Happige Einzelzimmer-Mieten für arme Menschen und Einlass nur mit Fingerabdruck - so die Praxis in einer Basler Liegenschaft. (Symbolbild: Key)
Basel

Happige Preise, ungewöhnliche Hausregeln – arme Mieter als Geschäftsmodell

Teure Zimmer für Sozialfälle und Einlass nur mit Fingerabdruck. Diese Praxis in einer Liegenschaft sorgt für Kritik. Der Vermieter rechtfertigt sein Vorgehen.

Zeitenweise war sie «auf der Strasse». Für Vanessa glich die Wohnungssuche einem Spiessrutenlauf. Spätestens dann, wenn der Vermieter einen Auszug aus dem Betreibungsregister verlangte. Auf schnelle und unkomplizierte Weise wurde sie schliesslich fündig. «Ein Kollege gab mir die Telefonnummer. Ich war obdachlos, rief an und habe in zwei Wochen dieses Zimmer gefunden», erinnert sich Vanessa. Die Mieterin möchte anonym bleiben, daher wird weder ihr richtiger Name noch die Liegenschaft genannt.

Ein Bett, ein Stuhl, ein Holzregal. Das Zimmer von Vanessa ist auf das Wesentliche beschränkt. Küche, Bad und Toilette teilt sie mit anderen Personen. In dieser Wohnung wird jedes Zimmer einzeln vermietet. Im Gegensatz zu einer WG hat sie sich ihre MitbewohnerInnen nicht ausgesucht. 900 Franken Miete bezahlt Vanessa, mit den Nebenkosten sind es 1050 Franken. «Wenn ich die Miete bezahle, bleiben mir noch 650 Franken», sagt Vanessa. Wie sie erklärt, beziehe sie eine IV-Rente und Ergänzungsleistungen. Auch ihre Nachbarn sind Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Vanessa beschreibt, dass einige von ihnen mit Suchtproblemen zu kämpfen haben. Manche leben von der IV, manche von der Sozialhilfe. Die Liegenschaft sorgte in der Vergangenheit bereits für negative Schlagzeilen. So berichtete etwa die BaZ vor einigen Jahren über eine Messerstecherei zwischen Dealern. Die TagesWoche erwähnte das Gebäude im Zusammenhang mit mehreren sogenannten «Gammelhäusern».

Bedenken wegen Datenschutz

Die Mietbedingungen in dieser Basler Liegenschaft haben es in sich. Vanessa bedauert etwa, dass sie keine Türklingel hat. Für den Zutritt braucht es einen Fingerabdruck. Vanessa ärgert sich über das biometrische Schloss an der Eingangstür. Sie und andere BewohnerInnen überfordere es, oft funktioniere es nicht richtig. «Ich finde das eher dumm, ich bin schon eine halbe Stunde vor der Tür gestanden und kam nicht rein», so die Mieterin. «Man muss schon zweimal probieren, man friert vor der Tür, will rein und es geht nicht», so Vanessa. Seit ein paar Monaten sei das bereits so. «Wir wurden nicht darüber informiert, es wurde einfach gemacht».

Auch in punkto Datenschutz ist so eine Fingerabdruckkontrolle für MieterInnen heikel. Schliesslich sollte es die Vermieter nichts angehen, wer wann das Haus betritt oder verlässt. Dies stellt Eidgenössische Datenschutzbeauftragte (Edöb) klar. Sprecherin Silvia Böhlen verweist auf ein Urteil des Bundesverwaltungsgericht zu biometrischen Zugangskontrollen bei Freizeitaktivitäten. «Was im Freizeitbereich gilt, muss in verschärftem Mass auch in einem Mietverhältnis berücksichtigt werden, da ein Vermieter eine gewisse Machtposition gegenüber den Mietparteien hat, insbesondere da es sich im vorliegenden Fall um Sozialhilfebezüger handelt», schreibt Silvia Böhlen. «Den Mieterinnen und Mietern sollte darum unbedingt eine alternative Zutrittsmöglichkeit gewährt werden, die Daten dürfen nicht zentral gespeichert und müssen regelmässig gelöscht werden», so die Edöb-Sprecherin.

«Ein gängiges Geschäftsmodell in mehreren Städten»

Sowohl das Schloss wie auch die Mietzinsen werfen Fragen auf. Als Anhaltspunkt: Die Unterstützungsrichtlinien des Departements für Wirtschaft, Soziales und Umwelt (WSU) definieren dazu eine Obergrenze. Bei den Zimmern innerhalb einer Wohnung, also mit geteilter Küche und Bad, liegt diese Grenze monatlich bei 535 Franken ohne Nebenkosten. Bei möblierten Zimmern kann noch ein Zuschlag von 20 Prozent verrechnet werden. Die Preise in der besagten Liegenschaft liegen über dieser Richtlinie.  Anders sieht es bei den IV-Ergänzungsleistungen aus, also beim Fall von Vanessa. Dort können pro Monat 1370 Franken angerechnet werden. Ob Vanessa in diesem Fall Anspruch auf mehr Leistungen hätte, ist nicht bekannt, da das Amt für Sozialbeiträge aus Datenschutzgründen keine Einzelfälle kommentiert. Zudem besteht in der Auflistung der IV keine Angabe über die Kostenübernahme bei Zimmern innerhalb von Wohnungen, wie das bei Vanessa der Fall ist.

