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Der Telebasel News Beitrag vom 31. Januar 2020.
Basel

Christoph Brutschin muss sich «nicht aus dem Hinterausgang schleichen»

Nach 12 Jahren verlässt Christoph Brutschin die Basler Regierung. Telebasel hat den Sozialdemokraten getroffen und mit ihm über seine Zeit im Amt gesprochen.

Telebasel: In knapp einer Woche verlassen Sie Ihr Büro. Mit was für einem Gefühl gehen Sie?

Christoph Brutschin: Mit einem Guten. Ich nehme 12 feine Jahre mit, in denen ich hier arbeiten durfte. Vor allem mit den Menschen hier. Ich freue mich auch darauf, dass das Büro hier weiterhin belebt sein wird durch meinen Nachfolger Kaspar Sutter.

Woher kommt das gute Gefühl?

Ich glaube, wir haben einiges erreicht. Es ist nicht so, dass ich mich aus dem Hinterausgang schleichen muss. Ich darf durch die Vordertür raus. Das war immer mein Vorsatz. Das löst ein gutes Gefühl in mir aus.

Das heisst, Sie ziehen eine positive Bilanz?

Das ist eigentlich die Aufgabe derjenigen, die von Aussen beobachten oder der Journalisten, das zu beurteilen. Für mich ist das immer noch schwierig, ich bin ja mittendrin. Aber mit dieser feinen Mannschaft konnten wir das eine oder andere erreichen.

Sie waren 12 Jahre im Amt. Hat sich über die Jahre etwas verändert?

Einiges. Die Politik wurde deutlich schneller. Mehr von den Medien und den sozialen Netzwerken getrieben. Dem musste man sich anpassen und konnte nicht mehr einfach sagen: «Heute ist Freitag, ich lass es sein». Damit muss man umgehen können. Es bietet aber auch Chancen.

Ist die erhöhte Geschwindigkeit gut oder schlecht?

Es kommt darauf an: Will man etwas schnell platzieren, kommt auch schnell ein Feedback. Wenn es um Themen geht, die etwas länger brauchen, dann ist es hinderlich. Dann muss man zeigen, dass man nicht jede Antwort in zehn Sekunden hat.

Sie sind ja eher ein stiller Schaffer. Widerstrebt Ihnen das Schnelle, das Laute?

Ich mochte das Tempo mithalten, glaube ich. Man muss halt unterscheiden. Bei gewissen Dossiers muss man tiefer schauen, verschieden Lösungsansätze anschauen. Bei anderen Dingen profitiert man auch, wenn es schnell geht.

Dieses Diplomatische zeichnete Sie ja auch aus. Warum gaben Sie sich so zurückhaltend und suchten nicht mehr Öffentlichkeit?

Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Politik nicht Teil des Showbusiness ist. Politik ist dann am dienlichsten für die EinwohnerInnen, wenn man sie nicht spürt. Wenn Politik zum Spektakel wird, fühle ich mich unwohl als Bürger. Schulen und Spitäler – also alles, was wichtig ist – müssen funktionieren. Wenn ich dazu einen Beitrag leisten kann, dann ist das schön. Das muss man aber nicht jeden Tag hören oder in der Zeitung lesen.

Beobachten Sie diese Entwicklung in der Politik?

Auf internationaler, aber auch nationaler Eben stelle ich das fest. Es gibt einige Protagonisten, bei denen ich mich fragen muss, ob sie nicht eher auf die People-Seiten gehören. Ich pflegte das nicht so, und war auch dankbar, dass das so ging. Ich bin überzeugt, dass ist eine Temperamentsfrage – und auch in Zukunft wird man entscheiden können.

Ist das eine Spitze an Ihre Parteikollegen? Der Vorschlag, dass Amt für Umwelt zu verschieben, wurde ja eher als Showeinlage wahrgenommen.

Es ist nicht an mir, die neue Regierung zu bewerten. Aber es war sicher auch neuer Stil, dass man über die Ämterverteilung im Voraus gesprochen hat. Jetzt wurde das anders gemacht. Das kann Teil dieser Entwicklung sein, über die wir vorhin gesprochen haben.

