Die FCB-Fan-Proteste sind in ihrem Ausmass aussergewöhnlich, die ersten sind es aber nicht. (Bild: Keystone)
Basel

Zwischen orangen Trikots und fehlenden Stehplätzen

Basel wird einer rotblauen Protestwelle geflutet. Dabei sind Fan-Aufstände beim FCB keine Neuheit, das aktuelle Ausmass wurde aber bisher noch nie erreicht.

Die Fan-Proteste gegen die Club-Leitung beim FCB reisst nicht ab und erreichte am vergangenen Samstag mit einem Protest von rund 5’000 Personen ihren vorläufigen Höhepunkt.

Steckt der FCB in seiner bisher tiefsten Krise? «Stand heute befindet sich der FCB definitiv nicht in seiner schwersten Krise, weder sportlich noch finanziell. Einmalig ist hingegen sicher das Sichtbarwerden der Unzufriedenheit», sagt Beni Pfister, Betreiber der Fussball-Kulturbar Didi Offensiv, der mit der Fan-Bewegug «Yystoo für e FCB» in Verbinung steht. «Auch eine Protestbewegung wie ‹Yystoo für e FCB› hat es noch nicht gegeben.»

Claudio Miozzari, Grossrat (SP), Historiker und Co-Autor von «Der FCB und seine Stadt» pflichtet bei: «Aktuell erleben wir sicher einen schwierigen Moment für den FCB». Es habe aber schon andere grosse Krisen gegeben. «Beispielsweise Ende der 1980er-Jahre. Damals war der Club pleite und konnte sich nur mit Bettelaktionen über Wasser halten. Der Verein wusste nicht, wie er seine Rechnungen bezahlen sollte und hatte Mühe, jeweils die Lizenz für die neue Saison zu bekommen.»

An einer der damaligen Generalversammlungen habe es viel Kritik gegeben, die Club-Leitung sei abgetreten. «Es war sehr existenziell. Das hat sich aber weniger in öffentlichen Protesten gezeigt. Aktuell weiss man ja nicht so genau, wie es um die Finanzen steht. Die Krise spielt sich aber auf anderer Ebene ab», sagt Claudio Miozzari.

«Verhältnis war immer kritisch»

«Seit dem Einzug ins neue Stadion sind die Fans organisierter als früher. Es gab aber immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Clubleitung und Fans», so Miozzari. «Streitpunkte waren beispielsweise der Fan-Pass oder Stehplätze. Ich würde sagen, dass das Verhältnis zwischen Kurve und Club-Leitung grundsätzlich immer von kritischer Distanz geprägt ist, weil unterschiedliche Interessen bestehen. Auch vor dem Einzug ins neue Stadion haben sich Fans aber manchmal gewehrt, beispielsweise als die Ticketpreise im Provisorium Schützenmatte erhöht wurden.»

«Die FCB-Fans verfolgten das Geschehen rund um den FCB immer auch kritisch», bestätigt Beni Pfister. «Es gab immer wieder Protestaktionen, wie zum Beispiel Transparente im Stadion mit Sprüchen wie ‹Vorstand raus›. Aber die Dimension, die wir aktuell erleben, mit den verschiedenen Aktionen ist sicher bisher einmalig.»

«Das klassische Ausdrucksmittel der Fans sind Spruchbänder im Stadion», so Miozzari. «Es gab aber auch früher schon mal eine Demonstration – gegen den Fan-Pass. Auch Fan-Boykotte gehören dazu: Man geht nicht zum Spiel oder man singt nicht. Zu diesem Mittel greifen Fans oft bei sportlichen Sachen.»

Die Corona-Pandemie spiele, obwohl der Gang ins Stadion natürlich vielen fehle, bei den aktuellen Protesten nur bedingt eine Rolle, erzählt Claudio Miozzari weiter. «Die Besorgnis, die da ist, ist unabhängig von Corona. Man weiss nicht, ob der Verein verkauft wird und wie es sportlich weitergeht. Dass die Proteste am Samstag laut Medienberichten zu einer Party wurden, hat aber wohl mit einer grossen Sehnsucht zu tun. Der Match-Besuch fehlt den Leuten – da haben sie vielleicht etwas nachgeholt.»

Orange Trikots sorgten für rote Köpfe

Die rotblauen Herzen protestierten also schon immer. In Erinnerung bleibe besonders ein Aufstand aus dem Jahr 1972, so Beni Pfister. «Der Vorstand des FC Basel hatte im Frühherbst 1972 beschlossen, bei Heimspielen nicht mehr in rotblauen, sondern in orangen Trikots anzutreten.» Der damals 19-jährige Markus Vogel und spätere langjährige Präsident des FCB-Fan-Clubs Bebbi, organisierte kurz darauf eine Unterschriftensammlung. Über 3’500 Fans unterschrieben abwechselnd in Rot und Blau die Petition an den Vereinsvorstand und forderten diesen auf, den FCB wieder im traditionellen, rotblauen Trikot antreten zu lassen, erzählt Pfister.

