfällen in Pflegeheimen in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie geriet der Gouverneur in Verdacht, das wahre Ausmass des Dramas verschleiert zu haben. Auch hierzu hat Generalstaatsanwältin James schon eine Untersuchung geführt, deren Ergebnis Cuomo für schuldig befindet. Derzeit untersucht sie zusätzlich noch, ob Cuomo bei der Arbeit an seinem Buch «American Crisis» unrechtmässig Mitarbeiter und staatliche Mittel eingesetzt hat. Auch soll er Kritiker aggressiv angegangen und versucht haben, sie einzuschüchtern.

Zu Beginn der Corona-Krise war der geschiedene Vater dreier erwachsener Töchter zum Hoffnungsträger der Demokratischen Partei geworden. Als New York zum Epizentrum der Pandemie in den USA wurde, lief der Gouverneur zu Hochform auf. Fast täglich informierte er mit klaren Worten und Power-Point-Präsentationen über die Entwicklung des Infektionsgeschehens in seinem Bundesstaat und die Massnahmen dagegen – und punktete durch den starken Kontrast zum damaligen republikanischen Präsidenten Donald Trump bei vielen Landsleuten. Die Pressekonferenzen des heute 63-Jährigen bekamen Kultstatus, wurden weltweit von Millionen Menschen live verfolgt – und der Gouverneur dafür schliesslich sogar mit einem Emmy ausgezeichnet, dem wichtigsten Fernsehpreis der USA.

All das habe das Selbstbewusstsein des Gouverneurs ins Unermessliche anschwellen lassen, heisst es aus seinem Umfeld. Schon Cuomos Vater Mario war zwischen 1983 und 1994 Gouverneur von New York gewesen – und seinem Sohn damit der grösste Antrieb, sagte jüngst ein früherer Berater dem «New York Magazine». «Dieser Mann ist 63 Jahre alt und getrieben davon, seinen Vater in den Schatten zu stellen. Ihm ist klar, dass er eigentlich gar nichts anderes machen kann, als Gouverneur von New York zu sein.» Andrew Cuomo sei schon immer für sein Stehvermögen und seinen starken Willen bekannt gewesen – als jemand, der immer zurückschlägt. Das sei auch diesmal wieder sein Plan, heisst es aus dem Umfeld des Gouverneurs. «Kämpfen, kämpfen, kämpfen.»

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