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Basel

Hysterie um WC-Papier und FCB-Lohnstreit – Die Pandemie vor einem Jahr

Die Corona-Pandemie in der Schweiz dauert an. Eine Momentaufnahme vom 9. April 2020 zeigt, wie viel sich dennoch verändert hat.

«Das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar»: Das sagte Gesundheitsminister Alain Berset an einer Pressekonferenz vor einem Jahr. Der Bundesrat mahnte die Bevölkerung zur Geduld und zur weiteren Vorsicht in der Corona-Pandemie, auch in Hinblick auf die damals anstehenden Ostertage.

Das tatsächliche Licht am Ende des Tunnels liess auf sich warten: Die Corona-Pandemie dauert noch heute an. Die Worte des Bundesrats bezogen sich dann auch mehr auf die Corona-Massnahmen. Vor einem Jahr herrschte in der Schweiz der erste Lockdown: Läden, Schulen, Restaurants, Freizeiteinrichtungen und die Landesgrenzen waren geschlossen. Der Bundesrat stellte erste Lockerungen in Aussicht.

Wieder steht ein Bundesratsentscheid an

Ein Jahr später herrschen in der Schweiz wieder Einschränkungen im Kampf gegen die Pandemie. Der Bundesrat prüft wiederum Lockerungsschritte. Am nächsten Mittwoch werden die nächsten Entscheide gefällt. Ob es tatsächlich zu Lockerungen kommt, ist fraglich. Die Fachexperten des Bundes wiesen letzten Mittwoch darauf hin, dass drei der vier vom Bundesrat definierten Richtwerte für allfällige Lockerungsschritte aktuell nicht erfüllt seien.

Der Vergleich zum Vorjahr zeigt aber: Trotz anhaltender Pandemie gibt es einige Veränderungen seit April 2020. Damals war die Aussicht auf eine Impfung in weiter Ferne, die mittlerweile etablierten Schutzmasken waren umstritten – und Mangelware – und der Schock über den Ausbruch der Pandemie sass noch tief. Wie sehr sich die Pandemie gewandelt hat, zeigt auch ein Blick auf die Corona-Schlagzeilen vom 9. April 2020:

Grösste Rückholaktion der Geschichte endet

Mit dem Beginn der Pandemie startete in der Schweiz die grösste Rückholaktion der Geschichte. Der Bund flog alle im Ausland gestrandeten Schweizerinnen und Schweizer zurück ins Land. Tausende Menschen wurden so mit Sonderflügen zurück in die Schweiz gebracht. Dabei wurden sie vom Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) unterstützt, auch finanziell. Die Aktion startete im März und dauerte bis Mitte April. Über 5000 Menschen wurden nach Hause geflogen. Heute gibt das EDA wieder Reiseempfehlungen und Warnungen heraus. Weitere Rückholflüge wegen der Corona-Pandemie werden vorerst nicht gemacht.

Grenzen geschlossen

Mit dem Lockdown schloss die Schweiz am 16. März die Grenzen zum Ausland. Ein einschneidender Schnitt, besonders für Grenzgebiete wie die Region Basel. Während Grenzgänger weiter in die Schweiz zur Arbeit durften, blieben Liebespaare, Familien und Freunde über die Grenzen getrennt. Erst im Juni öffneten diese wieder. Seither hat der Bundesrat über keine weiteren Grenzschliessungen verfügt.

Das Reisen unterliegt aber nach wie vor Einschränkungen: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) veröffentlicht im Zwei-Wochen-Takt eine Liste mit Risikoländern und -gebieten. Wer aus einem dieser Gebiete in die Schweiz reist, muss zehn Tage in Quarantäne – auch mit negativem Corona-Test. Die Quarantäne kann aber verkürzt werden, wenn die betroffenen Personen nach sieben Tagen einen negativen Covid-Test vorweisen können.

Lohn-Streit beim FC Basel

In diesen Tagen macht der FC Basel mit einem Machtkampf zwischen Bernhard Burgener und David Degen sowie wegen der Trennung von Trainer Ciriaco Sforza von sich reden. Vor einem Jahr sorgte Rotblau ebenfalls für Schlagzeilen: Damals ging es um einen Lohnstreit zwischen den Spielern und der Clubleitung. Die Spieler hätten sich geweigert, in der Pandemie während der Super League-Pause auf 17,5 Prozent ihres Lohnes zu verzichten, so die Clubleitung in einem öffentlichen Statement vom 8. April 2020.

Es folgte ein wochenlanger Streit zwischen den Parteien – nicht zuletzt auch deswegen, weil der Club die internen Diskussionen mit den Spielern öffentlich gemacht hatte. FCB-CEO Roland Heri betonte in einem Interview gegenüber Telebasel, dass man die Spieler nicht habe unter Druck setzen wollen. Die Clubleitung habe lediglich geplant, so mit Spekulationen in den Medien aufzuräumen. Einige Tage später meldeten sich dann die FCB-Spieler: Sie seien durchaus bereits gewesen, auf einen Teil ihres Lohnes zu verzichten, wollten aber wissen, wohin das Geld fliesst und wofür es verwendet wird. Ende April kam es schliesslich zur Einigung zwischen Club und Spielern, über die Details schwiegen die Parteien.

Hysterie um WC-Papier

Während heute die ganze Welt über die Verteilung der Impfstoffe spricht und auf einen Impftermin wartet, mauserte sich vor einem Jahr das Toilettenpapier zu einem der begehrtesten Güter in der Pandemie. Hamsterkäufe auf der ganzen Welt machten Schlagzeilen.

