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Der Telebasel Report vom 2. Juni 2021.
Basel

Report: «IV-Gutachten sind eine Lotterie»

Eine Studie sagt, IV-Gutachter seien nicht in der Lage, die Arbeitsfähigkeit von Antragstellern zuverlässig einzuschätzen. Eine Erkenntnis mit schweren Folgen.

Ein Mann stellt einen IV-Antrag. Der eine Arzt konstatiert: «100 Prozent arbeitsfähig», ein anderer: «0 Prozent arbeitsfähig» – wie ist sowas möglich?

Dieser Frage geht Regina Kunz, Professorin für Versicherungsmedizin am Unispital Basel seit Jahren nach. Mittels Studie wollte sie herausfinden, inwiefern Gutachter in der Lage sind, die Arbeitsfähigkeit von Antragsstellenden zuverlässig einzuschätzen. Die verblüffende Antwort: gar nicht.

Mehrere Gutachter schätzten denselben Antragsstellenden ein. Die Übereinstimmung: gerade noch «mässig», an der Grenze zu «gering». «Die Unterschiede waren gross, im Durchschnitt sogar inakzeptabel gross», konstatiert Studienleitern Regina Kunz.

Branche ist schockiert

Der Basler Psychiater Werner Tschan bezeichnet diese Resultate als «Skandal»: «Man könnte geradezu eine Münze werfen – es wäre zuverlässiger». Für Betroffene kann diese Feststellung dramatische Folgen haben: Zwischen den verschiedenen Einschätzungen der IV-Gutachter liegt nicht selten eine ganze Rente.

Andere Länder kämpfen seit Jahren mit denselben Problemen. Vermutungen, dass die Gutachten nicht immer wasserdicht sind, gibt es schon lange. Trotzdem, so schwarz auf weiss scheinen die Resultate umso mehr zu irritieren.

Dringende Anpassungen gefordert

Professorin Regina Kunz fordert weitreichende Anpassungen in der Gutachterpraxis: «Es reicht nicht, an einer Schraube zu drehen – es braucht grundlegende Anpassungen». So müsse unter anderem die Ausbildung verbessert werden: «In den Niederlanden zum Beispiel gibt es für die Versicherungsmedizin einen eigenen Facharzttitel – die Ausbildung dauert vier Jahre». Zum Vergleich: In der Schweiz kann jeder Mediziner und jede Medizinerin nach einem 10-tägigen Kurs Gutachten durchführen.

Des Weiteren brauche es mehr Austausch unter den Gutachtern, mehr praktisches Training und eine Standardisierung des Begutachtungsprozesses. Psychiater Werner Tschan fordert ein Differenzbereinigungsverfahren für den Fall, dass zwei derart unterschiedliche Gutachten aufeinandertreffen.

Der Bund hat das Problem jedenfalls erkannt: Zurzeit läuft die Vernehmlassung für die Gesetzesrevision «Weiterentwicklung der IV». Geplant ist deren Einführung 2022.

Korrektur: Die Gesetzesrevision wurde von den nationalen Räten bereits verabschiedet und tritt per 1. Januar 2022 in Kraft. 

Der Telebasel News Beitrag vom 2. Juni 2021.

13 Kommentare

  1. Die IV Begutachter kann man in der Pfeife rauchen, solche Leute welche einen betreffenden Arzt haben, der ihnen ein Gutachten ausstellt obwohl der betreffende nichts hat, bekommen problemlos IV. Habe mehrere Beweise der IV gesendet, dass der Betreffende nichts hat, doch dort Interessiert das niemand.Report

