Auch im 2020 griffen die Schweizerinnen und Schweizer gerne zu einem Krimi. (Symbolbild: Unsplash/Sincerely Media)
Schweiz

Diese Bücher kaufte die Schweizer Bevölkerung 2020 am häufigsten

Ein Krimi mit französischem Flair, ein Roman über gewichtige Worte und ein Liebeserklärung an die Natur – diese Bücher sind die Bestseller des Jahres 2020.

Krimi, historischer Roman oder Liebesgeschichte? Was haben die Schweizerin und der Schweizer 2020 am liebsten gelesen? Ein altbekannter Trend hat auch das Buchjahr 2020 geprägt: Leserinnen und Leser greifen gerne zu Krimis und für die Verlage sind sie ein sicherer Wert. Das geht aus der Jahresbestsellerliste hervor, die der Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband (SBVV) vorgelegt hat.

1. Jean-Luc Bannalec: «Bretonische Spezialitäten». Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 352 Seiten. Erschienen im Juni 2020.

2. Pascal Mercier: «Das Gewicht der Worte». Carl Hanser Verlag, München 2020, 576 Seiten. Erschienen im Januar 2020.

3. Delia Owens: «Der Gesang der Flusskrebse». Hanserblau, München 2020, 464 Seiten. Erschienen im Juli 2019.

4. Hansjörg Schneider: «Hunkeler in der Wildnis». Diogenes Verlag, Zürich 2020, 224 Seiten. Erschienen im März 2020.

5. Elena Ferrante: «Das lügenhafte Leben der Erwachsenen». Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, 415 Seiten. Erschienen im August 2020.

6. Donna Leon: «Geheime Quellen». Diogenes Verlag, Zürich 2020, 320 Seiten. Erschienen im Mai 2020.

7. Sebastian Fitzek: «Der Heimweg». Drömer Knaur Verlag, München 2020, 400 Seiten. Erschienen im Oktober 2020.

8. Monika Helfer: «Die Bagage». Carl Hanser Verlag, München 2020, 160 Seiten. Erschienen im Februar 2020.

9. Silvia Götschi: «Lauerzersee». Emons Verlag, Köln 2020, 336 Seiten. Erschienen im Juni 2020.

10. Laetitia Colombani: «Das Haus der Frauen». S. Fischer Verlag, Berlin 2020, 256 Seiten. Erschienen im Februar 2020.

Vier Kriminalromane und drei Schweizer

In der Kategorie Belletristik Hardcover finden sich unter den Top 10 vier Kriminalromane, zwei alte Bekannte sind gar unter den Top 4 – Jean-Luc Bannalecs «Bretonische Spezialitäten» (Platz 1) und Hansjörg Schneiders «Hunkeler in der Wildnis» (Platz 4).

Drei der Autorinnen und Autoren der Top 10 stammen aus der Schweiz, je zwei aus den USA und Deutschland, jeweils eine oder einer aus Italien, Österreich und Frankreich. Mit sechs Autorinnen haben die Frauen zahlenmässig knapp die Nase vorn. Auf den Podestplätzen finden sich neben Jean-Luc Bannalec Pascal Mercier mit «Das Gewicht der Worte» (Platz 2) und Delia Owens mit «Der Gesang der Flusskrebse» (Platz 3).

Was geben die Hauptfiguren der Top 3 – Kommissar Georges Dupin, der Übersetzer Simon Leyland und die Überlebenskünstlerin Kya – der Leserschaft mit auf den Weg?

Georges Dupin: Fernweh

Der Held in der erfolgreichen Krimireihe des deutschen Autors und Ex-Verlegers Jörg Bong alias Jean-Luc Bannalec muss sich in einer fremden Welt zurechtfinden: Aus Paris nach Concarneau in der Bretagne strafversetzt, ist der Grossstädter zuerst einmal ein Fremder in der Provinz, den Respekt der Einwohner muss er sich verdienen. Dupin ist ein behäbiger Eigenbrötler. Und ein Arbeitstier. Allerdings nicht der Arbeit wegen, sondern weil ihn ein Fall erst loslässt, wenn er gelöst ist. Dabei helfen ihm sein unvergleichliches kriminalistisches Gespür und seine Kombinationsgabe.

