Basel

Rentnerin für Mord an Ilias (†7) verurteilt – Verwahrung angeordnet

Im März 2019 hat eine Seniorin (76) am St. Galler-Ring Ilias (†7) mit einem Messer getötet. Nun wurde sie vom Basler Strafgericht wegen Mordes verurteilt.
Brendan Bühler spricht über den Prozess

In den Telebasel News sprach Reporter Brendan Bühler über die Urteilsverkündung.

Der Telebasel News Beitrag vom 11. August 2020.

Urteil: Schuldig

Das Basler Strafgericht hat am Dienstagnachmittag eine 76-jährige Seniorin, die im März 2019 einen Schüler getötet hatte, des Mordes verurteilt. Da A.F. nicht schuldfähig ist, wird sie verwahrt. Die Untersuchungs- und Sicherheitshaft wird an die Verwahrung angerechnet.

«Sie haben gezielt ein wehrloses Opfer ausgewählt.» A. F. habe sich bewusst ein wehrloses Opfer ausgewählt, und wollte sich mit dem Mord Gehör verschaffen. Die Gerichtspräsidentin führt aus, das F. das Kind «kaltblütig wie ein Lamm» abgeschlachtet haben. Der Mord, der F. begangen haben, könne nicht gerechtfertigt werden.

Wegen Wahnvorstellungen schuldunfähig

Gemäss Gutachten leide F. an Wahn. Deswegen sei die Frau nicht fähig, das Unrecht einzusehen und schuldunfähig. Als man F. aufzeigen wollte, dass sie kein Unrecht erlitt, verweigerte sich die 76-Jährige dem. Diversen Hilfeleistungen verweigere sich F., da sie eine Verschwörung hinter sich sah.

Sie wolle so an die Akten kommen, die den «Justizskandal» belegen würden. Der Mord am Jungen wurde vorgenommen, um die Plattform zu erhalten. So sei der Wahn laut Gerichtspräsidentin offensichtlich, wie sie in der Urteilsbegründung sagt. F. sei über 20 Jahren von der Idee besessen. Alles zum Urteil lesen Sie hier.

So war der Prozess: Die Übersicht

Der heutige Prozess gegen die geständige A.F. war nur schwer zu ertragen, sagt Telebasel-Redaktor Brendan Bühler. Warum, erzählt er im Video:

Der Telebasel News-Beitrag vom 10. August 2020.
Eine Übersicht des heutigen Tages finden Sie auch hier. Telebasel begleitet die Urteilsverkündung gegen die Rentnerin morgen um 16:30 Uhr und informiert Sie wie immer online, in der App und im TV.

Zeit für Replik

Jetzt gibt die Gerichtspräsidentin den Parteien noch einmal die Möglichkeit, zu den Voten der jeweiligen Vorredner Stellung zu beziehen.

Für den Staatsanwalt ist das Gutachten schlüssig, nicht aber für Verteidiger der Angeklagten. Zur Forderung des Opfervertreters nach einer lebenslangen Verwahrung sagt der Staatsanwalt, dass es nicht möglich sei, weil es dafür zwei unabhängige Gutachten brauche. Es sei aber nur eines eingeholt worden. Und die Einstellung des Strafverfahrens ist für ihn keine Option.

Der Opferanwalt schliesst mit den Worten: «Die Angeklagte hat gesagt, sie sei die Täterin, aber nicht die Schuldige»,

Und die Angeklagte bekommt schliesslich das letzte Wort. «Liebe Familie, es tut mir sehr, sehr leid. Ich bereue es.»

Damit beendet die Richterin den ersten Prozesstag. Am Dienstag um 16:30 Uhr wird das Urteil verkündet.

Letzte Viertelstunde

Die Angeklagte spricht fast ohne Punkt und Komma. Sie lässt sich nicht beirren – spricht mit kräftiger Stimme. Die letzte Viertelstunde ihres vor Gericht erstrittenen Monologs ist angebrochen. Die Eltern von Ilias lassen wie alle Anwesenden im Saal das Prozedere stoisch über sich ergehen.

Am Ende stellt die Angeklagte den Antrag, dass heute kein Urteil gefällt wird. «Ich will, dass alle Akten und Unterlagen, die gestohlen wurden, ausgewertet werden.» Der Fall solle schliesslich vom Bundesgericht beurteilt werden.