  2. Ich empfinde sowohl den Bericht inkl. der Art und Weise der Berichterstattung, als auch die Antworten hier als tendenziös.
    Die IV-Stelle hat keine Chance sich zu erklären, weil es der Datenschutz verbietet. Man kann nicht einmal intern nachforschen was passiert ist, da der Bericht anonymisiert erfolgte. Es könnte genauso gut eine frei erfundene Geschichte sein.
    Und bitteschön, man darf auch eines nie vergessen… Es gibt viele behandelnde Ärzte, die Arbeitsunfähigkeitszeugnisse aus Gefälligkeit ausstellen und ihre Patienten in ihrer Krankheitsüberzeugung noch bestärken.
    Auch oder gerade die behandelnden Ärzten sind finanziell von ihren Patienten abhängig. Wie viele Patienten würden den Arzt wechseln, wenn man ihnen keine Arbeitsunfähigkeit bescheinigt…? Bei dem im Bericht gezeigte Psychiater handelt es sich, nach meiner Kenntnis, um so einen Kandidaten.
    Ohne den Sachverhalt konkret zu kennen kann hier keine Bewertung der Situation vorgenommen werden. Aber von einem jammernden Patienten auf eine konkrete Arbeitsunfähigkeitssituation unreflektiert zu schliessen ist kein guter Journalismus. Einmal mehr kreieren die Medien auf diese Art und Weise einen emotionalen Skandal, welcher sich bei genauer Betrachtung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ganz anders darstellen würde.
    Und den ganzen negativen Kommentatoren hier sei gesagt… Legt Eure Akten offen und schimpft nicht einfach nur. Meist gibt es sehr gute Erklärungen für Ihren Frust.Report

  3. Ich finde es super, dass Herr Chan damit an die Öffentlichkeit ging, denn es ist echt schon urlange klar, dass das ganze IV-Anmeldeverfahren korrupt und falsch ist. Schon nur die reine Anmeldung ist für Laien schier nicht zu bewältigen, da Dinge im Fragebogen stehen, die man nicht versteht, da juristisch-deutsch geschrieben wird. Ich bin froh, dass ich eine IV bekommen habe. Jedoch kenne ich etliche Leute, die abgelehnt wurden, zum Teil mehrmals, obwohl sie Leiden hatten die klar ersichtlich waren. Ich finde auch, dass man zuerst die Abhängigkeit der Gutachter angehen muss, da schon lange klar ist, dass die ja finanziell davon profitieren, wenn sie jemanden abweisen, da so die IV Geld spart natürlich. Es sollten unabhängige Psychiater sein, die NICHT von der IV bezahlt werden und die wie im Bericht schon erwähnt eine lange Schulung nur dafür brauchen und dann mit fix vorgefertigten, standartisierten Fragebogen vorgehen müssen. Es darf einfach nicht mehr sein, dass es so schwer ist eine IV zu bekommen und auch nicht, dass es mehrere Jahre dauert, denn diese Leute müssen dann zwangsläufig zur Sozialhilfe und da sich verschulden, kriegen dann deswegen auch nicht den vollen rückwirkenden IV-Betrag, der ihnen eigentlich zustünde, da die Sozialhilfe IMMER einen Teil davon sofort als Schulden einfordert und man so kaum Rücklagen hat.
    Es sollte weiterhin auch mal hingeschaut werden, dass Menschen mit IV und EL keine Altersvorsorge betreiben können, da man sie kaum ein Vermögen ansparen lässt, nicht mal in eine 3. Säule darf man was einzahlen, obwohl man dieses Geld ja dann erst bei Renteneintritt wiederbekommen würde und so den Sozialstaat entlasten würde. Man wird im Alter arm bleiben und sollten die eigenen Kinder nach dem eigenen Tod mehr als 40000.- von einem erben, so müssen sie alles was mehr als diesen Betrag ist sofort der EL zurückzahlen, was ich nicht korrekt finde, da Kinder nichts damit zu tun haben. Auch wenn die Kinder einen sehr guten Job haben finde ich es überaus unrichtig, dass die Sozialhilfe zu ihnen kommt und von ihnen das Geld, welches ihre Eltern damals gebraucht haben zurückfordert. Der ganze Sozialstaat sollte mal überarbeitet werden, aber die IV ist da echt dringend anzuschauen!Report

  4. Ich finde die Aussage des Titels falsch – nicht die Gutachten sind eine Lotterie sondern die ganze IV Versicherung – eine Lotterie oder sogar organisierter Betrug… ich habe immer brav eingezahlt und als ich 2016 durch falsche ärztliche Behandlung querschnittsgelähmt war musste ich im Aargau Sozialhilfe beantragen, weil der IV Entscheid 4 Jahre gedauert hat .. Die Sozialhilfe hat mehr gekostet als die IV ausgezahlt hat… jetzt lebe ich in Armut und habe beim Kanton noch 30 tausend Sozialhilfe Schulden …… wenn man dazu dann noch unter Depressionen und Suizidgedanken leidet, wehrt man sich nicht und hat komplett verloren ….Report

