Der 1. Mai 1970 in Zürich stand ganz im Zeichen des Frauenstimmrechts. (Archivbild: Keystone)
Schweiz

Die Einführung des Frauenstimmrechts – ein ewiges Trauerspiel

Macht teilen wollten Schweizer Männer nur ungern. Ein Grund dafür: Der männerbündlerische Gründungsmythos der Schweiz.

50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz: Das Thema erzielt im Gespräch mit Ausländern immer wieder Heiterkeitserfolge. Ausgerechnet die zweitälteste Demokratie der Welt gewährte als eines der letzten Länder weltweit Frauen ihre vollen Bürgerrechte. Sogar Dschibuti und Kiribati waren schneller – und die meisten islamischen Staaten.

Die frühe Demokratisierung 1848 war paradoxerweise gerade der Hauptgrund für die späte Einführung des Frauenstimmrechts, ist in der einschlägigen Fachliteratur nachzulesen. Denn während in anderen Staaten das Parlament dieses Recht einführte, konnte das in der Schweiz nur durch eine Verfassungsänderung geschehen und diese erforderte zwingend einen Volksentscheid. Und das Volk ist nun einmal im Durchschnitt weniger aufgeklärt als die politische Elite.

Männerbündlerischer Gründungsmythos

Ausserdem hing der männliche Souverän an seinen Privilegien. «Die Konstruktion der republikanischen Männlichkeit – und damit verbunden der Ausschluss der Frauen aus der Politik» sei in der Schweiz besonders ausgeprägt gewesen, weil die Ideologie eng verflochten mit den männerbündlerischen Gründungsmythen der Eidgenossenschaft gewesen sei, erläutert Werner Seitz in seinem Buch «Auf die Wartebank geschoben». Ein einig Volk von Brüdern halt.

Im Zuge einer Totalrevision der Verfassung wäre die Einführung des Frauenstimmrechts relativ sanft, ohne viel Diskussion, vonstatten gegangen. Aber die erste Totalrevision kam 1874 zu früh und die zweite erfolgte erst wieder 1999.

Rolle als dienende Gattin und Mutter

Als kontraproduktiv erwies sich laut Seitz auch die Einbindung der Frauen ins öffentliche Leben: In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden Frauenvereine gegründet, die im Armenwesen, der Mädchenbildung und der Krankenpflege tätig waren. Diese meist bürgerlichen Frauen verfolgten eine sogenannt dualistische Strategie: Die dienende Rolle als Gattin, Hausfrau und Mutter wurde ins Öffentliche erweitert und die politische Unmündigkeit der Frau auf diese Weise zementiert.

Die politische Milizarbeit im Sozialbereich hatte aber laut Werner Seitz auch ihr Gutes: Frauen erhielten Einblick in die Verwaltungsabläufe und in das Gesetzgebungsverfahren und konnten sich so politische Kompetenzen aneignen.

Das zahlte sich aus: Bei den ersten Wahlen nach der Annahme des Frauenstimmrechts standen qualifizierte Frauen bereit, zehn Gewählte plus eine «Nachrückende», immerhin fünfeinhalb Prozent waren weiblichen Geschlechts. Und der Anteil wuchs kontinuierlich – jedenfalls im Nationalrat. Seit den letzten Wahlen 2019 beträgt der Frauenanteil dort 42 Prozent.

Eine Eisprinzessin wird Bundesrätin

Im Ständerat, den kantonalen Regierungen und natürlich dem Bundesrat dauerte alles etwas länger. Elisabeth Kopp war 13 Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts die erste gewählte Bundesrätin. Der Direktor ihres Gymnasiums – sollte er noch gelebt haben – hat sich vermutlich gewundert.

Er hatte die Schülerin einst dafür getadelt, dass sie einem Buben einen Platz an der Mittelschule «weggenommen» habe. Als Eisprinzessin wäre sie doch besser aufgehoben, fand er.

1971 war das Ja erstaunlich deutlich

Bei seiner Einführung hatte das Schweizer Frauenstimmrecht eine erstaunlich komfortable Mehrheit: Am 7. Februar 1971 sagten 621’109 Schweizer Männer Ja zum Stimm- und Wahlrecht für Frauen. Das entsprach einem Anteil von 65,7 Prozent bei einer Stimmbeteiligung von 57,7 Prozent. Zu dem Zeitpunkt hatten Frauen bereits in neun Kantonen das kantonale und kommunale Stimm- und Wahlrecht.

«Die Sonne für das Schweizer Frauenstimmrecht ging in der Schweiz im Westen auf», schrieb Lotti Ruckstuhl in ihrem Buch «Frauen sprengen Fesseln» (1986). Gemeint sind die Westschweizer Kantone, die eine Vorreiterrolle übernahmen: Die Waadt war 1959 der erste Kanton, der das kantonale Frauenstimmrecht einführte, im gleichen Jahr folgten Neuenburg und 1960 Genf. Diese drei (plus Basel-Stadt) hatten 1971 auch den höchsten Ja-Stimmen-Anteil – mit 82 bis 91,1 Prozent.

Im Appenzell hörte man den Schuss lange nicht

Ganz nach Osten, zu den Appenzellern, drang lange kein Gleichberechtigungs-Sonnenstrahl. Beim ersten eidgenössischen Frauenstimmrechts-Plebiszit 1959, als der Schweizer Durchschnitt 33,1 Prozent Ja-Stimmen betrug, waren in Appenzell Innerrhoden nur 4,9 Prozent der Mannen dafür.

1971 sagten immerhin 28,9 Prozent «ja», allerdings waren das nicht einmal halb so viel wie im Schweizer Schnitt.

Das Bundesgericht musste den Kanton zwingen

Nachdem Appenzell Ausserrhoden 1989 «wölzgott» das kantonale Frauenstimm- und Wahlrecht einführte, lehnten es die Innerrhoder 1990 (!) zum dritten Mal ab. «Do gets etz e ke Bere!», meinte freilich das Bundesgericht und verschaffte den Innerrhoderinnen auf dem Rechtsweg auch auf kantonaler Ebene die politische Mündigkeit.

Am 28. April 1991 durften erstmals Frauen an der Innerrhoder Landsgemeinde teilnehmen. «De Schotz ischt hönneusi», beklagten die Appenzeller Männer: Wenn die Frauen an der Landsgemeinde sind, wer kocht dann und schaut den Kindern?

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Mehr aus dem Channel