Deadline bis 17 Uhr

«Wenn sie wollen, können sie gerne die korrigierten Passagen vorlesen» – aber nicht das ganze Papier, schlägt die Gerichtspräsidentin vor. «Oder sollen wir das Papier der Presse aushändigen?»

Die Angeklagte verneint. Nach einem kurzen Hin und Her schliesslich gibt die Gerichtspräsidentin der Angeklagten 45 Minuten Zeit, das Papier vorzulesen. Bis spätestens 17 Uhr.

So kann die Angeklagte noch einmal des langen und breiten erklären, was in der Zeit seit 1977 aus ihrer Sicht im Schweizer Rechtsstaat alles schief gelaufen ist. Sie rückt sich wieder in die Opferrolle. «Dass diese Tat geschehen ist, tut mir unendlich leid. Dass die Probleme mit den Behörden nicht gelöst werden konnten, belastet mich sehr.»

21-seitige Eingabe

„Ich nehme zur ganzen Sache wie folgt Stellung. Verursacht haben diese Straftat die Gerichtsfehler, wegen der Fälschung von Urteilen am Bundesgericht in Lausanne“, sagt die Angeklagte am Anfang ihres Plädoyers.

Sie sei weder psychisch krank noch schuldunfähig. Die Schuldunfähigkeit habe die Staatsanwaltschaft als Schutzbehauptung erstellt. Es sei gezielt versucht worden, ihre Glaubwürdigkeit zu vermindern, was laut der Angeklagten am Ende zur Tat geführt habe….

Die Richterin unterbricht: „Sie lesen ihre Eingabe vor, den alle Parteien schon erhalten haben.“ Dabei handelt es sich um ein 21-seitiges Papier. Die Angeklagte ist der Ansicht, dass sie das Recht hat, dieses Papier vorzulesen. Die Richterin aber ist anderer Meinung: „Wir haben ihre Eingabe bereits zur Kenntnis genommen.“

Jetzt redet die Angeklagte

Nach der Pause übergibt nun die Gerichtspräsidentin der Angeklagten das Wort, bevor dann die Parteivertreter nochmals die Möglichkeit bekommen, die Plädoyers der jeweils anderen zu kommentieren.

Neues Gutachten?

Roulet sieht darum zwei Optionen für das Gericht: Entweder das Verfahren ausstellen und ein neues Gutachten einholen oder sich mit den Rechtfertigungsgründen für die Tat, wie sie seine Mandantin geäussert hat, auseinandersetzen. „Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass keine überzeugende Diagnose gestellt worden ist“, erklärt Roulet.

Die Verwahrung sei nur als letztes Mittel anzuwenden. Er möchte, dass das Gericht eine stationäre Massnahme für seine Mandantin in Betracht zieht. Am Ende seines Plädoyers beantragt er, die Zivilforderungen seiner mittellosen Mandantin abzuweisen.

Damit gibt es wieder eine Pause. Um 16 Uhr geht es weiter.

Der Verteidiger hat das Wort

Jetzt hat der Verteidiger Nicolas Roulet das Wort: „Es scheint mir müssig zu sein, mich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob es ein Mord oder eine vorsätzliche Tötung war.“ Die zentrale Frage sei die Schuldfähigkeit.

Dann kritisiert der Verteidiger der Angeklagten in seinem Plädoyer zuerst einmal den Opferanwalt. Dieser soll sich lediglich zu Schadenersatzforderungen äussern und keine Einschätzung von Strafe oder Tat vornehmen, lässt er das Gericht wissen.

Er hat auch eine andere Meinung als der Gutachter heute Morgen vertreten hat. Seine Mandantin habe sehr wohl eine grosse Ichbezogenheit sei empathielos – der Verteidiger sieht klare Anzeichen für eine narzistische Persönlichkeitsstörung seiner Mandantin. Er sei in seiner Tätigkeit als Pflichtverteidiger von der Angeklagten immer wieder herabgesetzt worden – das habe sich ja grad vorhin gezeigt. (Die Angeklagte wollte selber plädieren.)

Eine Persönlichkeitsstörung sei besser therapierbar als eine Wahnstörung. Dies seit entscheidend für die Zukunft seiner Mandantin, führt Roulet aus.

