Durch Albträume erleben Betroffene ihre Traumata immer wieder. (Bild: Keystone)
Schweiz

So geht das Gehirn mit Traumata um

Forschende der EPFL haben im Gehirn von Mäusen einen Mechanismus entdeckt, der den Tieren die Furcht vor lang zurückliegenden traumatischen Erlebnissen nimmt.

Im Fokus steht eine bislang in der Trauma-Forschung kaum beachtete Hirnregion. Naturkatastrophen, Kriege oder Missbrauch sind traumatische Erlebnisse, die bei Betroffenen mit Gefühlen der Ohnmacht und seelischen Schmerzen verbunden sind. Etwa in Albträumen durchleben sie die schlimmen Situationen immer wieder.

Ein Team um den Neurowissenschaftler Johannes Gräff von der ETH Lausanne (EPFL) identifizierte nun in Mäusen einen Mechanismus im Gehirn, der dafür sorgt, dass ein schlimmes, lang zurückliegendes Erlebnis seinen traumatischen Charakter verliert. Davon berichten sie im Fachmagazin «Nature Neuroscience».

Grosse Lücke in der Wissenschaft

«Rund 97 Prozent aller Traumata-Studien basieren auf Erlebnissen, die erst kurze Zeit zurückliegen», sagte Johannes Gräff im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Doch viele traumatische Erlebnisse fliessen ins Langzeitgedächtnis ein – und das Gehirn reagiert auf Erinnerungen an die schlimmen Situationen dementsprechend anders, wie die Forschenden in ihrer Studie zeigen konnten.

Sie unterzogen Mäuse einem Experiment, in dem sie den Tieren in einem Versuchskäfig einen milden Elektroschock auf die Pfoten gaben. Danach durften die Mäuse zurück in ihren Heimkäfig. Eine Gruppe erhielt nach einem Tag, die zweite Gruppe nach dreissig Tagen eine sogenannte Expositionstherapie. Das heisst, sie wurden immer wieder zurück in den Versuchskäfig geholt – was sie an das traumatische Elektroschock-Erlebnis erinnerte und vor Furcht erstarren liess.

Formen der Expositionstherapie werden auch bei Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen angewendet. Dabei sollen traumatische Erlebnisse zu einer «normalen» Erinnerung umgewandelt werden.

Unterschiedliche Hirnschaltkreise

Während der jeweils vier Tage dauernden Therapie zeichneten die Forschenden mit einem speziellen Mikroskop die Hirnströme der Mäuse auf. Demnach waren es jeweils andere Hirnmechanismen, die den Mäusen die Angst vor einem Elektroschock nahmen. Bei der ersten Gruppe war die neuronale Aktivität zwischen dem Frontalhirnlappen und dem Angstzentrum im Gehirn – der Amygdala – besonders stark.

Bei der Gruppe, bei der das traumatische Erlebnis bereits dreissig Tage zurücklag, war ein anderer, komplexerer Mechanismus aktiv: Die neuronalen Schaltkreise verbanden den Frontalhirnlappen über eine Hirnregion mit dem Namen Nucleus reuniens mit der Amygdala. Es zeigte sich, dass die Neuronen im Nucleus reuniens jeweils aktiv wurden, kurz bevor die Mäuse sich entspannten. Die Aktivität dieser Hirnregion habe also gewissermassen das Verlernen der Furcht antizipiert, so Johannes Gräff.

Diese grundlegenden neuen Erkenntnisse in eine Therapie für Menschen mit posttraumatischen Belastungsstörungen umzumünzen, liegen gemäss dem Neurowissenschaftler allerdings noch in weiter Ferne. In einem ersten Schritt versucht sein Team derzeit, die Resultate aus der Mausstudie bei gesunden, jungen Menschen zu bestätigen.

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