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Der Telebasel News Beitrag vom 8. Oktober 2020.
Basel

Medikamenten-Cocktails – Verschlafen die Behörden einen tödlichen Trend?

Am Montag verstarb in Basel ein 15-Jähriger, nachdem er einen Medikamenten-Cocktail getrunken hatte. Ein tragischer Einzelfall oder nur die Spitze des Eisbergs?

Der Tod eines 15-Jährigen am Montag in Basel hat die Schweiz erschüttert. Der Verdacht steht im Raum, dass der Jugendliche einen Cocktail aus verschreibungspflichtigen Medikamenten, Drogen und Alkohol zu sich genommen hatte.

Junge Menschen, die wegen Mischkonsums von Medikamenten sterben, sind in der Deutschschweiz keine Einzelfälle. Der 15-jährige Basler wäre bereits der achte bekannte Jugendliche, der innerhalb der letzten zwei Jahre an den Folgen von Medikamentenmissbrauch starb.

Schmerzmittel, Antidepressiva, Schlafmittel: Nie nahmen die Schweizerinnen und Schweizer mehr Pillen als heutzutage, wie der Helsana-Arzneimittelreport und Recherchen der «NZZ am Sonntag» Ende 2019 zeigten. Da scheint es nur logisch, dass der Konsum auch unter Jugendlichen steigt.

Sie schlafen ein – und wachen nicht mehr auf

Problematisch wird das vor allem dann, wenn verschreibungspflichtige Medikamente bei jenen Personen landen, die sie eben nicht verschrieben bekommen haben, und wenn die Pillen in zu grossen Mengen konsumiert werden. Besonders beliebt: Benzodiazepine, beispielsweise Xanax. Wer es einnimmt, verliert seine Ängste, beruhigt sich.

Das Problem: Diese Wirkstoffe machen extrem schnell abhängig. Die Betroffenen brauchen immer mehr von der Substanz, um die Wirkung noch zu spüren. Werden Medikamente mit anderen Substanzen gemischt, kann das sehr gefährlich werden, sogar tödlich enden. Die Konsumenten schlafen beispielsweise ein – und wachen nicht mehr auf.

Laut einer Studie von 2018 nahmen schweizweit 4,5 Prozent der 15-jährigen Jungen schon mindestens einmal Medikamente zu sich, um psychoaktive Effekte zu erleben. Bei den Mädchen liegt dieser Wert knapp über vier Prozent. Doch wie verbreitet ist diese Form des Drogenkonsums unter Jugendlichen im Jahr 2020 tatsächlich? Sind die toten Jugendlichen tragische Einzelfälle oder nur die Spitze des Eisbergs?

Medikamente wirken harmloser

Silvio Piccolo arbeitet im Gundeldinger Jugendzentrum Purple Park. Gegenüber Telebasel sagt er: «Wir bekommen das Thema auf jeden Fall verstärkt mit. Dabei beobachten wir eine klare Tendenz, weg von klassischen Drogen hin zum Medikamentenmissbrauch und Mischkonsum.»

Der Konsum von Medikamenten sei für Jugendliche attraktiv, weil diese vertrauenserweckender wirkten, als ein auf der Strasse gekauftes Pülverchen. «Das ist aber natürlich ein gefährlicher Trugschluss», betont er.

Nach der Erfahrung der Sozialarbeiter seien die meisten Konsumentinnen und Konsumenten zwischen 14 und 18 Jahre alt.

Man will nicht «überdramatisieren»

In Medienberichten zum Thema wird jeweils die Verbindung des Konsums mit einem bestimmten Musikstil gemacht, der die Jugendlichen zum Einnehmen der Substanzen animiere. Das sei vereinfacht, findet Piccolo: «Es gibt gewisse Überschneidungen bei den Jugendlichen: dass sie Rap hören, in dem der Konsum glorifiziert wird. Doch an der Musik allein liegt es nicht. Viele Menschen tragen ein Interesse in sich, sich zu berauschen. Da können Vorbilder oder Musiktexte natürlich eine Inspiration sein, wenn es darum geht, womit man sich berauscht. Oft spielen auch selbstzerstörerische Komponenten als Teil eines propagierten Lifestyles eine Rolle.»