AHV-Rente für Schadenersatz aufwenden

Der Opfer-Vertreter zählt jetzt detailliert auf, welche Kosten der Familie entstanden sind im Rahmen der Beerdigung des Jungen im Kosovo. Dazu gehören Flugtickets, Bestatter und Abdankung. Total mehr als 18’000 Franken.

Der Anwalt fordert, dass die AHV-Rente der Angeklagten die Schadenersatzforderung aufgewendet werden soll.

„Eine noch abscheulichere Tat, als die Tötung eines 7-jährigen Jungen, ist nicht vorzustellen“, sagt der Opferanwalt. Die Opferfamilie wohnte während der Tat bei Bekannten – zu gross wäre der Schmerz gewesen, jeden Tag am Tatort vorbeizulaufen. Der Schmerz aber wird die Familie das ganze Leben begleiten. Auch der bei der Tat 3-jährige Bruder von Ilias hat eine seiner wichtigsten Bezugspersonen verloren und wird sein ganzes Leben unter den Vorkommnissen leiden. Der Opferanwalt findet darum, dass die vorhin genannten Summen in der Höhe von total 185’000 Franken angemessen seien.

Ein teuflischer Plan

Die Angeklagte bewies eine „einzigartige Kaltblütigkeit“ – die Tat war bis ins letzte Detail geplant. Für das Opfer kam jede Hilfe zu spät. Reue zeigt die Beschuldigte keine. Viel mehr gab sie bei der Befragung an, es gehe ihr „sehr gut“. Sie liess weiter verlauten, seit der Inhaftierung habe sie endlich wieder Ruhe und könne gut schlafen und leide nicht mehr unter Suizid-Gedanken, führt der Opfer-Vertreter weiter aus.

Obwohl die Beschuldigte schuldunfähig ist, wusste sie trotz ihrer Erkrankung genau was sie tat. Und sie war in der Lage, einen teuflischen Plan auszuarbeiten und umzusetzen. Es sei sicherzustellen, dass die Beschuldigte den Rest ihres Lebens in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung verbringe, so der Anwalt.

Genugtuung gefordert

Der Opfervertreter plädiert ebenfalls darauf, dass die Angeklagte ordentlich verwahrt wird. Er macht zudem eine Genugtuungs-Entschädigung in der Höhe von total 185’000 Franken geltend. Je 80’000 Franken zugunsten der Eltern und 25’000 Franken zugunsten des Bruders. Zudem fordert er Schadenersatz in der Höhe von 18’000 Franken.

Hohe Rückfallgefahr

Der Staatsanwalt sieht ein hohes Risiko einer Rückfallgefahr. Die Angeklagte verweigert sich, eine Therapie anzutreten – davon sei auch in Zukunft nicht auszugehen. Das habe sich heute noch einmal bei der Befragung gezeigt. Ein Umdenken aus eigener Motivation sei unwahrscheinlich.

Es seien auch keine Anzeichen von Reue erkennbar – sie habe auch keinen Kontakt zu den Eltern gesucht. Die Angeklagte würde sich auch nicht in die Opfer hineinfühlen. Noch einmal wiederholt er, dass er eine ordentliche Verwahrung beantragt.

Sollte die Angeklagte das Urteil weiterziehen, beantragt die Staatsanwaltschaft vorsorglich eine Verlängerung der Sicherheitshaft, die morgen ausläuft.

Gefühlskalt und brutal

Die Beschuldigte stellt die Straftat als Akt der Notwehr dar. Ein massgeblicher Teil der Handlungsmotivation sei jedoch auf die Öffentlichkeitswirksamkeit der Tat hinzuschreiben, führt der Staatsanwalt aus.

Die Tötung erfolgte aus völlig nichtigem Grund und stehe im krassen Missverhältnis zum Zweck. Die Angeklagte habe sich sich gezielt ein schwaches Opfer ausgesucht.

Sie habe die Tat und das Danach akribisch durchgearbeitet. Die Tat sei gekennzeichnet von „völliger Gefühlskälte und Brutalität“. Die Angeklagte suchte durch die Tötung die Öffentlichkeit um auf die Justiz-Korruptions-Affäre aufmerksam zu machen.

