Die Schweizer Regisseurin Fiona Ziegler. (Bild: Keystone)
Schweiz

Fiona Ziegler: «Im Tschechischen sind ironische Untertöne wichtig.»

Ohne Sprachkenntnisse oder familiären Bezug an eine Filmschule in Prag? Die Berner Regisseurin Fiona Ziegler hatte Mut und wagte das Experiment.

Fasziniert von der Poesie alter tschechischer Filme, hatte die Berner Regisseurin Fiona Ziegler den Mut, das Experiment zu wagen.

Fiona Ziegler spricht schnell, als ob sich ihre Gedanken überschlagen würden. Aber auch präzise und überlegt. Sie erinnert sich im Gespräch mit Keystone-SDA an ihre Ausbildung an der Prager Filmakademie FAMU, die sie letztes Jahr abgeschlossen hat. Und schaut einem dabei immer in die Augen. «Ich glaube, das war auch ein Grund, weshalb ich überhaupt aufgenommen wurde. Ich hatte immer Angst davor, den Leuten in die Augen zu schauen. Aber bei der Prüfung hab ich’s gemacht. Da wollten sie wissen, wer hinter dieser schnellsprechenden jungen Frau aus der Schweiz steckt.»

Damals, es war 2012, hatte sie sich im palastähnlichen Gebäude der Akademie noch wie in einer anderen Welt gefühlt. Für das Aufnahmegespräch habe sie zudem noch eine Übersetzerin benötigt, was die Sache auch nicht einfacher gemacht habe. Inzwischen schätze sie in Tschechien enorm, dass es nicht um Kleidung, Sprachkenntnisse oder Körperhaltung gehe, sondern darum, was dahinter ist. Das sei sicher auch historisch bedingt, mutmasst Ziegler: «Dieses Misstrauen gegenüber allem Oberflächlichen und das Abwarten, ob man den Leuten vertrauen kann.»

Dreh in der Fremdsprache Tschechisch

Eine vielschichtige Prüfung also, aber Fiona Ziegler bestand sie: aus hundert AnwärterInnen wurde sie als eine von sechs in den Regiestudiengang der renommierten Akademie aufgenommen. Es blieben ihr gerade mal acht Monate, um die tschechische Sprachprüfung zu bestehen, sonst wäre alles umsonst gewesen.

Es gelang, doch damit fingen die Schwierigkeiten erst an: «Es ist enorm schwierig, als Regisseurin in einer Fremdsprache zu drehen. Und es dauert mindestens vier Jahre, bis man lustig sein kann – vor allem im Tschechischen, wo die ironischen Untertöne extrem wichtig sind.»

Die Unsicherheit brachte immerhin den Vorteil mit sich, dass sie darauf angewiesen war, die Filmsprache zu meistern. «Es half mir sehr, mich nicht in die Worte und Erklärungen flüchten zu können, sondern mich auf das Bild konzentrieren zu müssen.»

Interesse für das osteuropäische Kino

Es waren dieselben ironischen und poetischen Untertöne, sowie die durch staatliche Zensur bedingte subtile Bildsprache des osteuropäischen Kinos, die Zieglers Interesse für das osteuropäische Kino weckten.

Ihre Masterarbeit an der Universität Genf über die politischen Aspekte im Werk von Emir Kusturica brachte sie zu dessen Filmfestival in Serbien, wo sie erstmals mit Filmen der Tschechischen Neuen Welle in Berührung kam, zu der etwa «Der Feuerwehrball» von Miloš Forman, «Scharf beobachtete Züge» von Jiří Menzel oder auch «Tausendschönchen» von Věra Chytilová gehören.

Nach einigen gescheiterten Versuchen, auf eine Schauspielschule zu kommen, besuchte sie also ein internationales Programm an der FAMU – mit Erfolg. Zurück in Bern liess sie die Erfahrung nicht mehr los. Ein Bewerbungsfilm für eine andere Filmschule war gerade ins Wasser gefallen. «Da hatte ich das Gefühl, dass es so sein musste. In meinem Leben ist es noch nie gut gekommen, wenn ich auf verschiedene Karten gesetzt habe. Also kratzte ich das Wenige, was ich hatte, zusammen und ging zurück nach Prag.»

Es ist nicht gerade naheliegend, als junge Schweizerin mit Regieambitionen aber ohne tschechische Wurzeln nach Prag zu gehen. Entsprechend waren auch die Reaktionen nicht immer verständnisvoll – weder in der Schweiz noch in Tschechien. «Die Filmaffinität ist in der Schweiz schon nicht besonders ausgeprägt: wer zum Film will, gilt schnell als Träumer. Zudem steckt die historische Trennung zwischen Ost und West noch tief in den Köpfen. Vielen ist gar nicht bewusst, wie lebhaft und originell die osteuropäische Filmgeschichte ist. Man fragte mich zum Beispiel, ob ich nach Prag will, weil ich es sonst nirgends geschafft hätte.»

Debüt in den Schweizer Kinos

In Tschechien dagegen sei man oft irritiert gewesen. Es war nicht immer einfach, das Vertrauen der Leute zu gewinnen. Eine Frage, die immer wieder auftauchte: «Was hast du denn als privilegierte Schweizerin, aus einem Land mit direkter Demokratie und ohne Korruption, in dem scheinbar alles perfekt ist, hier verloren?»

Der Mut und der Durchhaltewillen haben sich schliesslich ausgezahlt: Letzten Oktober hat Fiona Ziegler den Masterstudiengang an der FAMU abgeschlossen. Ihr erster Spielfilm «Lost in Paradise», der von der Rückkehr eines Tschechien-Schweizers nach Bern handelt, kommt bald in die Schweizer Kinos.

Mittelfristig möchte die Regisseurin in der Schweiz Filme drehen, aber momentan lebt und arbeitet sie in Tschechien. «Ich bin trotz der pandemiebedingten Ausgangssperre noch nie so in Prag angekommen wie diesen Winter. Weil die Touristen der Stadt nicht mehr allen Sauerstoff rauben, sind die Prager richtig herzlich und zugänglich geworden. Neuerdings bezeichnen sie mich sogar als Tschechien-Schweizerin», lacht sie. Und sie zitiert Federico Fellinis Aussage, wonach der einzig wahre Realist der Visionär sei. «Wenn man ins Ausland geht, dort die Sprache lernt und sich trotz allem behauptet, dann gibt man das nicht einfach wieder auf. Sondern es gibt einem hoffentlich die Kraft, seine Ideen auch daheim durchzusetzen – ohne Kompromisse.»

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