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Der Telebasel News-Beitrag vom 15. Dezember 2020.
Basel

«Aus den Augen, aus dem Sinn»: Basler Roma-Expertin über das Bettelverbot

Von Banden könne keine Rede sein. Dies sagt eine Basler Sozialarbeiterin in Rumänien. Sowohl Verbote wie auch Almosen griffen zu kurz.

Seit der Aufhebung des Bettelverbots sind die Bettler in der Stadt nicht zu übersehen. Dass dahinter organisierte Banden stehen, bezweifelt Ursula Heckendorn. Diese gebe es durchaus, doch im Fall von Basel sei dies wenig wahrscheinlich. «Sie machen das sehr unbeholfen mit ihrem Auftreten – gäbe es eine Direktive, würde das effizienter geschehen.»

Gerade die aufdringliche Art bringe den Bettlern wenig und spreche nicht für einen Clan als Strippenzieher. Ein solcher würde viel professioneller und diskreter vorgehen. Die Basler Sozialarbeiterin vermute daher, dass sich die Info über Bettelgelegenheiten einfach in den internationalen Verwandtschaften herumgesprochen hat.

Zu unbeholfen für einen organisierten Clan

Ursula Heckendorn kennt die Familienstrukturen der Roma gut. Sie lebt seit neun Jahren in Bukarest. Tagtäglich ist sie in Kontakt mit Menschen, die vor allem am Rand der Gesellschaft leben. Seit vier Jahren begleitet sie in der rumänischen Hauptstadt diese Menschen, so etwa bei der Vermittlung mit den Behörden. Dabei sei sie auf eigene Faust unterwegs, nicht für eine Organisation. Ihre NGO bestehe nur aus ihr selbst. Ihren Lebensunterhalt verdiene sie sich jeweils für mehrere Monate als Touristen-Guide in der Schweiz. Mit dem Ersparten finanziere sie sich jeweils den Lebensunterhalt in Rumänien.

Weder Mitleid noch Verbote seien zielführend

Auch sie verfolgt die Debatte um die Wiedereinführung des Bettelverbots in Basel. Eine entsprechende Motion wird in der nächsten Grossratssitzung behandelt. Dieser wird sich in der nächsten Parlamentssitzung dazu äussern. Ursula Heckendorn äussert sich skeptisch dazu. «Aus den Augen, aus dem Sinn» – dieses Prinzip bringe langfristig keine Lösung. «Sie sind dann nicht mehr hier und man sieht sie nicht mehr – aber die Problematik verschwindet ja nicht», sagt Ursula Heckendorn gegenüber Telebasel.

Misstrauen gegenüber der Mehrheitsgesellschaft

Rumänien-Kenner Michael Derrer betonte kürzlich im Telebasel-Report, dass nicht Almosen, sondern Ausbildungen für die jungen Roma vonnöten seien. Auch Ursula Heckendorn unterstreicht die Bedeutung der Bildung. Einfach nur Geld zu geben, löse das Problem nicht. Sie sieht strukturelle Probleme hinter der Armut vieler Roma. Dazu gehörten Alltagsdiskriminierung, Rassismus und ein «marodes Schulsystem» in Rumänien. So habe sie unter ihren Klienten in Bukarest auch viele Menschen, die nicht lesen und schreiben können.

Allerdings bemerkt Ursula Heckendorn, dass Druck von aussen alleine nicht genüge. Wichtig sei etwa, dass man nicht nur die Kinder, sondern auch die Eltern mit im Boot habe. Diese seien nach negativen Erfahrungen oft misstrauisch. Man müsse also auf Augenhöhe auf die Roma zugehen und nicht über ihre Köpfe hinwegbestimmen.

Dies gelte aber nicht nur für die rumänische Politik. Auch in Basel sei es mit einem Bettelverbot alleine nicht getan. «Man müsste klar Brücken schlagen zu Organisationen vor Ort und schauen, dass es längerfristig nachhaltige Projekte gibt in der Beziehungsarbeit mit den Roma – und diese mit einbeziehen», sagt Heckendorn.

3 Kommentare

  1. Ob in Basel, in Weil, Lörrach oder sonstwo auf der Welt: wir reden hier über Menschen. Sie «Chund vo Basel» bezeichnen diese Menschen als «Mist in der Innenstadt», der «aufgeräumt» werden müsse. Dermassen verachtende, menschenfeindliche Äusserungen habe ich gottseidank selbst in der verruchtesten Kneipe schon ewig nicht mehr anhören müssen. Leider entwickelt sich das Internet immer mehr zum Mistkübel, in dem jeder Mist bis über die Grenzen des strafbaren hinaus mit dem grossen Mistzettler verteilt wird.Report

  2. Das Bettelverbot muss wieder eingeführt werden.
    Das Problem der Bettler muss in deren eigenem Land gelöst werden, aber dazu fehlt offensichtlich der politische Wille. In Rumänien. In Bulgarien. Und in anderen Ländern Osteuropas.Report

  3. Absurderweise wird hier argumentiert, als ob das Bettelverbot noch nie existiert hätte und nun neue Probleme entstehen würden, wenn man das Bettelverbot einführen würde. Sorry, aber das ist doch nun sehr plumpe Gehirnwäsche. Wenn man das Bettelverbot wieder einführt, hat es nicht mehr und nicht weniger Probleme als vorher. Bis dieser Mist in der Innenstadt nicht aufgeräumt ist, meide ich diese und kaufe woanders ein. Es gibt genügend attraktive Alternativen im Dreiländereck und im Internet. Dabei hätten die Läden wegen Corona gerade jetzt Kunden nötig. Aber das tu ich mir nicht an. Vielleicht sollten sich die entsprechenden Politiker mal hinterfragen wen Sie zukünftig in der Stadt haben wollen oder mit welchen Massnahmen Sie Kunden noch stärker zu Internetanbietern lenken wollen.Report

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