Mord liegt dann vor, wenn der Täter besonders skrupellos handelt. Das sei in diesem Fall erstellt. Finanzielle Notlage, drohende Obdachlosigkeit oder Probleme mit Behörden seien keine Erklärung für die Auslöschung eines Lebens. Laut dem Staatsanwalt habe weder eine entschuldbare Notwehr noch ein Notstand vorgeherrscht.

Der Staatsanwalt plädiert

Schwierig gestaltet sich der Umgang mit der als schuldunfähig taxierten Beschuldigten. Für die Staatsanwaltschaft kommt nur die ordentliche Verwahrung in Frage. Das Geständnis stehe fest. Es werde objektiviert durch Aussagen von Auskunftspersonen sowie durch ihre Aussagen mit Täterwissen. „Die Beschuldigte hat am 21. März 2019 kurz nach 12.30 Uhr auf dem Trottoir den 7-Jährigen von hinten mit einem Küchenmesser erstochen.“

Die Angeklagte hat Ilias von hinten mit einem Küchenmesser einmal gezielt von rechts in den Hals gestochen. Als er sich zu ihr umdrehte stach sie nochmals zu, beugte sich über den Knaben und hielt kurz inne. Dann wandte sie sich von ihm ab.

Der Prozess wird fortgesetzt

Die Angeklagte stellt den Antrag, das Plädoyer selber zu halten. Die Richterin sagt, dass das ganze nur seine Gültigkeit habe, wenn auch der Pflichtverteidiger plädieren dürfe.

Der Auftakt in Sachen Plädoyers macht jetzt aber der Staatsanwalt Fabbri.

Angeklagte verlässt das Gericht

Der Prozess pausiert bis um 14 Uhr. Ein Kastenwagen mit der 76-jährigen Angeklagten verlässt das Basler Strafgericht. Eine Zusammenfassung des bisherigen Prozesses finden Sie hier.

(Video: Telebasel)

Angeklagte fragt

Die Angeklagte fragt den Gutachter: „Wenn sämtliche Akten alle auf den Tisch kommen und es feststeht, dass Verfehlungen gemacht wurden, die gesetzlich nicht haltbar sind, würden sie dann auch sagen, ich wäre eine Querulantin und ich hätte Wahnvorstellungen?“

Die Replik des Gutachters: „Das ist ein Kernproblem des Wahns. Über die sachliche Korrektheit kann man sich streiten. Mein Hauptargument für die wahnhafte Störung ist, dass sie seit 30 Jahren auf sehr unflexible Art und Weise daran festhalten und keine Argumente zulassen. Sie haben zudem zu sehr drastischen Mitteln gegriffen, um Recht zu bekommen. Das ist entscheidender als die Frage, ob etwas korrekt ist oder nicht.“

Die Angeklagte räumt ein, Fehler gemacht zu haben. Sie kann aber nicht akzeptieren, dass sie der Gutachter als Querulantin bezeichnet.

Die Richterin unterbricht den Prozess. Um 14 Uhr wird die Verhandlung fortgesetzt.

Rückfallgefahr besteht

Besteht eine Rückfallgefahr bei der Angeklagten, will der Anwalt der Eltern von Ilias wissen. Der Gutachter bejaht das. Es bestehe eine hohe Wahrscheinlichkeit von weiterern Delikten: „Auch gewalttätige Taten sind möglich“, so der Gutachter.

Jetzt ist die Reihe am Verteidiger der Angeklagten – Nicolas Roulet.

Seit 30 Jahren krank

Die Angeklagte ist seit 30 Jahren krank – und ihre Krankheit wurde oder konnte nicht behandelt werden. Sie könnte zum Beispiel in Basel in der UPK behandelt werden, sagt der Gutachter.

Der Staatsanwalt hat auch einen Fragenkatalog eingegeben. Nach den Ausführungen des Gutachters gibt es aber nicht mehr viele offene Punkte.

Therapierung schwierig

Die Beschuldigte sehe sich auch in diesem Verfahren ins Unrecht gesetzt. „Ich würde mich nicht wundern, dass nach Abschluss dieses Verfahrens das Unrecht, das sie hier erlebt habe, ein grosses Argument sein wird“, so der Gutachter.