In seinem neunten Fall «Bretonische Spezialitäten» verschlägt es den Commissaire wegen eines Polizeiseminars nach St. Malo, wo in einer Markthalle ein Mord geschieht, während Dupin wenige Meter daneben Käse degustiert. Ein typisches Bild, denn Käse, Meeresfrüchten und gutem Wein kann der Feinschmecker nicht widerstehen. Er weiss: Kulinarischer Genuss macht die Welt nicht besser, aber erträglicher.

«Bretonische Spezialitäten» ist auch ein Sehnsuchtsbuch. Bannalec beschreibt die Bretagne so sinnlich und lebendig, dass man das Meer förmlich riecht. Seit 2014 werden die Dupin-Krimis zudem verfilmt; Hauptdarsteller in der ARD-Filmreihe ist der Schweizer Schauspieler Pasquale Aleardi.

Simond Leyland: Neuorientierung

Die Romanfigur Simon Leyland, Übersetzer literarischer Texte, Witwer und Vater zweier erwachsener Kinder bekommt in «Das Gewicht der Worte» ein zweites Leben geschenkt. Er dachte, er leide an einem Hirntumor und werde bald sterben. Doch die Diagnose stellt sich als falsch heraus.

Der Feingeist zieht von Triest nach London, wo er von seinem Onkel ein Haus geerbt hat. Der Wahlberliner und Autor Peter Bieri alias Pascal Mercier begleitet seinen Helden auf dem Weg zu einer neuen Berufung, lässt in Briefen und Rückblenden in dessen Inneres blicken. Es geht um die Befreiung von gesellschaftlichen Fesseln, ums Innehalten, darum, sich neu auszurichten. Und natürlich: Um das Gewicht der Worte.

Der Protagnost des Romans «Das Gewicht der Worte» ist ein Übersetzer, Wittwer und Vater. (Bild: Instagram/schreibflow.at)

Der über 500 Seiten lange Roman geht verschwenderisch mit Zeit und Sprache um, Beschreibungen von Gedankengängen und Alltagsgegenständen können sich über mehrere Seiten erstrecken. Das hat etwas Geschwätziges, Wortverliebtes. Im besten Fall aber auch etwas Meditatives: Man findet Ruhe im Kleinen, für einen Moment das Grosse vergessend. Und auch hier wird das Fernweh bedient: Simon Leyland ist ein Kosmopolit mit dem Jugendtraum, alle Sprachen des Mittelmeers zu beherrschen – ein perfektes Lese-Vorhaben für Leserinnen und Leser, die plötzlich ganz viel Zeit haben.

Kya Clark: Naturverbundenheit

Die Natur ist ihre Rettung: Das sechsjährige Mädchen Kya wird in der 1950er Jahren nach und nach von ihrer Mutter, ihren älteren Geschwistern und dem gewalttätigen Vater verlassen. Sie bleibt allein zurück in einem Haus mitten im amerikanischen Marschland, einem abgeschiedenen Sumpfgebiet in North Carolina. Sie lernt, sich selbst zu versorgen und den eigenen Instinkten zu vertrauen, sammelt Muscheln und räuchert Fisch. Von Menschen hält sich das «Marschmädchen», wie sie von den Bewohnern der nahen Küstenstadt genannt wird, fern. Aus Angst, ins Heim geschickt zu werden.

Auch wenn Kya Clark alleine aufwächst: Einsam ist sie nicht. Das Wasser, die Möwen, überhaupt die Natur geben ihr Kraft. Aus dem starken Mädchen wird eine starke junge Frau. Als jedoch im Sumpfgebiet die Leiche eines Mannes gefunden wird, gerät die Idylle ins Wanken. Denn für die Leute ist klar: Das sonderbare Marschmädchen muss es gewesen sein.

Die 5-jährige Protagonistin Kya Clark lebt in einem abgeschiedenen Sumpfgebiet in North Carolina. (Bild: Instagram/lasstunslesen)

«Der Gesang der Flusskrebse» der amerikanischen Schriftstellerin und Zoologin Delia Owens ist Liebesgeschichte, Krimi und Naturroman in einem. Und ein weltweiter Bestseller. Trotz Tragik ist der Debütroman der 71-jährigen Autorin warm – und er trifft einen Nerv der Zeit. Die poetischen und detailreichen Naturbeschreibungen wecken nicht nur die Neugier für das amerikanische Sumpfland, sondern auch die Wertschätzung für die Flora und Fauna vor der eigenen Haustür.

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