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Der Telebasel News-Beitrag vom 17. Mai 2021.
Region

Als Baby der Mutter weggenommen

Bis 1981 gab es in der Schweiz fürsorgerische Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen. Nach dem Baselbiet will nun auch Basel-Stadt daran erinnern.

Es ist eines der dunkelsten Kapitel der neueren Schweizer Geschichte. Noch bis 1981 kam es in der Schweiz zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen. Diese wurden oft willkürlich vollzogen und mit sozialen, moralischen oder wirtschaftlichen Umständen begründet.

Besonders prominent ist das Schicksal der Verdingkinder, die bei Privaten als billige Arbeitskräfte zum Einsatz kamen. Sie wurden oft psychisch und physisch misshandelt. Auch sexueller Missbrauch gehörte häufig dazu. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen stammten aus ärmlichen Verhältnissen, waren Waisen, Halbwaisen oder stammten aus unehelichen Beziehungen.

Verschiedenste Betroffene

Aus einer Aufzählung des Kantons Basel-Landschaft geht hervor, dass die willkürlichen Eingriffe noch weit über die Verdingkinder hinaus gingen. Junge Erwachsene konnten ohne Straftat oder Gerichtsurteil in geschlossene Institutionen eingewiesen werden. Diese administrativen Versorgungen zur Nacherziehung konnten auch in Strafanstalten stattfinden, selbst die Schwangerschaft einer ledigen Frau konnte dazu führen.

Bis in die 1970er Jahre wurden Personen aus wirtschaftlich-sozialen Gründen dazu gezwungen, sich sterilisieren und kastrieren zu lassen. Um die Einwilligung für diesen Eingriff in die Reproduktionsrechte zu bekommen, wurde häufig damit gedroht, den Betroffenen die Unterstützung zu entziehen.

Ebenfalls bis in die 70er Jahre konnten Kinder ihren Müttern weggenommen werden, wenn diese minderjährig, ledig oder arm waren oder wenn sie einen sogenannten liederlichen Lebensstil hatten. Von dieser Praxis besonders betroffen waren die Fahrenden.

Nach wenigen Tagen von der Mutter getrennt

Mit Unterstützung der Behörden wurden von 1926 bis 1973 über 1000 jenische Kinder ihren Eltern weggenommen. Was unter dem Namen «Kinder der Landstrasse» als Hilfswerk bezeichnet wurde, diente eigentlich dazu, die Kultur der Jenischen in der Schweiz langsam auszurotten.

Eine Betroffene ist Ursulina Gruber aus Basel. Sie ist heute 64 Jahre alt und wurde bereits in behördliche Obhut genommen, als ihre ledige Mutter nach der Geburt noch im Spital war. «Sie ist etwas länger im Spital geblieben, musste dort ihre Geburt quasi abverdienen mit putzen». Auf der Säuglingsabteilung hatte Ursulina Gruber noch Kontakt zu ihrer Mutter, dann kam sie für ein paar Monate in ein Säuglingsheim und schliesslich zu einer Pflegefamilie. Von da an durfte sie ihre Mutter nicht mehr sehen.

Die Pflegeeltern erzogen sie als bürgerliches Kind, dazu gehörte die Mitarbeit im Haushalt und musizieren auf dem Klavier. «Weil man Angst hatte, ich sei eine Faule. Weil all die Jenischen, die sind ja faul, das weiss man. Sie werden strafffällig, sie sind Alkoholikerinnen», erinnert sich Ursulina Gruber. Erst mit 20 Jahren habe sie heimlich ihre Mutter gesucht und gefunden.

Ihre ganze Jugend lang habe man ihr gesagt, ihre Mutter wolle ihr nichts Gutes. Als sie dann aber im Wohnzimmer der Mutter ein Baby-Foto von sich sah und realisierte, dass ihre Mutter sie 20 Jahre lang vermisste, habe dies bei ihr eine Lebenskrise ausgelöst, sagt Ursulina Gruber. «In dieser Familie war ich immer gegenwärtig.» Mittlerweile habe sie auch Kontakt zu ihren jüngeren Geschwistern. Jedoch spüre man bis heute, dass sie die prägende Phase der Kindheit nicht zusammen erlebt haben.

Gegen das Vergessen

Diesen Frühling hat der Kanton Basel-Landschaft in verschiedenen Gemeinden zwölf Sitzbänke aufgestellt, die an die Opfer der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen erinnern sollen. Die Bänke sind in einer geschwungenen Form konstruiert und erleichtern so den Benützern miteinander ins Gespräch zu kommen und über die dunkeln Seiten der Vergangenheit zu diskutieren.

Auch im Kanton Basel-Stadt soll ein Mahnmal mit gleichem Zweck entstehen. Dies bestätigt das Departement für Wirtschaft, Soziales und Umwelt auf Anfrage. Geplant sei eine Gedenktafel im Rathaus, wie Ursulina Gruber sagt. Sie hat in einem beratenden Gremium mitgearbeitet.

5 Kommentare

  1. Genau wie Ferienwohnung/Apartment Bönigen es schreibt.
    Es ist einfach nur ein Skandal wie diese «Aufarbeitung» verlief. Denn abgesehen vonb dem Leiden welches uns zugefügt wurde, entstand aus dem Erlebten für uns auch ein wirtschaftlicher Schhaden in Millionenhöhe, was nun mit 25’000.- Franken abgegolten sein sollte. Wir jedoch haben jeden Monat unsere Rechnungen zu bezahlen, welche viele unter uns kaum bezahlen konnten. Denn ein beruflicher Werdegang mit einem normalen Einkommen wurde vielen unter uns unmöglich gemacht. Also müssen wir mit einer Minimalrente leben, welche es uns z.B. nicht erlaubt in die Ferien zu gehen. Wir leben mit konstanten Existenzängsten, sind immer noch sozial isoliert und haben heute noch Alpträume, welche uns in die Vergangenheit zurück versetzen.
    Ganz zu schweigen von dem runden Tisch welcher einberufen wurde um uns einmal mehr über letzteren zu ziehen. Was ich als fester Bestandteil des runden Tisches auch bestens beurteilen kann.Report

  2. Ich hatte eine ältere Jenische Freundin, deren Bruder von der Familie weggenommen wurde. Sie musste bleiben. Geschlagen von der Mutter, durfte sie nicht in die Schule, musste Regenschirme einsammeln und flicken. Wenn sie nicht genug sammelte wurde sie verprügelt. Ihrer Mutter hat sie erst im hohen Alter verziehen. Ihren Bruder, der eine schöne Kindheit verleben durfte, hat sie wiedergefunden durch ein Hilfswerk.Report

  3. Das zu hören von Schweizern ist mir das letzte , so schockiert war ich mal über die Repotage von Genocide in Rwanda, seelische oder körperliche Schmerzen vergiss keiner aber der Böse ist überall auf der Erde ,hoffe dass Gott Euch was besseres schenktReport

  4. Mir wurde auch ein Kind weggenommen weil ich nicht verheiratet war und dies 1980.es ist bis heute ein schweres Trauma das ich wahrscheinlich nie bewältigen werde. Mein Sohn kam in Schaffhausen zur weltReport

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