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Basel

Im Herzen tut es weh

Leise Fasnachtsklänge, eine traurig-romantische Stimmung und Mehlsuppen-Picknick: Basel hat sich seinen Morgestraich trotz Absage nicht ganz nehmen lassen.

«Es ist Fasnacht!», ruft ein junger Mann im Waggis-Kostüm laut über den Marktplatz. In seiner Stimme schwingt Wehmut mit. Eine bedrückte Stimmung schwebt über der Basler Innenstadt. Soll man weinen oder lachen? So recht weiss das hier niemand.

Montagmorgen, kurz vor 4 Uhr. Über 100 Menschen haben sich vor dem Rathaus versammelt, um die Fasnacht einzuläuten, die dieses Jahr grösstenteils gar nicht stattfindet. Einzelne Personen tragen Kostüme, die meisten verharren in kleinen Grüppchen und warten, «bis es 4i schloot». Plötzlich quietschen die Schienen. Um diese Zeit fährt doch noch kein Drämmli? Heute schon. Drei gelb-rote Waggons der BLT kriechen um die Ecke. Als das Tram auf dem Marktplatz einfährt, brechen die Menschen in Applaus aus. In den Waggons sitzen lauter Fasnächtler, wenn auch keine lebendigen. Ueli, Pierrots und andere Figuren schmücken das Tram, sie haben Laternen dabei. Nach der Einfahrt des Trams versammelt sich davor eine Handvoll Kostümierte, die im Stile einer militärischen Zeremonie den Morgestraich ausrufen. Fröhlich-ironisch werden mit Massstäben die Abstände zwischen den Schaulustigen kontrolliert. Statt Zeedel wird WC-Papier frisch ab der Rolle verteilt.

(Video: Telebasel)

«Überrascht, dass so viele gekommen sind»

Die Glocke am Rathaus schlägt vier Uhr. Eine Gruppe johlt den Morgestraich. Aus derselben Ecke hämmern Trommelgeräusche. Einige Personen singen die Melodie leise vor sich hin. Die Lichter gehen das zweite Jahr in Folge nicht aus. Zwei Tambouren, die sich beim Globus postiert haben, setzen sich in Bewegung. Eine Menschentraube schliesst sich dem Zweiergespann mit schwarzen Schnabel-Larven an. Weit kommt die Gruppe nicht. Die Polizei, anfangs zurückhaltend, greift ein und stoppt den spontanen Fasnachtszug – zu viele Leute auf einem Haufen. Mit einigen Buhrufen, aber ohne grösseren Widerstand beenden die Teilnehmer den spontanen Umzug. Einzig ein betrunkener Mann ruft demonstrativ «Yyystoooh!» in Richtung der Polizisten. Nein, Spass macht diese skurrile Situation eines abgesagten Morgestraichs niemandem. Nicht den Fasnächtlern, nicht der Polizei. Den Beamten steht der Wehmut ebenfalls ins Gesicht geschrieben.

(Video: Telebasel)

«Ich bin überrascht, dass so viele gekommen sind», sagt Stephan Fluri (57), aktiver Fasnächtler aus Basel und an diesem Montagmorgen in ein schwarz-weisses Kostüm gekleidet. Er und sein Freund Hugo Rudin (71) liessen sich den Morgestraich nicht ganz nehmen und stossen auf dem Marktplatz auf die Nicht-Fasnacht 2021 an. Die Enttäuschung über die Absage drückt durch. Ebenso auch ein Unverständnis dafür, dass die Basler Regierung praktisch jegliches Fasnachtstreiben untersagt hat. Es sei klar, dass die drey scheenschte Dääg im Grossen nicht stattfinden könnten, findet Rudin. «Aber ein bisschen mehr hätte man bewilligen können.»

(Video: Telebasel)

Dass etwas Fasnacht auch im Rahmen der Corona-Regeln möglich ist, zeigt sich direkt vor dem Rathaus. Dort sitzt ein Grüppchen von fünf Personen an einem Camping-Tisch und geniesst Mehlsuppe mit Reibkäse und Fastenwähe. «Selbstgemacht», sagt eine der Frauen am Tisch und zeigt stolz auf ihre Kollegin. Die vier älteren Personen, zwei Damen und zwei Herren, und ein junger Mann gehören der Sporepeter-Clique an. «Die anderen schlafen», sagt einer der Herren und schmunzelt. Er aber ist aufgestanden. «Es ist Morgestraich, es ist Fasnacht», sagt er mit ruhiger, aber bestimmter Stimme. «Ob die jetzt das Licht ausmachen oder nicht.» Anstelle der Pfeifen und Tambouren habe man den Marsch halt «ab Konserve» abgespielt.

Laternen leuchten auf dem Rümelinsplatz

Nebst der Musik sind die Laternen das Herzstück des Fasnachts-Auftakts. Sie dürfen auch an einem Nicht-Morgestraich nicht fehlen. Das dachten sich einige Cliquen und haben auf dem Rümelinsplatz eine kleine Ausstellung organisiert. Stolz und bunt leuchtet das Kunstwerk der Opti-Mischte neben dem Restaurant Schnabel auf die mehreren Dutzend Personen, die sich auch hier versammelt haben. Das Motiv: Eine Hyäne verzehrt die letzten Überreste eines Menschen. Auf der anderen Seite deuten ein Thermometer und Flammen auf die Zeichen der Zeit hin. Endzeitstimmung. Ironischerweise wurde die Laterne Ende 2019, also vor der Corona-Pandemie, gemalt.

Die Polizei ist an diesem Montagmorgen allgegenwärtig. Immer wieder suchen die Beamten den Dialog mit den Menschen «uf dr Gass». Die Stimmung bleibt feucht-melancholisch und friedlich. Die Polizei zieht denn auch eine positive Bilanz: Es sei ein «ruhiger Nicht-Morgestraich» gewesen, schreibt das Justiz- und Sicherheitsdepartement am Vormittag in einer Mitteilung. Bussen mussten keine ausgesprochen werden und die Personen hätten trotz der Enttäuschung über die ausgefallene Fasnacht Verständnis gezeigt.

Die Emotionen kommen hoch

Etwas Freude kommt an diesem frühen Montagmorgen dann aber doch auf. Sandra Rossi ist von der Alten Garde der Spale-Clique und geniesst das Fasnachtstreiben im kleinen Rahmen auf dem Rümelinsplatz. «Es ist eine etwas traurige Stimmung. Aber der Moment um vier Uhr war schön, als überall aus Musikböxli der Morgestraich ertönte.» Auch für ihren Cliquenkollegen Stéphane Schmidt ist der Nicht-Morgestraich ein Moment der Gefühle. «Viele Emotionen» habe er empfunden, sagt er mit wehmütiger Stimme. «Das Herz tut schon ein bisschen weh».

(Video: Telebasel)

Viel geplant sei für die kommenden drei Tage nicht. «Am Dienstagabend werden wir noch den Fasnachtsspaziergang machen», so Sandra Rossi. Den Rest spart man sich für die nächsten, richtigen drey scheenschte Dääg auf. Sie ist sich sicher: «Das wird eine Jahrhundertfasnacht!».

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