Mit konsumierenden Jugendlichen suchen Piccolo und sein Team das Gespräch: sensibilisieren, informieren und einen Punkt erreichen, an dem die Teenager ihr eigenes Konsumverhalten hinterfragen. «Schlussendlich sind wir aber natürlich keine Gesundheitsexperten oder Drogenfachleute», sagt er.

Die Gespräche betont auch Albrecht Schönbucher, Geschäftsführer der Jugendarbeit Basel. Eine grössere Sensibilisierungskampagne betreffend Medikamentenmissbrauch und Mischkonsum sei nicht geplant. «Es ist sicher ein Thema, gleichzeitig wollen wir die Situation auch nicht überdramatisieren.» Er sagt aber auch: «Jugendtreffs sind als Sensoren für gesellschaftliche Entwicklungen zu verstehen.»

Besorgte Eltern melden sich

Sozialarbeitende sind nicht die einzigen, die einen Anstieg des Medikamentenmissbrauchs feststellen. Auf Anfrage von Telebasel schreibt Regine Steinauer, Leiterin der basel-städtischen Abteilung Sucht, dass sich in den letzten Wochen vermehrt besorgte Eltern bei der Fachstelle gemeldet hätten.

Eine zuverlässige Aussage über die Häufigkeit des Mischkonsums bei Jugendlichen sei schwierig, weil dieser oft nicht im öffentlichen Raum, sondern im privaten Umfeld stattfinde. Leider gäbe es bisher in der Schweiz noch wenig Untersuchungen dazu.

Nach offizieller Darstellung praktisch nicht existent ist der Medikamentenmissbrauch an den Schulen. Dem Erziehungsdepartement Basel-Stadt seien keine Fälle bekannt, heisst es auf Anfrage.

Keine Auffälligkeiten auf dem Notfall

Für die Justiz ist der verstärkte Missbrauch von Medikamenten ein Thema. Lukas Baumgartner, leitender Anwalt bei der Jugendanwaltschaft Baselland, kennt sich damit aus. Seit ein bis zwei Jahren bewege sich die Fall-Lage «auf hohem Niveau», sagt er. Eine Steigerung habe es seither aber nicht mehr gegeben.

Hotspots des Medikamentenmissbrauchs sind Baumgartner im Baselbiet nicht bekannt: «Fast jedes grössere Dorf hat seine Orte und Stellen, wo Betäubungsmittel konsumiert und teilweise auch gedealt werden.»

Dass Jugendliche aufgrund von Medikamentenmissbrauch dringend medizinische Unterstützung bräuchten, ist in der Region nicht bekannt. Weder dem Kantonsspital Baselland noch dem Unispital Basel oder dem Basler Kinderspital sind Häufungen bekannt.

Aus dem Medizinschrank der Eltern

Fraglich bleibt, wie die Konsumenten an die verschreibungspflichtigen Arzneimittel gelangen. Die Beschaffungswege seien unterschiedlich, sagt Jugendanwalt Baumgartner: «Viele der Medikamente, wie etwa Xanax, werden von den Jugendlichen aus heimischen Schränken entwendet.»

Danach würden die Medikamente auch innerhalb des Freundeskreises weitergegeben oder gar an Interessenten verkauft. Es sei auch denkbar, dass Personen, welche die Medikamente selbst verschrieben bekommen, einen Teil davon weiterverkauften oder verschenkten. Auch das Internet spiele eine Rolle. Es diene als Bestellplattform, geliefert werde via Dealer oder Kurier.

«Die Wege dieser Medis zu den Jugendlichen sind definitiv noch längst nicht gänzlich aufgeklärt», so der Jurist.

Telebasel würde gerne Betroffenen, also Jugendlichen oder deren Vertrauenspersonen, die Möglichkeit geben, ihre Erfahrungen zu teilen. Melden Sie sich bei uns unter 079 343 50 15 oder redaktion(at)telebasel.ch.

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