Das Contact Tracing ist eine der von Bund und Kantonen gesetzten Massnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus. (Bild: Keystone)
Schweiz

Bricht das Contact Tracing bald zusammen?

Die Neuansteckungen mit dem Coronavirus steigen sprunghaft an. Dabei stösst das Contact Tracing in vielen Kantonen bald an seine Grenzen.

Die Corona-Neuinfektionen steigen in der Schweiz sprunghaft an. Immer schwieriger wird es dadurch, Kontaktpersonen rechtzeitig ausfindig zu machen, wie der «Tagesanzeiger» berichtet. So würden Contact Tracer immer weiter an ihre Grenzen stossen.

Erst kürzlich gab es im Waadtland einen weiteren Fall, in dem eine Corona-Patientin tagelang auf ihren Befund warten musste. Die Behörden dürften mit der steigenden Zahl an Covid-Fällen weiter belastet werden – vor allem in Hinblick darauf, dass ab Oktober wieder Grossanlässe in der Schweiz erlaubt sind.

Verzicht bei Tamedia-Redaktion

Der Zeitung ist ein Fall bekannt, in dem mittlerweile sogar auf das Contact Tracing verzichtet wird: Ein positiver Fall wurde auf der Redaktion von Tamedia verzeichnet – statt potenziell Infizierte ausfindig zu machen, hat der Kantonsarzt im direkten Arbeitsumfeld des Betroffenen «soziale Quarantäne» angeordnet.

Die Betroffenen dürften weiter arbeiten gehen, sollen aber während zehn Tagen einmal täglich Fieber messen. Auf den Besuch von Restaurants, Bars und Clubs sollen sie verzichten.

Dabei ist der Kanton Waadt besonders betroffen, seit Tagen steigen die Ansteckungszahlen exponentiell: In den letzten sieben Tagen gab es 903 Neuinfektionen, 31,25 Prozent oder 215 Fälle mehr als in der Vorwoche. Ein Drittel aller Neuinfektionen im Land fällt auf die Waadt.

Laut Bundesrat Alain Berset müsse man sich in Sachen Contact Tracing keine Sorgen machen. «Egal, was passiert, egal wie hoch die Fallzahlen sind: Wir werden das Contact Tracing bis zum Ende der Krise durchziehen», so der Gesundheitsminister im Interview mit der «SonntagsZeitung». Er appellierte an die Kantone: «Wir dürfen nicht mehr wie im letzten Frühling einfach aufgeben».

Kanton Bern muss rekrutieren

Damit meint er den Kanton Bern, der damals im März aufgegeben hatte, Einzelpersonen nachzuverfolgen. Bereits nach 17 Corona-Fällen implodierte das Contact Tracing – der Aufwand war zu gross. Mit seinen mittlerweile rund 60 Tracern hat der Kanton die Situation im Griff.

Und doch: Es geht wieder langsam Richtung Überforderung. Einerseits brauche es mehr Tracer. Andererseits grössere Räume. Die Belegschaft musste letzte Woche zügeln. Diese Woche sollen 20 Kantonspolizisten dazu stossen, weitere Mitarbeiter werden angeworben, während zwei Tage ausgebildet und dann im Stundenlohn angestellt.

Auch andere Kantone drohten, an die Grenzen ihrer Systeme zu stossen, wie die Zeitung in Erfahrung brachte. Eine Umfrage bei den grossen Kantonen habe gezeigt: Die Kantone haben ihre Kontaktnachverfolgungs-Teams seit dem Beginn der Pandemie deutlich ausgebaut – und sie sind dabei weiter zu rekrutieren. Dennoch warne etwa der Luzerner Regierungsrat in der Antwort auf zwei parlamentarische Vorstösse: «Generell ist festzuhalten, dass sich das Contact Tracing nicht beliebig ausbauen lässt, weil es irgendwann kollabiert und es auch keinen Sinn mehr ergibt».

Kantone treffen Massnahmen

Während es in Bern nun 60 Contact Tracer sind, beschäftigt Basel elf Vollzeitstellen, in Genf sind es 80, in Zürich arbeiten aktuell zirka 250 Contact Tracer mit – das entspricht rund 100 Vollzeitstellen.

Um personellen Engpässen vorzubeugen, haben die Orte gewisse Strategien entwickelt: Abstriche mache man zuerst bei der Nachbetreuung von Personen, die als Reiserückkehrende in Quarantäne sind, heisst es etwa in Basel. In den meisten Kantonen werden Rückkehrer aus Risikoländern nur per SMS und E-Mail bedient, während andere Personen in Isolation oder Quarantäne regelmässig telefonisch kontaktiert werden.

In einem Kanton habe ein führender Mitarbeiter erzählt, dass Erkrankte teilweise gebeten werden, ihre Kontaktpersonen selber zu informieren und in Quarantäne zu schicken. Oft könnten die Personen nicht fristgerecht kontaktiert werden, weil die Meldeformulare der Ärzte oder Labore lücken- oder fehlerhaft seien.

Eine nationale Datenbank soll jetzt helfen, dass künftig alle Contact Tracing-Daten zusammen fliessen. Ende September soll das Projekt lanciert werden. Da es nun technische Mängel gibt, könnte der Start erst im Oktober erfolgen.

Grossanlässe im Oktober erlaubt

In Hinblick auf die dann startende Erlaubnis von Grossanlässen sagt der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri: «Das Contact Tracing ist hier nicht der wunde Punkt. Es sind die Schutzkonzepte. Die müssen gelebt werden», sagt er. Falls nicht, werde es auch das Contact Tracing schwer haben.

Der Zuger Kantonsarzt beobachte die Entwicklung der Fallzahlen genau. Rudolf Hauri war dabei auch schon zuversichtlicher gewesen in der Frage, ob wir das Virus in einem Monat noch unter Kontrolle haben. «Wenn es kippt, wenn das Wachstum wieder exponentiell wird, dann werden Kantone mit dem Contact Tracing vermutlich scheitern. Zuerst wohl die bevölkerungsreichen.»

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