  5. Ich bin 58, habe seit vier Jahren ein Krebsleiden, neben der Krankheit beschäftigt mich das IV Verfahren 3 Jahre. Es kostet Kraft und Zeit. Zum Glück werde ich juristisch durch einen Berufsverband vertreten. Was ich unhaltbar finde, ist die Langsamkeit wie IV Sachbearbeiter die Sache angehen. Um ein polydiszilinäres Gutachten in Auftrag zu geben braucht man fast ein Jahr. Das Gutachten empfand ich weniger oder mehr korrekt. Bei den ganzen IV Prozessen besteht Handlungsbedarf.Report

  6. Für mich ist da ein Punkt ausser acht gelassen worden dass die Gutachter zu abhängig sind das löst auch das neue Gesetz leider nicht , Ich denke der Ansatz sollte zuerst sein die Abhängigkeit klären ansonsten wird es schwierig das umzusetzen. Man muss auch wissen dass es ein schon lange bekanntes Problem ist hier so tun als wäre das neu finde ich gelinde gesagt schon seltsamReport

  7. Mein Bruder kämpfte bald 10 Jahre für eine IV Rente es ging ihm mit jedem Tag sichtlich schlechter Trotz Anwältin und Abklärung keine Chance eine Lange Leidensgeschichte hat nun nach soviel Stress misserfolge und Rückschläge ein ende genommen letzte Woche verstarb mein Bruder an einem Herzinfakt mit 53 Jahren
    Und seine Anwältin berichtet mir gestern das aktuelle Gutachten erneut negariv war . Was sind das für Menschen ? denn mit jedem Tag konnte man sehen wieviel schlechter es meinen Bruder geht selbst Menschen Nachbarn, die ihn nicht wirklich kannten fiel es auf, aber die Gutachter waren blind. Jetzt ist er Tot.Report

  8. Seit 3jahren ein hin und här,3 Diagnosen und zwei davon erwiesene Geburtsgebrechen,ich habe 20jahre trozdem Gearbeitet (teilzeit)mehr ging nie!!Und jetzt wo ich nicht mehr kann,kriegt man den Arschtritt!Zu wenig % gearbeitet,kein anrecht auf IV..Danke..Report

  9. Mein Lebenspartner ist schon seit mehreren Jahren in in Abklärung. Bis heute wurden Gutachten erstellt, die aber vom Versicherunsgericht nicht angenommen wurden, so dass es wieder an die IV zurück zu weiteren Abklärungen vorliegt. Das ist heute schon wieder ca. 1 Jahr her. Auch unser Anwalt hört und sieht nichts von der IV. Meinem Lebenspartner geht es immer schlechter und es interessiert keinem von der IV. Wieviel Jahre soll er noch warten, (sofern er es überlebt) bis er endlich eine IV-Rente erhält.Report

  10. Viele Menschen mit einer Behinderung, können das oben erwähnten Vorgehen der Versicherungen (IV, SUVA, Privat-Versicherung), mit selbsterlebten Leidensgeschichten ergänzen.
    In allen Lebenslagen entschieden Personen über Behinderte und deren Gebrechen, die nicht selbst betroffen sind und absolut keine Ahnung von deren Lage haben.
    Sicher gibt es schwarze Schafe die sich eine Rente erschleichen wollen aber das ist eine kleine Minderheit.  Die Mehrheit müssen sich tagtäglich mit den Versicherungen herumschlagen und wer nicht das Glück hat, eine Rechtsschutzversicherung zu haben oder von von privaten Organisationen unterstützt wird, kann den Kampf gegen die unendlich Langsamkeit und Bürokratie der Versicherungen vergessen, wel unbezahlbar.
    Beispiel: für den Antrag zum rollstuhlgängigen Umbau  eines Personwagen braucht die IV 8 Monate. Medizinische Abklärung 1 bis 2 Jahre.Report

  11. Ich bin zu 20% IV, zu 100% seit 8 Jahren Arbeitsunfähig und es wurden Gutachten erstellt, ohne dass der Gutachter mich untersucht hat. Man ist dem hilflos ausgeliefert….Report

  12. Meinem Mann wurde mit 58 nach 17Jahren in Revision geschickt mit verschiedenen Meinungen. Die IV kürzte die Rente um 50%. Mit 58 krank wie er ist, fand er keine Stelle! Für uns eine öffnete sich eine finanzielle Notlage.Report

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