Regisseur Dominik Graf sieht die Verfilmung von Weltliteratur komplexer als viele Netflix-Produktionen. (Bild: Keystone)
Schweiz

«Bei Weltliteratur kann man nicht in Netflix-Plotpoints denken»

Dominik Graf wurde am 20. Juni am Bildrausch-Filmfest in Basel geehrt. Nun kommt seine Kästner-Verfilmung «Fabian und Der Gang vor die Hunde» ins Kino.

Im Zoom-Interview zieht der deutsche Regisseur Dominik Graf Parallelen zwischen dem im Film gezeigten Berlin der 30er Jahre und heute.

Keystone-SDA: Mit 176 Minuten ist «Fabian und Der Gang vor die Hunde» relativ lang geworden. Ist das in der heutigen, schnelllebigen Zeit notwendig oder mutig?

Dominik Graf: Eine Notwendigkeit des Muts vielleicht. Es gibt unterschiedliche Arten, wie sich der Film der Weltliteratur nähern kann. Die Fernsehserie natürlich, der «Reader’s Digest» – damit mein ich «Krieg und Frieden» in 90 Minuten, so hat es Hollywood zumindest mehr oder weniger gemacht – oder es gibt die Variante, komplexe Erzählformen auch komplex ins Kino zu übertragen. Das Kino kann das. Das Kino kann drei Stimmen gleichzeitig übereinander verarbeiten, kann Ebenen miteinander verbinden. Ich wollte dem Roman nahe kommen, dessen Spirit und dessen Sprache im Film vorkommen lassen. Bei Weltliteratur kann man nicht einfach nur in Netflix-Plotpoints denken und ein paar nette Dialoge benutzen.

War die Veröffentlichung von Kästners Romanurfassung im Jahr 2013 der Grund, warum sie «Fabian» verfilmten?

Gewissermassen. Kurz danach ist der erste Produzent auf mich zugekommen. Der zog sich dann zurück und 2016 kamen die Anfrage von Produzent Felix von Boehm und ein sehr schönes Drehbuch von Constantin Lieb. Dazu kam, dass seit Jahren bereits beschworen wurde, dass Deutschland wieder einen Weg vor die Hunde geht. Auch wenn das für mich nicht das zentrale Interesse am Stoff war, war es eine interessante moderne Ausgangsposition.

Können Sie diesen Niedergang Deutschlands genauer ausführen?

Bezogen auf die Zeit im Film, die 30er Jahre, heisst das, dass das «gedemütigte» deutsche Volk, wie das nicht nur Hitler damals formulierte, nach dem ersten Weltkrieg bei dem Versuch, sich hochgeputscht von Rhetorik aus der Verliererposition zu befreien, Mass und Ziel aus den Augen verlor. Spiesser, Nationalisten, Kriegsgeschädigte und ihre Söhne sind in eine Grossmannssucht verfallen, die vielleicht in Westdeutschland sogar erst in den 60ern wieder endete. Ganze Gesellschaftsgruppen als Verlierer sind immer gefährlich. Das erleben wir nun seit 1989/90 durch die bejubelte Wende anders nochmal. Die Ostdeutschen wurden von der Treuhand verkauft und von den Westpolitikern beleidigt. Jetzt, 30 Jahre später, haben wir es in ganz Deutschland mit einer geteilten Gesellschaft zu tun – mit denen unten und denen oben.

Sie haben einmal gesagt, dass Anfänger in ihrem Fach dazu tendieren, zu viel zu wollen. Wann waren Sie selber an dem Punkt, an dem viel wollen genau richtig war, weil Sie es ganz einfach konnten?

Viel zu wollen, das kann man sich nicht abgewöhnen. Es ist vielleicht so, dass man mit der Erfahrung und der Erkenntnis, was einem deshalb alles schon misslungen ist, immer virtuoser wird im Umgang mit Fehlern. Bei diesem Film ging es mir darum, die verschiedenen Erzählmittel als einen Spiegel der Zeit, von der erzählt wird, zu demonstrieren: die Avantgarde der Gleichzeitigkeit, die Gesellschaftslokomotive, die im Höchsttempo nach vorne stösst, die Technik, die sich entwickelt, der Film selber als eine der grossen Techniken – ich fand, dass das im Film vorkommen muss.

Sie haben der Liebesgeschichte sehr viel Raum gegeben. Warum?

Sie war für mich der Hauptgrund, warum ich den Film gemacht habe. Es gibt nicht viele deutsche Autoren wie Kästner, die so wunderbare Liebesbegegnungen und Dialoge schreiben konnten. Abgesehen vom Ende haben wir es bis ins Detail genauso erzählt. Zwei einsame aber selbstbestimmte Menschen, die um die Chance für ihre Liebe kämpfen in katastrophalen Zeiten.

Wirkt es nur so oder ist Tom Schilling die Idealbesetzung für Fabian?

Tom war für mich Fabian, von Anfang an. Solche Schauspieler sind nicht austauschbar. Ohne ihn hätte man alles umschreiben müssen, und das ist bei Kästner undenkbar. Tom kämpft um Szenen, er will sie leben, er will nichts Gemachtes, Falsches in seinem Spiel haben. Eine intensive Zusammenarbeit.

«Fabian und Der Gang vor die Hunde» kommt am 1. Juli in die Deutschschweizer Kinos.

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