Mit den einzelnen Zimmern in einer solchen «unfreiwilligen WG» kann der Eigentümer viel mehr einnehmen, als wenn er die ganze Wohnung vermieten würde. Patrizia Bernasconi, Geschäftsleiterin des Basler Mieterinnen- und Mieterverbands, ärgert sich darüber. «Man will die Finanzierungsmöglichkeiten dieser Menschen ausreizen, also das Geld, das sie von Sozialhilfe oder IV bekommen, gerechtfertigt ist der Mietzins nicht». Immer wieder erhalte sie Meldungen über solche Liegenschaften. Wie viele es genau davon gibt, wisse sie aber nicht. «Das ist ein gängiges Geschäftsmodell, das man in vielen Städten kennt – Vermieter nutzen so die Situation von Menschen aus, die keinen einfachen Zugang zum Wohnungsmarkt haben», sagt Patrizia Bernasconi.

Wie aber rechtfertigt Vanessas Vermieter dieses Modell? Wir erreichen den Mann, der nicht namentlich genannt werden will, per Telefon. Zunächst betont er, dass er nur schriftlich antworte. Er holt zu einer Medienschelte aus und stellt klar, dass er nach früheren Erfahrungen nicht gut auf JournalistInnen zu sprechen sei. Dann aber zeigt er sich aufgeschlossen und gesprächsbereit. Die Antworten lässt er uns im Anschluss per Mail zukommen.

«Ich helfe dem Staat, einen Haufen Geld zu sparen»

Wie er gegenüber Telebasel bestätigt, zahlt bei rund der Hälfte der MieterInnen die Sozialhilfe. Der Vermieter räumt ein, dass er mit seinen Zimmern mit durchschnittlich 800 Franken ohne Nebenkosten (im Fall von Vanessa sind es mehr) über dem Ansatz des Kantons liege. «Dafür kriegen die Mieterinnen ein Zimmer, welches nicht mit anderen Personen geteilt werden muss». Er nennt begleitete und betreute Wohnangeboten, die pro Monat im vierstelligen Bereich lägen. Obschon seine Liegenschaft keinen Heimstatus hat und der Vergleich daher hinkt, führt er gemeinnützige Institutionen als Rechtfertigung an. «Im Vergleich dazu ist unser Angebot mit 800 Franken pro Zimmer preisgünstig», sagt der Eigentümer. «Ich helfe dem Staat, jeden Monat einen Haufen Geld zu sparen, da durch die Leute, welche bei mir wohnen, keine hohen Kosten für das begleitete Wohnen anfallen». 

Zudem gebe es bei dieser Mieterschaft einige Kostentreiber. Er nennt etwa die Kosten für Räumungen und Reinigung. Schliesslich gebe es viel Vandalismus im Haus. Auch die Verwaltungskosten, die hohe Fluktuation und das Mietausfallrisiko bei diesem Klientel würden einiges dazu beitragen. In einem Mietvertrag, der Telebasel vorliegt, ist davon aber nichts zu lesen. Sowohl das Obligationenrecht wie auch die Verordnung über Pacht von Wohn- und Geschäftsräumen schreiben vor, dass solche Leistungen transparent gemacht werden müssen. Auch Patrizia Bernasconi hält fest, dass solche Services in den Vertrag gehörten. «Sie müssen klar ausgeschieden sein, auch als Pauschale», so Bernasconi.

Nächtliches Besuchsverbot im Mietvertrag

Ganz im Gegensatz zu den Extrakosten sind im Mietvertrag die Vorschriften ausführlich aufgelistet. So muss der Briefkasten geteilt werden. Von 22 Uhr bis 7 Uhr morgens herrscht ein Besuchsverbot. Vanessa findet diese Vorschrift nervig, räumt aber ein, dass sie nicht so streng eingehalten oder kontrolliert werde. Der Vermieter begründet dieses Verbot mit Erfahrungen aus dem Wohnalltag: «Es gibt einige Mieterinnen, die in ihren Zimmer ein Airbnb für Obdachlose, Drogenhandel oder Prostitution betreiben möchten», schreibt er. Mit dieser Massnahme wolle er effizient gegen Missbrauch vorgehen. Er toleriere normalen Besuch, solange dieser die anderen BewohnerInnen nicht störe. Würde man in so einem Haus alles durchgehen lassen, komme wieder der Gammelhaus-Vorwurf. Patrizia Bernasconi kann das nicht nachvollziehen: «Es geht einfach gar nicht, man hat das Anrecht auf Besuch, Punkt – Probleme wir Rotlicht im Zimmer kann ein Vermieter auch anders regeln und lösen».

