Die Kolumbianerinnen sollen vom Beschuldigten zu Dienstleistungen gezwungen worden sein, die sie gegenüber Freiern nicht erbringen wollten. (Symbolbild: Keystone)
Basel

Mann soll Kolumbianerinnen zu Prostitution gezwungen haben

Das Strafgericht behandelte diese Woche einen Fall von Menschenhandel und illegaler Prostitution.

Für die Staatsanwaltschaft Basel-Stadt ist klar: Ein 58-jähriger Mann, Deutscher und in Basel wohnhaft, soll mit Hilfe einer Komplizin Frauen aus Kolumbien in die Schweiz geholt haben. Diesen war zwar bewusst, dass sie in der Schweiz als Sexarbeiterinnen Geld verdienen werden. In der Anwerbung war aber die Rede davon, dass die Frauen selber bestimmen können, welche Dienstleistungen sie anbieten. Sie dürften Freier auch ablehnen, hiess es. Und ihnen werde während des Aufenthalts ein Hotelzimmer als Rückzugsort zur Verfügung gestellt.

Hoher finanzieller und sozialer Druck

In der Schweiz angekommen, stellte sich die Realität für die Frauen laut Staatsanwaltschaft aber ziemlich anders dar als zuvor ausgemacht. In Freier-Foren habe der Beschuldigte die Frauen angepriesen – auch mit Dienstleistungen, welche diese im Vorfeld explizit abgelehnt hatten. Das versprochene Hotelzimmer habe ebenfalls nicht existiert, und die Frauen mussten laut Staatsanwaltschaft in ein und demselben Zimmer arbeiten, wohnen und schlafen. Dazu komme, dass die zuvor ausgehandelten Konditionen – wie die prozentuelle Aufteilung der Einkünfte – bei der Ankunft in Basel plötzlich nicht mehr dieselben gewesen und dann zu Ungunsten der Frauen ausgefallen seien.

Dadurch, dass die Frauen ihre Reisekosten zurückbezahlen und eine überhöhte Miete begleichen mussten, standen sie unter Druck, das Geld zu beschaffen. Durch dass sie kein Deutsch sprachen oder verstanden, seien sie in einer enormen Abhängigkeit gestanden, so die Basler Stawa. So hätten einer Sexarbeiterin im Falle einer gewünschten Dienstleistung, die sie aber nicht anbieten wollte, erstens die kommunikativen Mittel gefehlt, um dies gegenüber dem Freier zu äussern.

Zweitens sollen die Sexarbeiterinnen im Falle einer Weigerung vom Beschuldigten und seiner Komplizin mit zusätzlicher Arbeit eingedeckt worden sein, heisst es in der Anklageschrift. Beschuldigter und Komplizin drohten ihnen zudem, ihre Tätigkeit gegenüber den Angehörigen publik zu machen, wie es weiter heisst.

Auch seien die Frauen aus Kolumbien in ihrer Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt gewesen. So sollen der Beschuldigte und seine Komplizin den Opfern eingebläut haben, dass die Polizei «auf Frauen wie sie» Jagd mache.

Für sämtliche Vergehen forderte die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklage für den Beschuldigten eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren und vier Monaten.

Andere Version des Beschuldigten

Der Beschuldigte bestritt vor dem Basler Strafgericht die Vorwürfe. Die beiden Frauen, die bei seiner Verhaftung in der Wohnung zugegen gewesen waren, seien nicht für Sexarbeit nach Basel gekommen, sagte er aus. Der Grund für ihren Aufenthalt sei, ihn in Abwesenheit seiner Partnerin zu pflegen.

Das sei für die Frauen aus Kolumbien quasi eine Win-Win-Situation gewesen, da sie noch nie die Möglichkeit gehabt hätten, ins Ausland zu reisen, argumentierte er. Zudem brauche er ja nicht rund um die Uhr Betreuung. Er beschuldigte die beiden Frauen zudem, ihn während ihres Aufenthalts unter Drogen gesetzt zu haben, um ihn so gefügig zu machen und ihn misshandeln zu können.

Die auf Computern und anderen Datenträgern des Beschuldigten sichergestellten Bilder stammten nicht von ihm, gab der Beschuldigte zu Protokoll. Da er seine Wohnung im Gundeli mehreren Personen bei ihren Aufenthalten in Basel zur Verfügung gestellt habe, könne er unmöglich nachvollziehen, wer diese Bilder hochgeladen habe, da all diese Personen auch freien Zugang zu den Computern in der Wohnung gehabt hätten. Wahrscheinlich hätten die Frauen selbst diese Anzeigen geschaltet, so der Angeklagte.

Die von seiner Kreditkarte aus bezahlten Inserate will er ebenfalls nicht geschaltet haben, da er für sein Konto in der Schweiz mehrere Karten habe, über die verschiedene Personen verfügen könnten. Zudem sei er sich aufgrund seiner Tätigkeit in Lateinamerika gewohnt, mit viel Bargeld unterwegs zu sein.

Gericht glaubt dem Beschuldigten nicht

Das Gericht schenkte den Aussagen des Beschuldigten wenig Glauben. Es verurteilte den Mann Ende 50 zu drei Jahren und drei Monaten Freiheitsentzug unbedingt. Seine Aussagen seien häufig widersprüchlich und würden sich von Befragung zu Befragung ändern, so das Gericht. An der Hauptverhandlung habe der Angeklagte zudem noch eine weitere, gänzlich neue Version geschildert. Die Aussagen der beiden Sexarbeiterinnen, die nach seiner Verhaftung befragt worden waren, hielt das Strafgericht jedoch für plausibel. Sie würden auch durch die Aussagen von weiteren befragten Personen gestützt, argumentierte es.

In einzelnen Punkten wurde der Beschuldigte jedoch freigesprochen. In einem Fall konnte das Gericht eine belastende Aussage nicht verwerten, da es zu keiner Gegenüberstellung kam. Und in anderen Fällen konnte die Anklage zwar anhand von Flugtickets und Hotelbuchungen darlegen, dass sich die Frauen aus Kolumbien tatsächlich in Basel aufgehalten hatten. Aber der eindeutige Beweis dafür, dass diese Personen tatsächlich der Prostitution nachgingen und ein Zwangsverhältnis bestand, blieb sie schuldig.

Das Urteil gegen den Beschuldigten ist noch nicht rechtskräftig. Das Gericht muss zum Einen ihm und seinem Rechtsbeistand das Urteil noch schriftlich begründen. Zum Anderen hat der Beschuldigte die Möglichkeit, in Revision zu gehen und das Urteil vor Appellationsgericht anzufechten.

Es bleiben offene Fragen

Nach dem Prozess bleiben gewisse Fragen nach wie vor unbeantwortet. So wurde nach der Verhaftung des Beschuldigten in dessen Wohnung eine Tasche mit 17 Beuteln mit je einem halben Kilo Milchpulver gefunden, ebenso drei Kartonschachteln mit insgesamt 15 Kilogramm Borsäure. Sowohl Milchpulver wie auch Borsäure werden häufig zum Strecken von Kokain verwendet.

Die Staatsanwaltschaft gab bei ihrem Plädoyer zu Protokoll, dass dies zwar von Interesse ist, ihr aber schlicht die Zeit gefehlt habe, diesem Punkt ebenfalls nachzugehen.

Die mutmassliche Komplizin des Beschuldigten ist nach wie vor auf der Flucht. Sie ist international zur Fahndung ausgeschrieben.

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