Die Sportlerinnen und Sportler müssen in Tokio nicht bloss im Alltag bestehen, sondern im Wettkampf Höchstleistungen abrufen. (Bild: Keystone)
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Schweizer Delegation für feuchtheisses Klima gewappnet

Die klimatischen Bedingungen in Tokio werden die Olympischen Spielen in Tokio beeinflussen. Die Schweizer Delegation ist für das feuchtheisse Klima gewappnet.

Wer in diesen Tagen durch Tokio geht, dessen Hemd ist nach wenigen Minuten vom Schweiss durchnässt. Primär die grosse Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit fordern einen, nicht die Restriktionen wegen des Coronavirus. Schnell wird klar: Genug Wasser trinken, den Schatten suchen, nicht hetzen, auf atmungsaktive Kleidung umstellen und im Hotelzimmer zur Abwechslung auch mal eine kalte Dusche nehmen.

Die Sportlerinnen und Sportler hingegen müssen in Tokio nicht bloss im Alltag bestehen, sondern im Wettkampf Höchstleistungen abrufen. Da reichen ein paar allgemeine Tipps nicht. Deshalb kommen zusätzlich Kühlwesten oder Eisschlangen um den Nacken zum Einsatz, Getränke mit Salzgehalt werden verschlungen, in Eisbäder wird getaucht, die Akklimatisierung erfolgt nach einem durchdachten Plan, die Trainingsintensität wird angepasst, die Messung der Kernkörper-Temperatur gibt wichtige Rückschlüsse, der Jetlag wird in exakten Tranchen gemeistert – der Laie verliert bald einmal den Überblick.

Das Ganze im Griff hat hingegen Patrik Noack, der Chefmediziner der Schweizer Olympiadelegation. «Die Schweiz ist zum Thema Hitze in Sachen Wissen und Umsetzung sehr gut aufgestellt», urteilt er. Der 47-Jährige sagt dies nicht bloss aus Eigennutz. Der Arzt kennt die Welt des Leistungssports seit seinen Jugendjahren, als er Rennen gegen Viktor Röthlin oder Christian Belz bestritt.

Noack arbeitete als Arzt beim Bundesamt für Sport (BASPO) in Magglingen, Dario Cologna betreut er seit dessen Sprung in den Weltcup, unter anderem bei den Radfahrern oder Leichtathleten ist er schon lange an Bord und seit September 2016 unterliegt ihm die Leitung und Organisation des Schweizer Medical Teams bei Olympia-Missionen. «In Sachen Infrastruktur müssen wir wegen des kleineren Budgets einige Abstriche im Vergleich zu Top-Nationen machen. Aber unsere Athletinnen und Athleten wissen, was zu tun ist. Sie sind sehr gut vorbereitet.»

Kein Neuland

Die Aktiven betreten in Tokio kein klimatisches Neuland. Diesen Eindruck vermitteln sie auch in Interviews, wenn sie von ihren Erfahrungen, Tipps und Tricks erzählen. «Ich mache die Kleidung von Beginn an nass. Das gibt zusammen mit dem Wind einen kühlenden Effekt», sagt etwa die Seglerin Maja Siegenthaler.

Die Beachvolleyballerinnen machen Erfahrungen mit Eisschlangen um den Nacken zum Kühlen bei Pausen und Getränken mit viel Salzgehalt. Die Schützin Nina Christen erzählt, wie sie ihr Körpergefühl auch in Japan findet, und dass sie bei der Schiessjacke auf ein Material setzt, das sich bei Kälte und Wärme ähnlich anfühlt. Wieder andere sagen, das Ganze sei auch eine Kopfsache. Will heissen: Nicht erschrecken, wenn einem die feuchtheisse Luft ein erstes Mal entgegen schlägt. Sich nicht beirren lassen, am Fahrplan festhalten, man weiss, was man machen muss.

Hitzekammer als zentrale Neuerung

Und immer wieder fällt das Wort Hitzekammer. Diese Einrichtung hat es zahlreichen Sportlerinnen und Sportlern erlaubt, sich in der Schweiz auf extreme klimatische Bedingungen vorzubereiten. Da herrschten also auch in St. Moritz oder im Velodrom in Grenchen auf einmal 32 Grad und 75 Prozent Luftfeuchtigkeit – in einer Art Gewächshaus, zweieinhalb auf dreieinhalb Meter gross. Das Saunazelt ist mit Warmluftpumpen, einem Luftbefeuchter und einem Ventilator ausgestattet. In den Klimakammern trainierten Vertreterinnen und Vertreter diverser Sportarten.

Gemäss Noack ist die Hitzekammer das zentrale Element, das in den letzten Jahren in der Thematik Akklimatisierung neu hinzugestossen ist. Und ein zweiter Trend gehe dahin, dass sich die ganze Entwicklung nicht auf Ärzte oder Physiotherapeuten beschränke, sondern auf Kreise wie Ernährungsberater oder Textilfachleute ausweite.

Die Hitzekammer bot und bietet in Corona-Zeiten gleich einen doppelten Vorteil. Viele geplante vorolympische Trainingscamps mussten abgesagt werden – wegen Reisebeschränkungen oder weil vor Ort die Trainingsmöglichkeiten eingeschränkt gewesen wären. Auch ins olympische Dorf kann man nicht nach Belieben einziehen. Erst ab sechs Tagen vor dem eigenen Wettkampf ist dies möglich.

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