Lukas Engelberger glaubt, dass das Coronavirus noch längere Zeit da sein wird – er hofft aber auf ein baldiges Ende der Krise. (Archivbild: Keystone)
Schweiz

«Das Coronavirus wird wohl auch in einem Jahr noch da sein»

Seit einem Jahr kämpft die Schweiz gegen die Corona-Pandemie. Der oberste Gesundheitsdirektor Lukas Engelberger blickt im Interview zurück und voraus.

Die Kantone spielen bei der Bewältigung der Corona-Epidemie eine zentrale Rolle. Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK), zieht im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA eine erste Bilanz – und macht Vorschläge für das Krisenmanagement der Zukunft.

Keystone-SDA: Herr Engelberger, wenn Sie ein Jahr zurückblicken – auf die Zeit, als das Coronavirus auch in der Schweiz auftauchte: Wissen Sie noch, was Ihre Gedanken waren?

Lukas Engelberger: Ja, ich war noch in den Skiferien als sich die Corona-Meldungen verdichtet haben. Ich habe noch einen Moment gedacht, dass dieser Kelch an uns vorbeizieht, wie damals beim Sars-Ausbruch. Da hatte ich noch Hoffnung und Illusionen.

Es ging danach rasend schnell. Der Bundesrat übernahm im März das Zepter …

… ja, aus meiner Sicht war das auch der richtige Entscheid. Es ging alles sehr schnell. Wir merkten, dass es nun sehr anspruchsvoll werden würde. Das Ausrufen der «ausserordentlichen Lage» war vor diesem Hintergrund korrekt.

Für die Bewältigung der ersten Welle erhielten die Behörden gute Noten. Im Herbst – zu Beginn der zweiten Welle – wurde dann Kritik laut: Demnach hätten Bund und Kantone zu wenig beherzt eingegriffen.

In allen Kantonen liefen über den Sommer Aufbauarbeiten, insbesondere in Bezug auf das Contact Tracing. Die GDK warnte regelmässig, dass die Kantone bei lokaler oder regionaler Verschlechterung der Lage reagieren müssten. Teilweise – auch in Basel-Stadt – wurden früh Massnahmen ergriffen. Das war immer mit sehr vielen Diskussionen verbunden. Es gab Widerstand. Das war dann auch ein Grund dafür, dass die Massnahmen zu Beginn der zweiten Welle langsamer hochgefahren wurden. Wir brauchten viel Zeit, die Massnahmen nachzuschärfen, kantonal, aber auch national. Ich kann diese Kritik nachvollziehen. In der ersten Welle waren wir alle geschockt, es ging alles so schnell. Im Herbst waren wir mit einer anderen Situation konfrontiert.

«Ich habe noch einen Moment gedacht, dass dieser Kelch an uns vorbeizieht»

War der im internationalen Vergleich eingeschlagene defensive «Schweizer Weg» der richtige?

Wir zahlten mit unserem Weg einen weniger hohen Preis in wichtigen Lebensbereichen als andere Länder. In Deutschland beispielsweise sind Schulen schon seit längerem geschlossen. Das hat Folgen. Wir sind dagegen vergleichsweise schonend vorgegangen.

Was sind die grössten Herausforderungen bei diesem Vorgehen?

Uns fehlt die Schablone, es gibt keine verbindlichen Referenzpunkte. Wir hatten noch nie eine solche Krise. Deshalb fehlt uns ein durchdachter «Phasenplan». Wir müssen laufend selber Konzepte entwickeln. Das ist anspruchsvoll und muss für künftige Krisen auf institutioneller Ebene besser gelöst werden. Vermutlich braucht es ein enger integriertes Gremium im Krisenmanagement zwischen Bund und Kantonen. Das kann man nicht ad hoc organisieren.

Waren die Kantone überfordert?

Nein, ich finde es bewundernswert, dass sich das Gesundheitswesen als wehrhaft erwiesen hat. Die Versorgungsstrukturen konnten den Patientenzustrom auffangen – sowohl in der ersten als auch in der zweiten Welle.

Im Herbst gab es aber viele Kritiker, die den «kantonalen Flickenteppich», also den unterschiedlichen Umgang mit der Krise, kritisierten. Was entgegnen Sie?

Die Unterstellung, dass unterschiedliche Regeln grundsätzlich ein Problem seien, ist falsch. Es macht durchaus Sinn, dass Kantone eigenständig handeln und eigene Schwerpunkte setzen. Dass im August in Genf strengere Massnahmen ergriffen wurden als in Uri, war richtig. In der Westschweiz stiegen die Fallzahlen, in der Innerschweiz dagegen gab es kaum Fälle. Dieses unterschiedliche Handeln war also plausibel.

«Uns fehlt ein durchdachter ‹Phasenplan›»

Bis in den Spätherbst hinein, als überall wieder mehr Fälle verzeichnet wurden?

Ich akzeptiere die Kritik, wonach nach den Herbstferien schneller hätte gehandelt werden müssen. Da war das Virus wieder ein akutes Problem des ganzen Landes. Es hätte schon damals stärkere nationale Einschränkungen gebraucht. Die Massnahmen kamen aber zu zögerlich. Das liegt zum Teil in der Verantwortung der Kantone, von denen sich einige gegen Verschärfungen wehrten. Aber auch der Bund hielt sich zu dieser Zeit sehr zurück, das Heft wieder in die Hand zu nehmen.

Geriet die Schweiz dadurch bei der Krisenbekämpfung im internationalen Vergleich in Rückstand?

Ländervergleiche sind generell schwierig. Jedes Land hat spezielle Voraussetzungen, Entwicklungen und Problemstellungen. Zudem sind wir noch lange nicht am Ende der Krise. Für den «final count» ist es noch zu früh. Trotzdem sehe ich, dass die zentralistisch geführten Staaten wie Frankreich oder Italien nicht weniger Probleme, nicht weniger hohe Fallzahlen, nicht weniger Verstorbene haben, sondern eher mehr.

Herr Engelberger, zum Schluss ein kleiner Ausblick. Was hoffen Sie: Wo wird die Schweiz in einem Jahr in Sachen Bewältigung der Corona-Krise stehen?

Ich hoffe, dass wir dann sagen können, dass wir dank erfolgreicher Impfkampagne einen Winter ohne Pandemie hinter uns bringen konnten. Das Coronavirus wird wohl auch in einem Jahr noch da sein, aber hoffentlich die Gesundheitskrise nicht mehr.

2 Kommentare

  1. Die Massnahmen des Staate waren gut und menschlich , jedoch fehlt immer mehr die Disziplin der
    Jungen Leute in der Abstandsregel und beim zusammen sein.
    Die Regeln müssen unbedingt bis zum Schluss eingehalten werden. Man dar nicht nachlassen und oberlächlich
    werden. Nur so kann man diese Seuche ausrotten.Report

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