Sind sie besorgt, dass der Radau eine grössere Rolle spielt?

Nein, ich finde es manchmal auch unterhaltsam. Politik wird sich weiterhin am Ergebnis messen lassen müssen. Wenn man nur Radau macht, aber das Tram nicht fährt, dann hat man schnell ein Problem.

Kommen wir zurück zu Ihnen. 12 Jahre waren Sie im Amt. Was war für Sie ihr grösster Erfolg?

Das Heim an der Belforterstrasse. Das ist für Menschen mit schwerster Beeinträchtigung. Das ging etwas unter. Für mich persönlich ein zentrales Erlebnis. Es macht mich auch stolz. Wir hatten zwei Projekte. Eines war streng kalkuliert wegen der Kosten, eines war ein bisschen komfortabler. Die Kommission und dann das Parlament entschied sich für das komfortablere. Das war nicht nötig. Ich finde das ganz fein, das Denken an die Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Es gab noch andere Highlights, wie das Energiegesetz, aber beim Heim ist das Menschliche sehr nah.

Sie nennen das WSU ja auch Vollzugsdepartement der vielen kleinen Dinge. War das auch ihr Trumpf, dass vieles so vorgegeben wurde und Sie auch deshalb – etwa im Gegensatz zu ihrer Kollegin Frau Ackermann – weniger in der Kritik standen?

Gerade weil wir ein Vollzugsdepartement sind, kann vieles schief gehen. Dass grossmehrheitlich alles gut gegangen ist, verdanke ich dem guten Team. Mit dem Team meine ich nicht nur die Amtsleiter, sondern auch die, die in den «Maschinenräumen» arbeiten. Dort, wo die konkrete Arbeit gemacht werden muss. Ich bin wahnsinnig stolz, dass das so gut funktioniert.

Was war ihre grösste Niederlage?

(Denkt nach.) Das ist noch schwer. Es gab nicht die grosse Niederlage. Ich konnte die Dinge im Grossen Rat oder vor dem Volk durchbringen. Es waren mehr so kleine Dinge. Ich mache mir aber grosse Sorgen, wie es mit der Infrastruktur weitergeht. Der Hafen ist durch, aber das Geschäft geht weiter. Und wir müssen schauen, dass der EuroAirport weiterhin Rückhalt erhält. Dort hätte man Dinge besser machen müssen, wie auch bei der Messe.

Wie geht es jetzt mit Ihnen weiter?

Zuerst möchte ich nun «piano» machen. Also mich erholen. Beziehungen pflegen, die zu kurz kamen in letzter Zeit. Vor allem in diesem Jahr. Und dann kann ich mir durchaus ein Engagement vorstellen. Aber meine grossen beruflichen Taten gehören der Vergangenheit an. Jetzt kommt die Phase, wo man sich Zeit nimmt. Ich werde jetzt auch aktiver zuhause sein.

Das heisst zum Beispiel auch, mehr zu kochen?

Das ist sicher ein Thema. Generell Zeit haben. Für einmal nicht am Sonntag zum Coiffeur zu gehen. Das war bei mir die Regel. Ich fände es auch schön, wieder einmal für eine Stunde einen Kaffee zu trinken, ohne immer auf die Uhr zu schauen. Es geht darum, etwas zu entschleunigen. So spannend das Amt war, der Rhythmus war hoch.

Gibt es etwas Spezifisches, auf das Sie sich freuen?

Ich bin ein grosser Liebhaber von britischem Fussball. In England gibt es einen Verein mit rund 500 Personen. Die Mitglieder gehen in alle 92 Profi-Fussball-Stadien. Ich war bei rund 70. Ich würde gerne noch die restlichen Clubs besuchen und dem Verein beitreten. Reisen generell in Europa. Ich habe schon viel gesehen, aber es gibt immer noch mehr zu entdecken.

Das ganze Interview mit dem scheidenden Regierungsrat Christoph Brutschin finden Sie hier: 

(Video: Telebasel)

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