Die Therapierung einer Person mit stark ausgeprägter und chronifizierter Störung ist laut dem Gutachter  schwierig. Er sieht darum nur geringe Erfolgsaussichten für eine Therapie. Das Problem bei der Angeklagten ist, dass die Störung schon seit Jahrzehnten bestehe. Die Rede ist von neurobiologischen Veränderungen. Darum sei es unwahrscheinlich, dass eine medikamentöse Behandlung kurzfristig zum Erfolg führe.

Die Richterin fragt den Gutachter: „Glauben Sie, dass die Angeklagte irgendwann zur Erkenntnis kommt, dass sie ein Kind umgebracht hat und dass darum etwas bei ihr nicht stimmen muss?“ Die Antwort des Gutachters: „Das wäre zu hoffen. Aber die Chancen sind gering.“

Seit 20 Jahren

In ihren Briefen schrieb die Angeklagte seit 20 Jahren: „Muss den zuerst jemand getötet werden?“

Der Gutachter sagt, die Angeklagte sei in der  Lage, zu verstehen, dass Tötungen unrecht sind. Aber sie sei nicht in der Lage, diese Einsicht auf ihre konkrete Situation anzuwenden.

Die Angeklagte könne sich nicht darauf besinnen, was diese Normen für sie bedeuten. Das abstrakte Wissen über die Normen sei aber vorhanden, fährt der Gutachter fort.

Steuerungsfähigkeit verloren

Im Tatzeitraum habe die Angeklagte durch ihre Notlage zudem ihre Steuerungsfähigkeit verloren. Die Wahrnehmung ihrer Situation sei durch den Wahn so stark beeinflusst gewesen, dass sie in ihrer Perspektive gefangen war, so der Gutachter weiter.

Er spricht von «extremen Scheuklappen». Der Gutachter ist darum auch der Meinung, dass die Angeklagte nicht schuldfähig sei.

Keine Einsicht

Die Tat wurde von der Angeklagten als alternativlos gesehen. Bei wahnkranken Menschen sei ein Steuerungsverlust und die Wahrnehmung der Tat als ausweglos üblich, sagt der Gutachter.

Jemand mit einem Wahn sei argumentativ nicht mehr zugänglich. Darum sei nicht möglich, die Angeklagte zur Einsicht zu bewegen.

Der Gutachter sagt klar, man müsse die Angeklagte medikamentös und psychotherapeutisch behandeln. Sie zeigt sich aber nicht einsichtig – was sie auch selber heute Morgen auch zum Ausdruck gebracht hat.

Sollte eine Therapie nicht innert fünf Jahren anschlagen, dürfte keine Besserung mehr zu erwarten sein. «Sie ist eine psychisch schwer kranke Frau», resümiert der Gutachter.

Querulantenwahn

Die Angeklagte sei für kritische Argumente nicht zugänglich, fährt der Gutachter fort. Sie nehme sie zwar zur Kenntnis, falle dann aber wieder in ihre alten Muster zurück. Daran halte sie unkorrigierbar fest. Dies seien Symptome einer psychischen Störung. Es sei typisch für einen Querulantenwahn.

Das Ausmass der Störung zeige sich erst dann so richtig, wenn man mit der Angeklagten über die sogenannte Jusitiz-Korruptions-Affäre spricht. Es sei von hoher Bedeutung für die Angeklagte.

Er zitiert aus dem Schriftverkehr mit der Angeklagten und bestätigt die Verzweiflung, welche die Angeklagte vorher beschrieben hatte. Ihr ging das Geld aus, sie hatte Angst vor der Obdachlosigkeit und sah keinen Ausweg, weil sich in ihren Vorstellungen alles gegen sie verschworen hatte.

Der Gutachter spricht

Der Gutachter sagt, dass er die Angeklagte dreimal in Untersuchungshaft besucht habe – zweimal wollte sie nicht mit ihr reden. Es sei das vierte Gutachten, dass gegen die Frau verfasst wurde.