Wir sprechen den Vermieter auch auf den wenig beliebten Fingerabdruck und die deutlichen Erklärungen des Datenschutzbeauftragten an. Er erklärt, das Schloss sei ebenfalls zum Schutz der MieterInnen da. «Es werden keine Zugangsdaten ausgewertet. Das ist auch nicht möglich, da wir nicht wissen welcher Finger zu welcher Person gehört. Der Datenschutz ist daher zu hundert Prozent gewährleistet», versichert der Eigentümer. Die Frage, ob er die MieterInnen mit einer Datenschutzerklärung darüber in Kenntnis setzte, bleibt unbeantwortet.

«Sie sind froh, überhaupt ein Zimmer zu haben»

Trotz Kritik hält sich dieses Mietmodell seit Jahren. Der Eigentümer betont, dass er keineswegs die Situation dieser Menschen ausnutzen wolle. Er habe das Haus schon mit dieser Mieterschaft übernommen. Ursprünglich wollte er Business-Apartments für Geschäftsleute einrichten. Nach früheren beruflichen Erfahrungen mit suchtkranken Menschen habe er sich entschieden, das Modell mit den möblierten Zimmern weiterzuführen. «Manchmal denke ich aber wirklich daran. Es wäre besser das Haus zu Business Apartments umzuändern, dann hätte ich all diesen Ärger nicht», gesteht er.

Welchen finanziellen Gewinn er aus diesem Modell zieht und ob er noch andere Liegenschaften nach diesem Prinzip führt, möchte er nicht bekanntgeben. Auf jeden Fall dürften die MieterInnen kaum reklamieren. Zu dieser Einschätzung kommt Vanessa: «Das ist deshalb so, weil sie froh sind, überhaupt ein Zimmer zu haben», sagt die Bewohnerin.

Mitarbeit: Danny Scherz

5 Kommentare

  1. Es wäre meiner Meinung nach die Aufgabe des Staates, entsprechende Sozialwohnungen zur Verfügung zu stellen. Wie dies noch bis vor einigen Jahren der Fall war. Dann könnten solche Giersäcke nicht so geschäften. Außerdem gibt es ja gesetzliche Richtlinien. Weshalb schreitet dann der Staat nicht ein. Aber dieses Beispiel zeigt explizit, dass die Reichen machen können was sie wollen. Ich sage es bereits seit mindestens 10 Jahren. Willkommen im Mittelalter, wo es nur noch Arm und Reich gibt. Bzw. Die Reichen, Ihre Zuträger (die ADLIGEN) und die Armen. Das hat bereits seit Jahren System. Die Reichen haben vor Jahren gemerkt, als es noch einen gesunden Mittelstand gab, dass eben dieser Mittelstand zu viel Macht hatte und deshalb den Reichen zu viel Gegensteuer geben konnte. Mittlerweile gehen wir mit grossen Schritten auf mittelalterliche Strukturen zurück. Die Reichen werden, trotz PANDEMIE, immer reicher und die Armen immer ärmer. Ich sage nur eines, wenn wir da nicht bald gegensteuern, befinden wir uns tatsächlich wieder im Mittelalter, zumindest was die Vermögensverteilung betrifft….🙄Report

  2. guten Tag, die Geschichte könnte von mir sein .. nachdem in meiner eben neu bezogenen Wohnung eingebrochen wurde, musste ich kurzfristig eine Bleibe haben. Das war ein riesiger Schock, da es ebenfalls ein Gammelhaus war. Dreckige Decken, Stuhlgang auf dem einzigen Stuhl, Mäuse, Löcher überall. Auf Nachfrage betreffend TV bekam ich die Antwort, alle seien geklaut worden. Stress, ausgemusterte arme Teufel unter diesen Heimatlosen und Sozialfällen mussten bei Nacht und Nebel das Haus verlassen, ihr Hab und Gut anderntags holen. Das war in Märstetten am Bahnhof, ein Horror in kleinen 6-8m3 .. Ein schreckliches Erlebnis .. freundliche Grüsse Marijke VoglerReport

  3. Aus persönlichen Erfahrungen mit meinem Sohn, entspricht das der Realität. Es geht darum von Behörden, jemanden zu bevormunden und teuer, zu Gunsten des Staates zu versorgen. Es geht nicht darum, in welcher Situation sich derjenige befindet. Wie ei den Junkie Schlafstellen, versuchen die offiziellen, Regeln aufzustellen und gleichzeitig ins eigene Kässeli zu wirtschaften. Leider geht das an der Menschenwürde und an deren Bedürfnissen vorbei. Dies ist nur so möglich, da es verpasst wurde, auf öffentlicher Seite ein angemessenes Angebot einzurichten… Das Ego des Staates ermöglicht erst solche Angebote, für welche am Ende alle teuer bezahlen…. Ein schlimmer Weg für alle, ausser dem, zurecht geschäftstüchtigen Vermieter, welcher eine Lücke schliesst. Das ist scheinheilig!Report

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