Vom Paris-Syndrom sollen vor allem japanische Touristen betroffen sein. (Bild: Keystone)
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Das steckt hinter dem Paris-Syndrom

Die Ferien sind für viele Menschen die schönste Zeit des Jahres. Bei einigen wenigen können Städtereisen aber psychische Störungen auslösen.

Das Reisen wurde mit der Corona-Pandemie stark eingeschränkt: Die Angst vor Übertragungen und Ansteckungen mit dem Virus sorgte für geschlossene Grenzen, Hotels und Restaurants.

Krankheiten während des Reisens sind dabei nicht neu. Dabei spielen nicht nur Viren und Bakterien eine Rolle, es kann auch zu psychischen Störungen kommen. Dazu gehören das Paris-Syndrom, das Stendhal-Syndrom und das Jerusalem-Syndrom:

Das Paris-Syndrom

Das Paris-Syndrom ist nach der französischen Hauptstadt benannt, weil bisher die meisten Fälle der Störung dort verzeichnet wurden. Das Syndrom trifft dabei oft Reisende aus Japan. Als Auslöser gilt der grosse Unterschied zwischen der romantischen Erwartung der fernöstlichen Touristen und dem schmutzigen Stadtbild, dass sich ihnen bei der Ankunft bietet.

Die Störung wurde erstmals 1991 vom japanischen Psychiater Hiroaki Ota beschrieben und trifft zwischen 12 und 100 Touristen jährlich. Zu den Symptomen zählen akute Wahnzustände, Halluzinationen, Verfolgungswahn, Derealisation, Depersonalisation, Angst, aber auch körperliche Folgen, wie Schwindel, Herzrasen oder Schwitzen. Es gibt Berichte der japanischen Botschaft in Paris über zwei Frauen, die sich im Hotelzimmer verschanzten, weil sie glaubten, es gebe eine Verschwörung gegen sie. Im selben Jahr, also 2006, habe ein Mann geglaubt, er sei Ludwig XIV, während eine weitere  Frau glaubte, sie werde von Mikrowellen attackiert. Das Syndrom zählt nicht zu den offiziell anerkannten ICD-10 oder DSM-IV.

Neben der Enttäuschung des idealisierten Bildes von Paris, glauben Forscher, dass auch die Sprachbarriere, kulturelle Unterschiede sowie Erschöpfung beim Syndrom eine Rolle spielen könnten. Die Krankheit wird durch Bettruhe und Hydration behandelt. In schweren Fällen müssen die Patienten ins Spital oder sofort die Heimreise antreten. Rund ein Drittel soll nach der Behandlung sofort genesen, ein weiteres Drittel erleidet Rückfälle und bei jedem dritten Patienten kommt es zu Psychosen.

Das Stendhal-Syndrom

Das Stendhal-Syndrom ist ebenfalls mit dem Reisen verbunden. Hier sind Menschen betroffen, die eine kulturelle Reizüberflutung erleben und dadurch Panikattacken, Wahrnehmungsstörungen und wahnhafte Bewusstseinsveränderungen erleiden. Benannt ist die Störung nach dem französischen Schriftsteller Stendhal, der das Syndrom im 19. Jahrhundert bei einer Reise nach Florenz erlitten hatte. So schrieb er etwa: «Ich befand mich bei dem Gedanken, in Florenz zu sein, und durch die Nähe der grossen Männer, deren Gräber ich eben gesehen hatte, in einer Art Ekstase. […] Als ich Santa Croce verliess, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum Äussersten erschöpft und fürchtete, umzufallen.» Er habe sich wie ein Verliebter gefühlt, war aber gleichzeitig bestürzt über seinen Erschöpfungszustand.

Patienten können Störungen des Denkens und der Wahrnehmungen, wie Halluzinationen, entwickeln, andere leiden unter Allmachtsphantasien oder Leiden unter der Erkenntnis der eigenen Bedeutungslosigkeit angesichts der Fülle an Kunstschätzen. Eine Dritte Gruppe leidet an Panikattacken mit Symptomen wie erhöhtem Blutdruck, Ohnmachtsanfällen, Bauchschmerzen und Krämpfen. Auch hier erkranken meist Ausländer, die meisten stammen aus den USA oder der nördlichen Hälfte Europas.

Nachdem die Forscherin Graziella Magherini wissenschaftliche Untersuchungen veröffentlicht hatte, wurden die Beschriebe des Syndroms in die Reiseführer zu Florenz aufgenommen. Mit dem steigenden Bekanntheitsgrad sank die Zahl der Erkrankungen bei Touristen in Florenz deutlich.

Das Jerusalem-Syndrom

Das Jerusalem-Syndrom tritt ebenfalls bei Touristen auf: Jährlich erkranken rund 100 Besucher an der akuten psychotischen Störung. Diese begründet sich in religiösen Wahnvorstellungen: Die Betroffenen glauben oft, sie seien eine heilige Person aus dem Alten oder dem Neuen Testament.

Die Menschen geben sich dann als diese Personen aus, predigen und beten öffentlich. Dabei hüllen sie sich in Bettlaken oder weite Gewänder, wie sie die Menschen früher getragen haben. Beliebte Rollen sind Moses oder König David sowie Paulus oder Johannes der Täufer. Dabei würden Juden eher Figuren aus dem Alten Testament wählen und Christen aus dem Neuen Testament.

Die Krankheit wurde erstmals in den 1930er Jahren diagnostiziert. Die Krankheit gilt als nicht gefährlich und die Betroffenen sind meist nach wenigen Tagen wieder genesen.

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