Die Biografie der Angeklagten sei bis ins Jahr 1977 unauffällig verlaufen, so der Gutachter. Ein Rechtsstreit aus dem Jahre 1977 sei in Bruch in der Biografie, wobei es um einen Betrag von 10’000 Franken ging. 1986 sah sie sich einer Rufmordkampagne der Behörden ausgesetzt, gab ihre Stelle aus. Seither habe sie nie mehr gearbeitet. Nie seien auf ihre Begehren eingetreten worden. Als 1992 ihre Wohnung geräumt wurde, spitzte sich die Lage noch weiter zu.

Jusitiz-Korruptions-Affäre nennt die Angeklagte ihre Geschichte, die sie mittlerweile seit 40 Jahren beschäftigt.

Der Gutachter ist derselben Meinung des Vorgutachters – sie sei in ihrer Perspektive gefangen.

Pause

Der Prozess wird für eine Viertelstunde unterbrochen. Danach folgt die Befragung des psychiatrischen Gutachters.

Kein Geld für Genugtuung

Sie könne sich bei den Eltern von Ilias nicht entschuldigen. „Es gibt keine Entschuldigung, für das, was ich gemacht habe“, sagt die Angeklagte. Sie könne den Eltern von Ilias auch keine Genugtuung zahlen: „Ich habe kein Geld“, so die Angeklagte weiter.

Das Gutachten

Jetzt geht es um das Gutachten, dass gegen die Angeklagte erstellt wurde. Darin wurde festgehalten, dass die Frau unter einer chronifizierten schwerwiegend wahnhaften Störung, einem Querulantenwahn leidet. Vor Gericht sagt die Angeklagte, dass sie diesen Eindruck nicht teile. «Wenn Wahn Verzweiflung ist, dann war es ein Wahn», sagt die Angeklagte

Laut dem Gutachten könne die Frau medikamentös behandelt werden. Sie sieht es anders. Man müsse mit ihr reden. Sie sei nie gewalttätig geworden und sei nie eine Gefahr gewesen. „Ich war auch nie ein gewalttätiger Mensch.“ Darum ist sie der Meinung, dass weder eine stationäre Behandlung noch eine Verwahrung korrekt seien.

Es war eine Affekthandlung

Sie bestätigt, dass sie das Kind nicht kannte. Es sei eine Affekthandlung gewesen, so die Angeklagte. „Ich weiss nicht, wieso, dieses Kind sterben musste. Ich tigerte ja bereits Tage vorher durchs Quartier und suchte nach einer Lösung.“

Sie habe nicht extra ein schwaches Opfer ausgesucht – sie habe im Affekt gehandelt, sagt sie nochmals. Nach der Tat sei ihr klar geworden, dass sie ins Gefängnis müsse. Darum habe sie sich ja gestellt.

Zur Verzweiflung getrieben

„Ich hätte nie gedacht, dass ich sowas machen könnte“, sagt die Angeklagte. „Ich wusste, dass es falsch war und mir war klar, dass ich die Verantwortung tragen muss.“ Aber ich wurde zur Verzweiflung getrieben.

„Mein Motto war immer: Es gibt keine Probleme, es gibt nur Lösungen.“

Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen

«Glauben sie, es tut mir unendlich leid und ich bereue es jeden Tag. Ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen», sagt die Angeklagte. Sie aber fühlte sich von den Behörden in die Enge getrieben.

Aber für mich war klar, dass sämtliche Urteile gegen mich nicht sauber waren. „Gopferdoria nochmal – wieso hat nie jemand mit uns geredet?“, ruft die Angeklagte aus.

Ich aber habe so viele verzweifelte Briefe geschrieben – aber nie hat uns jemand erhört.

Wie Freiwild behandelt

„All die Sachen mit den Ämtern sind Tathintergründe“, sagt die Angeklagte verbittert. „Das alles hat mich zur Verzweiflung getrieben. Man hat uns als Freiwild behandelt und nicht wie Menschen. Das ist das Motiv“, fährt die Angeklagte fort.

Und wenn ihr jemand etwas unterstelle, was sie nicht gemacht habe, dann reagiere sie, fährt die Angeklagte fort.

Befragung läuft

Die Tonprobleme sind nun teilweise behoben. Die Angeklagte erzählt nun über ihre Probleme mit den Behörden in den 80-er Jahren. Sie sei jahrelang „geplagt“ worden – was sie als Hintergründe der schrecklichen Tat im Gotthelf beschreibt.

