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Der Telebasel News Beitrag vom 22. November 2020.
Region

Wären Massentests auch in der Schweiz sinnvoll?

Slowakei, Österreich, Südtirol. Auf Corona-Massentests setzen mittlerweile einige unserer Nachbarländer. Der Basler Epidemiologe Marcel Tanner ist skeptisch.

Massentests lautet aktuell die Strategie einiger Nachbarländer: In Südtirol wurden dieses Wochenende über 250’000 Menschen getestet. Die Slowakei plant am 2. Dezember bereits weitere Corona-Massentests, bei denen fast die ganze Bevölkerung getestet werden soll. Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz will mithilfe der Massentests «ein möglichst sicheres Weihnachtsfest zustande zu bringen».

Für den Basler Epidemiologen Marcel Tanner sind solche Massentests problematisch, sofern man sie nicht konsequent durchführt. Man könne nicht nur einmal alle testen lassen, denn so würden nicht alle Infizierten erfasst. «Wenn sie heute die Bevölkerung testen, dann erfassen sie Leute ohne Symptome oder in der Inkubationszeit nicht, da diese Personen noch nicht infektiös sind», erklärt Tanner. Jemand, der sich drei Tage vor dem Test infiziert hat, würde bei der Massentestung ein negatives Testresultat erhalten.

Slowakei in der Kritik

Tanner nimmt die Slowakei als Beispiel: Im ersten Testdurchlauf seien dort nur etwa 50 Prozent erfasst worden. «Das bedeutet, dass die Übertragung weiterhin stattfindet. Das führt nur zu einer falschen Sicherheit und zu Enttäuschung», so Tanner.

Trotz heftiger Kritik am bisherigen Vorgehen rühmte sich der slowakische Premier Igor Matovič am Freitag. Seine Idee der Massentests diene mittlerweile als Vorbild für Nachahmer, von Liverpool über Südtirol bis in unser Nachbarland Österreich. Dennoch soll es bei weiteren Tests in der Slowakei keine Sanktionen für eine Nicht-Teilnahme geben. Nach den ersten beiden Testrunden wurden Nicht-Getestete nahezu wie Personen mit positivem Testergebnis behandelt. Denn ohne Negativtest durfte man beispielsweise nicht zur Arbeit gehen.

Kein Testzwang in Österreich

In Österreich sollen erst Lehrpersonen und danach Polizisten getestet werden, gab die Regierung am Freitag bekannt. Kurz vor Weihnachten könne sich die gesamte Bevölkerung, also rund neun Millionen Menschen, testen lassen. Die Teilnahme sei für alle freiwillig, betonte Bundeskanzler Sebastian Kurz.

Die Sinnhaftigkeit von Massentests in Europa zweifelt der Epidemiologe Tanner an: «Ein Massentest in einem Inselstaat wie Neuseeland ist etwas ganz anderes als bei uns, sei es nun Österreich oder die Schweiz. Wir sitzen Mitten in Europa und haben den ganzen Austausch.»

O du fröhliche

In speziellen Situationen findet das Mitglied der Covid-19 Task Force das Vorgehen aber durchaus sinnvoll: «Wenn man einen ganzen Kirchenchor oder einen Sportklub testet. Das haben wir ja bereits gemacht. Dabei handelt es sich aber um Ausbruchskontrollen, mit denen man feststellen soll, wie weit sich das Virus bereits verbreitet hat.»

Von der Logistik her, wäre die grosse Organisationsleistung einer Massentestung theoretisch auch in der Schweiz möglich, glaubt Tanner. Der beste Weg ist seiner Einschätzung nach aber noch immer das Einhalten der momentan geltenden Massnahmen. «Das ist bestimmt die bessere Strategie um auf eine ruhigere Weihnacht zuzugehen. Besser als jetzt noch eine derartige Riesenoperation zu lancieren», so Tanner. Nun sei Selbstdisziplin gefragt, damit Ende Dezember statt Panik Stimmung aufkommt.

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