«Der Vorstand trat auf das Anliegen nicht ein, sah sich aber zu einer Rechtfertigung genötigt. Präsident Felix Musfeld erklärte, der FCB habe in den letzten Jahren wichtige Entscheidungsspiele bei sonnigem Wetter verloren. Der Verein habe deshalb den Zusammenhang zwischen Dressfarben und Sonneneinwirkung untersuchen lassen. Es habe sich gezeigt, dass die Farben Rot und Blau die Wärme am stärksten aufnähmen. Die besten Farben seien Weiss und Orange», erinnert sich Pfister. «Musfeld betonte aber, dass die Vereinsfarben Rot und Blau bleiben, egal in welchen Trikotfarben der FCB spiele. Diese Argumentation überzeugte die Fans nicht. Die orangen Trikots verschwanden schon nach kurzer Zeit wieder. Sicher auch wegen der Proteste der Fans.»

Lösung von beiden Seiten nötig

Wie können sich also Krisen zwischen Fans und Club-Leitung lösen? Die Erfahrungen zeigten, dass ein besseres Verständnis zwischen Club und Fans nur im Dialog gefunden werden könne, führt Claudio Miozzari an. «Schon vor den Ausschreitungen 2006 war  das Klima zwischen der Muttenzerkurve und der Club-Leitung schlecht. Der spätere Präsident Bernhard Heusler und die Fans haben es nach der sogenannten ‹Schande von Basel› geschafft, in einen Dialog zu treten und wieder Vertrauen aufzubauen.»

Die Fans seien gut darin, kreativ auf ihre Anliegen hinzuweisen. «Beispielsweise als die Match-Zeiten wegen der Tennis-Spiele verschoben wurden und die Fans Tennisbälle auf das Feld warfen. Die Liga hat deswegen allerdings die Spielzeiten nicht angepasst.» Auch um die Steh- und Sitzplätze habe es lange Diskussionen gegeben. «Ein Protest alleine ändert wenig – es geht meist nur vorwärts, wenn sich beide Seiten bewegen», so Miozzari.

Folgen bei jungen Fans befürchtet

Wie sich die aktuellen Proteste auswirken, darüber kann Miozzari nur mutmassen: «Man muss sich darauf einstellen, dass sich die Unklarheit darüber, wie es um den Verein steht und wie es weitergeht, nicht so schnell auflösen wird. Es ist nicht absehbar, dass die Clubleitung auf die Fans zu geht und auch sportlich könnte es noch weiter runter gehen».

Auch Beni Pfister gibt eine düstere Prognose ab: «Ich befürchte, dass sich die Entfremdung zwischen Fans und Club weiter verstärkt. Sollte es tatsächlich zu einem finanziellen Engagement von Centricus oder eines anderen ausländischen Unternehmens kommen, dürfte der FCB sehr viele Jahreskarteninhaber verlieren. Am schlimmsten könnte sich aber langfristig auswirken, dass der FCB bei den Kindern und Jugendlichen nicht mehr hoch im Kurs steht, weil der Club seine Glaubwürdigkeit verspielt hat», so der Betreiber der Fussball-Kulturbar Didi Offensiv.

Verlustängste spielen mit

Die Sorgen bleiben wahrscheinlich zunächst, aber auch die Liebe für den Verein? «Die Fans lieben den FCB. Jeder Fan hat eine individuelle Beziehung zum Club, spezielle Momente, die er mit dem FCB verbindet», sagt Beni Pfister.

«Man hat durch die Erfolge der letzten Jahrzehnte eine grosse Fan-Basis aufgebaut», kommentiert Claudio Miozzari. «Viele Fan-Gefühle werden von Erinnerungen, wie europäische Reisen und gefeierte Erfolge genährt – das sind gemeinsame Erinnerungsschätze.» Fan-Erlebnisse blieben lange präsent bei den Leuten. «Für jeden Fan ist die Beziehung zum Verein etwas Besonderes. In den aktuellen Protesten zeigt sich nicht zuletzt eine Verlustangst: Man hat Angst, dass einem der eigene Verein fremd wird und man damit etwas verliert, das einem wichtig war.»

FC Basel nicht allein

«Ich glaube mich zu erinnern, dass es beispielsweise beim FC Sion Auseinandersetzungen zwischen den Fans und Christian Constantin gab, die öffentlich ausgetragen wurden», erzählt Claudio Miozzari. Auch im Ausland gebe es immer wieder Probleme zwischen Fans und Vereinen: «In Rom und Neapel konnte man schon erleben, dass das sehr heftig werden kann bei Protesten von Fans gegen den eigenen Verein. Auch in Marseille haben vor wenigen Wochen Fans das Trainingsgelände gestürmt – aus Protest gegen die Clubleitung».

Ebenso in Barcelona: Im August sorgte die Nachricht für Furore, dass Fussball-Superstar Lionel Messi den Club verlässt. Die Fans protestieren vor dem Camp Nou und forderten den Rücktritt von Präsident Josep Maria Bartomeu, der ihrer Meinung nach für die Krise verantwortlich war. Im Oktober gab er schliesslich seinen Rücktritt bekannt.

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