Weil sie Bussen nicht bezahlt habe, sei sie bereits früher schon im Gefängnis gesessen. Wegen Diebstahls sei sie auch schon einmal vor Strafgericht gestanden – sie habe Holzbretter gestohlen. Der Fall liege aber mehr als 50 Jahre zurück.

Vor Zivilgericht sei sie auch schon gestanden. Es ging um einen Erbstreit. Sie soll 86’000 Franken ihrer Mutter veruntreut haben und wurde dafür verurteilt. Die habe daraufhin zwischenzeitlich den Kontakt zur Familie abgebrochen.

Anhaltende Tonprobleme

Leider nichts Neues vom Strafgericht. Anhaltende Tonprobleme.

Befragung zur Person

Es läuft die Befragung zur Person Im Nebensaal hören die Journalisten nur die Fragen der Gerichtspräsidentin. Die Antworten der Angeklagten sind leider nicht zu verstehen.

Angeklagte betritt den Gerichtsaal

Gesenkten Hauptes betritt die Angeklagte den Gerichtssaal. In ihrem Rücken sitzen die Eltern des getöteten Ilias. Die Medienschaffenden sitzen in einem Nebensaal – der Prozess wird per Video dorthin übertragen. Im Moment aber gibt es Tonprobleme.

Die Täterin wird zum Gericht gefahren

Kurz vor 8 Uhr fährt ein Kastenwagen vor. Darin sitzt die 76-jährige Angeklagte. In wenigen Minuten wird ihr vor dem Basler Strafgericht der Prozess gemacht.

(Video: Telebasel)

Grosses Medieninteresse

Das Interesse der Medien ist gross. Der Fall hatte im März 2019 schweizweit für Schlagzeilen gesorgt.

Das geschah bisher: Die kompakte Übersicht im Video.
Der Telebasel News Beitrag vom 9. August 2020.
Ist die Frau schuldunfähig?

Ab dem 10. August muss sich die 76-jährige, mutmasslich psychisch kranke Täterin für den minuziös geplanten Mord vor dem Basler Strafgericht verantworten.

Der Telebasel News Beitrag vom 13. Dezember 2019.

Die Staatsanwaltschaft klagt die 76-jährige Frau wegen Mordes an, kommt in der Anklageschrift aber zum Schluss, dass die Täterin schuldunfähig sei. Die Frau soll aufgrund ihrer psychischen Verfassung verwahrt werden. Das querulatorische Verhalten der Frau nahm auch nach der schockierenden Tat kein Ende. Seit sie im Waaghof in Untersuchungshaft sitzt, reicht sie zahlreiche Eingaben und Beschwerden an die Gerichte ein.

Geständnis per SMS vorbereitet

Drei Tage vor der Tat begann die Angeklagte mit der detaillierten Planung, «tigerte» gemäss eigenen Angaben durch das Gotthelf-Quartier und spielte ihre Tötungsideen im Kopf durch. Tags darauf verfasste sie einen Entwurf für eine SMS, die sie nach der Tat versenden wollte. Darin schrieb sie, dass sie getötet habe, um ihr Eigentum zurückzuerhalten.

Mehrfach änderte sie in den folgenden zwei Tagen den Text. In der endgültigen Version war konkret von der Tötung eines Kindes die Rede. Zudem wolle sie sich der Polizei stellen und Verantwortung übernehmen, sofern sie nicht umgebracht werde.

Am 21. März setzte die Angeklagte ihren brutalen Plan um und ermordete den siebenjährigen Schüler, der als letzter das Schulhaus verlassen hatte. Als die Rettungskräfte am Tatort eintrafen, war der Bub bereits klinisch tot.

Nach der Tat verschickte die Frau das vorbereitete SMS an mehrere Personen. Um 13.30 Uhr – eine Stunde nach der Tat – stellte sie sich «ruhig und gefasst» der Staatsanwaltschaft. Ohne jegliche Reue zu zeigen, habe sie mitgeteilt, dass sie ein ihr unbekanntes Kind mit einem Messer getötet habe und dem Ermittler die Tatwaffe ausgehändigt.

Täterin war Behörden bekannt

Aufgewachsen ist die 76-jährige Angeklagte im Kanton Luzern. Nach ihrer Ausbildung zur Postgehilfin und Sachbearbeiterin hatte sie von 1974 bis 1986 als KV-Angestellte in Basel gearbeitet. Danach war sie arbeitslos und lebte bis zur Tat in einem Basler Hotel.