Doch weshalb entstand ausgerechnet um Toilettenpapier ein derartiger Hype? Psychologen erklären die Hamsterkäufe mit der Spieltheorie: Wenn jeder nur so viel kaufen würde, wie er braucht, gebe es keine Mängel. Wenn aber einige damit beginnen, Hamsterkäufe zu tätigen, halten es viele für die beste Strategie, diesem Beispiel zu folgen. Weil die Menschen in der Pandemie das Bedürfnis hatten, sich und ihre Familie zu schützen, stürzten sich immer mehr Menschen auf das WC-Papier, so die Erklärung der Psychologen. Das WC-Papier wurde schliesslich zum «Symbol für Sicherheit» – und einem Symbol der Pandemie. So schaffte es das Toilettenpapier unter dem Motto «ainewäg» sogar auf die Blaggedde der Basler Nicht-Fasnacht 2021.

Hotspots in Italien und Spanien

Seit Beginn der Pandemie spielen Zahlen eine grosse Rolle. Insbesondere die Anzahl Neuansteckungen und Todesfälle werden als Richtwert dafür gesehen, wie schlecht es in einer Region oder einem Land aktuell um die Gesundheit steht. 785 Neuansteckungen mit dem Coronavirus zählte die Schweiz am 9. April 2020. Am gestrigen Donnerstag waren es 2’449. Damit sind seit Beginn der Pandemie in der Schweiz über 615’000 Menschen am Virus erkrankt. Vor einem Jahr waren es insgesamt noch 23’500.

Weltweit werden 133 Millionen Fälle gezählt. 2,89 Millionen Menschen starben bisher nach einer Coronavirus-Infektion. In der Schweiz sind es 9’792. Die weltweiten Hotspots liegen seit Monaten in Brasilien und den USA. Im April 2020 zählten vor allem europäische Länder zu den am meisten betroffenen Ländern: Besonders Italien und Spanien wurden schwer von der Pandemie getroffen.

Boris Johnson im Spital

Als eine der ersten berühmten Persönlichkeiten und erster aktiver Staatschef hatte sich Grossbritanniens Premierminister Boris Johnson mit dem Coronavirus infiziert. Der Brite musste sich im Spital behandeln lassen, und wurde zeitweise auf der Intensivstation gepflegt. Es sollte nicht der letzte Staatschef bleiben, der am Virus erkrankt: Besonders US-Präsident Donald Trump und sein brasilianischer Amtskollege Jair Bolsonaro sorgten mit ihren Corona-Infektionen für Schlagzeilen. Beide Politiker leugnen bis heute die Schwere der Pandemie, beide Staatsoberhäupter wollten keine strengen Massnahmen in ihren Ländern – mit gravierenden Folgen: Die USA und Brasilien gehören zu den am stärksten von der Pandemie betroffenen Ländern.

Während sich in den USA die Lage dank den Impfungen langsam lichtet, wütet das Coronavirus wegen einer Mutation in Brasilien weiter, das Gesundheitssystem steht seit Wochen kurz vor dem Kollaps. Englands Premierminister Boris Johnson ist derweil wieder fit und kann dank der Impfungen in Grossbritannien ebenfalls grosse Erfolge im Kampf gegen die Pandemie verbuchen.

Wie schneidet die Schweizer Corona-Politik ab?

Wie gut hat die Schweiz die Corona-Pandemie im Griff? Vor einem Jahr konnten Erfolg und Misserfolg der Schweiz vor allem an den Corona-Zahlen gemessen werden: Im internationalen Vergleich kam man in der ersten Welle relativ glimpflich davon. Das Fazit heute: Die Schweiz hat die Covid-19-Pandemie laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) bisher gut gemeistert. Für das laufende Jahr rechnet der IWF in der Schweiz mit einem Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent und 2022 von 2,8 Prozent. Das gute Abschneiden dürfte die Schweiz hier den im europäischen Vergleich wenig einschneidenden Massnahmen zu verdanken haben. So wurden die individuellen Freiheiten nur in Luxemburg, Lettland, Finnland, Schweden und Island noch weniger eingeschränkt als hierzulande.

Die Schattenseite: Bisher starben in der Schweiz 9’792 Menschen nach einer Infektion mit dem Virus. Die Frage, ob ein Teil dieser Todesfälle mit strengeren Massnahmen hätte verhindert werden können, bleibt. Immer mehr verhärten sich indes Fronten zwischen Befürworten der Corona-Massnahmen und deren Gegnern: Dies, obwohl die Grundrechte in der Schweiz laut einem Bericht von der SRF Tagesschau nicht stark eingeschränkt wurden – genau diesen Vorwurf führen die Massnahmengegner aber an. Zuletzt äusserte der Basler SVP-Politiker David Trachsel die Behauptung, dass die Krawalle in St. Gallen eine natürliche Folge der Corona-Einschränkungen im Land seien.

Endlich auf der Zielgeraden?

Während sich in der Corona-Politik die Konflikte in der Schweiz häufen, lassen die Corona-Impfungen, die seit Ende Dezember in der Schweiz gemacht werden, hoffen. Zwar läuft die Impf-Kampagne wegen Lieferschwierigkeiten noch harzig, für die kommenden Wochen erwarten die Fachexperten des Bundes aber grosse Lieferungen: Zu Verzögerungen soll es nicht mehr kommen.

Dass es bereits zum jetzigen Zeitpunkt eine wirksame Impfung gegen das Virus gibt, damit konnte vor einem Jahr noch niemand rechnen. Mit mehreren Impfstoffen scheint der Weg aus der Pandemie endlich möglich und Alain Bersets «Licht am Ende des Tunnels» tatsächlich sichtbar. Die Fachexperten lassen hoffen: Martin Ackermann, Chef der wissenschaftlichen Taskforce des Bundes, rechnet damit, dass in der Schweiz in rund drei Monaten die Normalität einkehren wird: «Die Ziellinie ist nahe», sagt er.

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