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Der Telebasel News Beitrag vom 11. April 2021.
Basel

Ein Schamane und ein «Sarg» am Claraplatz

Ein Musiker vollzieht Feuer-Rituale, ein Bänkli dient als Sorgentelefon: Beim Claraplatz treffen Lebenskünstler auf Menschen mit schwierigen Schicksalen.

Er reisst sich das T-Shirt vom Leib und entzündet am Boden ein Feuer. Der Asphalt ist geschmückt mit farbigen Steinen und Ostereiern. So mancher Passant schaut verblüfft hin: Der junge Mann vollführt am helllichten Tag eine Art Schamanenzeremonie auf dem Claraplatz. Es bleibt aber nicht bei einer stummen Performance. Erst greift der Ritualmeister zum Didgeridoo. Anschliessend gibt er auf einem Handpan, einem metallenen Perkussionsinstrument, sein Können zum Besten.

Von Schlägertypen verjagt

Der Musiker Fabian aus Krefeld ist quasi in Basel gestrandet. Eine ungewöhnliche Geschichte brachte ihn hierher. Wie er erklärt, habe er eben gerade eine Freundin im Schwarzwald besucht. «Die schönsten Tage meines Lebens», wie er schwärmt. Dann aber die unangenehme Wende: «Ihr sogenannter Freund hat zehn Schlägertypen organisiert, um mich loszuwerden. Aber die haben es versucht mit freier Liebe und so. Wie man sieht, ist der Junge doch nicht so frei», meint er lachend.

Über Nacht sei er dann beim Claraplatz gelandet. Dabei habe er sofort gewusst, dass das sein «place to be» sein werde. «Zuerst hab ich mir überlegt, mein Zelt aufzuschlagen, dann aber hab ich die Nacht durchgemacht, um den Platz zu energetisieren», erklärt er. Zum Schamanismus sei er aus eigenem Antrieb gekommen, das entspringe halt einfach der Seele.

Sein neuer Aufenthaltsort ist ein beliebter Treffpunkt. Ob BettlerInnen, Senioren, ScientologInnen oder ein Hobby-Verkehrspolizist: Ganz verschiedene Menschen treffen hier aufeinander. Seit vielen Jahren nicht mehr vom Stadtbild wegzudenken ist dabei der «Sarg». Wegen ihrer Form haben die Stammgäste hier der Sitzbank diesen Kosenamen verliehen. Mit Ankerbierdosen in der Hand trifft sich hier täglich eine Gruppe von Menschen zum gemeinsamen Trinken und Plaudern. Einer von ihnen ist Stephan. Er ist gelernter Damencoiffeur. «Seit fünf Jahren bin ich mit der IV am Kämpfen wegen psychischer Probleme», erzählt er offen. Posttraumatische Folgen nach einem Gewaltverbrechen hätten ihn aus der Bahn geworfen.

Ärger über das entfernte «Alkistübli»

Dabei sei er sehr froh über diesen Treffpunkt am Claraplatz. «Einfach Multikulti, jede soziale Schicht, gute Gespräche und manchmal ein bisschen Ärger, aber im guten Kollektiv sind wir hier verbunden», sagt Stephan. Einziger Wehrmutstropfen: Die Behörden entfernten vor ein paar Wochen eine Telefonkabine, die unter den Sarg-Stammgästen als «Alkistübli» bekannt war. Dabei handelte es sich um eine Kunstinstallation von ihnen. Wegen der neuen Paketboxen hatte es keinen Platz mehr dafür. Dieses Kapitel hatte eine Interpellation des SP-Grossrats Beda Baumgartner zur Folge. «Was nicht passt, wird passend gemacht», kommentiert Stephan. Gegenüber seiner Gruppe gebe es viele Vorurteile. Er kritisiert, man solle doch im Kleinbasel lieber beim Kokainhandel hinschauen. «Betreffend Cola, da könnte man härter durchgreifen als gegenüber uns Kiffern oder denjenigen, die gerne ein Bier trinken.»

Ganz anders sieht die Situation beim Neuankömmling und Lebenskünstler Fabian aus. Wegen Corona sind seine Konzerte weggebrochen. Nun gelte es halt zu improvisieren. «Ich bin auf der Strasse», meint er mit einem Augenzwinkern. Dann aber meint er zur Coronakrise: «Nun heisst es, Back to the Roots, sonst werden wir alle abkacken.» In Basel scheint es ihm zu gefallen. «Solange es mir so gut geht wie jetzt, könnte das noch eine Weile dauern.» Wo er übernachten wird, sei noch unklar. Auch hier nimmt er es mit Humor: «Am besten bei einer schönen Frau, doch dazu muss ich mir noch eine saubere Hose anziehen, hab ich mir sagen lassen.»

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