2003 und 2005 wurde die Angeklagte im Rahmen von fürsorgerischen Freiheitsentzügen jeweils für einige Wochen stationär psychiatrisch behandelt. Auch war mehrmals gegen sie wegen Gewalt und Drohung gegenüber Behörden und Beamten ermittelt worden.

Ab 2016 häuften sich die Drohungen der Angeklagten, zunehmend äusserte sie unspezifische Drohungen hinsichtlich einer jederzeit zu erwartenden Gewalttat, falls ihre Forderungen nicht erfüllt würden und man ihr ihr Eigentum nicht zurückgeben würde.

Das letzte Schreiben der mutmasslichen Täterin ans Bundesgericht datiert vom 15. März 2019 – sechs Tage vor der Tat. Darin hielt sie fest, dass das Bundesgericht wolle, dass die abverlangte Gewalttat eingehalten und bewiesen werde.

Jahrzehntelanger Streit mit Behörden

Die Ermordung des Schülers hat die mutmassliche Täterin, die seit dem Tötungsdelikt im Untersuchungsgefängnis Waaghof sitzt, gemäss der Anklageschrift von langer Hand akribisch geplant. Die Beschuldigte leide an einer chronifizierten, schwerwiegend wahnhaften Störung, namentlich einem Querulantenwahn. Dieser habe sich seit 1977 fortschreitend entwickelt und sei in drei psychiatrischen Gutachten diagnostiziert worden, schreibt die Basler Staatsanwaltschaft.

Auslöser der Störung waren zivilrechtliche Streitigkeiten ihres 1999 verstorbenen Lebenspartners, in welche sie involviert gewesen war – und insbesondere der Umstand, dass die gemeinsame Wohnung des Paares in Allschwil BL 1992 zwangsgeräumt worden war. Die beiden wurden vorübergehend obdachlos, ihr Eigentum wurde eingelagert und 1995 liquidiert.

Über 42 Jahre lang habe die Beschuldigte wahnhafte Briefe an verschiedene Behörden geschrieben, heisst es. Dabei hätten die Schreiben über die Jahre an Frequenz und Intensität zugenommen. Mehr als zehn Bananenkisten voller Briefe hätten sich im Verlaufe der Zeit angehäuft. Ab 2002 war in den Briefen der Frau häufig von Mord die Rede.

Sinnlose Tat im Gotthelf schockt die Welt

Nicht nur in der Schweiz sorgte der Fall für tiefe Anteilnahme. Die Presse auf der ganzen Welt berichtete über die grausame Tat im Gotthelf-Quartier:

Landesweite Bestürzung

Die Bluttat sorgte landesweit für Bestürzung und Fassungslosigkeit: Am 21. März 2019, kurz vor 12.40 Uhr, wurde am St. Galler-Ring im Gotthelf-Quartier in Basel ein siebenjähriger Schüler auf dem Heimweg niedergestochen. Der Bub erlag seinen schweren Verletzungen.

(Der Telebasel News-Beitrag vom 31. März 2019.)

Die mutmassliche Täterin ist eine heute 76-jährige Schweizerin. Heimtückisch und in direkter Tötungsabsicht hat sich die Seniorin dem ihr unbekannten Kind von hinten genähert, wie aus der Anklageschrift zum Fall hervorgeht, der am 10. August am Basler Strafgericht zur Verhandlung kommt.

Als der völlig ahnungslose Bub weniger als einen Meter vor ihr gestanden sei, habe sie ihm ohne jegliche Skrupel von hinten ein Küchenmesser in den rechten Halsbereich gestossen. Der Junge drehte sich gemäss Staatsanwaltschaft zu ihr um, worauf sie ihm auch noch von vorne einen wuchtigen Messerstich in die linke Halsseite versetzte.

Der Bub schrie laut auf und ging zu Boden, wie es in der Anklageschrift weiter heisst. Nachdem sich die Seniorin vergewissert habe, dass sie dem Schüler tödliche Verletzungen zugefügt und er mit dem Tod gerungen habe, sei sie vom Tatort weggegangen.

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