Basel

Nach dem Lockdown melden sich massiv mehr Opfer häuslicher Gewalt

Mehr Gewalt zuhause, weil man sich im Lockdown schlechter ausweichen konnte? Das Fazit der Basler Anlaufstellen ist durchmischt.

Der Corona-Lockdown werde Spannungen in Beziehungen und Familien verstärken, was sich in mehr häuslicher Gewalt, also Gewalt, die sich in den eigenen vier Wänden abspielt, niederschlagen könnte, warnten Experten.

Spätestens nach dem Lockdown würden sich mehr Opfer von häuslicher Gewalt bei den Anlaufstellen melden, war man überzeugt. Dann seien Opfer weniger unter der Kontrolle der Täter und könnten sich Hilfe holen.

Wie haben die zuständigen Stellen im Kanton Basel-Stadt die Situation rund um den Lockdown erlebt? Telebasel hat nachgefragt.

Opferhilfe beider Basel

Während dem Lockdown hätten sich weniger Opfer häuslicher Gewalt bei der Opferhilfe gemeldet, als gewöhnlich, sagt Sabine Jackwert. Aber: «Nach dem Lockdown sind die Fälle häuslicher Gewalt massiv angestiegen. Im Vergleich zum ersten halben Jahr 2019 haben wir bisher Zunahmen von 30 bis 40 Prozent zu verzeichnen.»

Auch mehr Opfer von sexualisierter Gewalt hätten sich im Jahr 2020 gemeldet. Der Anstieg in dieser Gruppe beträgt etwa 10 Prozent, so Jackert.

Berücksichtigen müsse man, dass der Lockdown erst seit kurzem vorbei sei und bald darauf hätten die Sommerferien begonnnen. Das könne das Bild möglicherweise noch verzerren.

Frauenhaus beider Basel

Nach wie vor würden freie Schutzplätze im Frauenhaus schnell wieder besetzt, so Bettina Bühler, Geschäftsleiterin des Frauenhaus. «In den Monaten April, Mai und Juni war das Frauenhaus beider Basel zu 96 Prozent besetzt, was für eine stationäre Kriseninterventionsstelle sehr hoch ist.» Normalerweise gehe man von einer Besetzung von etwa 75 Prozent aus.

Auch das sogenannte Frauenhaus-SOS, in dem kurzfristig zusätzliche Plätze für schutzbedürftige Frauen geschaffen wurden, sei ausgelastet. Wie sich die Situation weiterentwickle, hänge auch davon ab, ob es zu einer zweiten Corona-Welle komme.

Das Frauenhaus habe ausserdem erheblich mehr Beratungen am Telefon durchgeführt und Klientinnen an andere Einrichtungen verwiesen, als gewohnt.

Männerbüro

Das Männerbüro berät unter anderem Männer, die zu häuslicher Gewalt neigen. Während dem Lockdown sei es nicht zu mehr, sondern zu weniger Beratungen gekommen, so Geschäftsleiter Gaudenz Löhnert.

«Der Lockdown hat zweifelslos auch den Alltag entschleunigt: Weniger Terminstress, weniger gesellschaftlicher Druck, weniger Hektik. Die Familien sind auf sich gestellt und haben zusammen eine Krise zu bewältigen», so die Analyse der Anlaufstelle.

Und: «Trotz aller Unkenrufe und Befürchtungen, dass die Männer in der Kriese vermehrt zu Gewalttätern werden, können wir diese These auch im Nachgang nicht stützen.»

Jetzt, in den Sommerferien, kämen aber mehr Anfragen als in den Jahren zuvor. Das habe wohl damit zu tun, dass die Familien nun seltener in die Ferien gehen.

Kesb

«Bei der Kesb konnten wir keine Zunahme von häuslicher Gewalt während des Lockdowns wahrnehmen. Über die Dunkelziffer, die höher ausgefallen sein dürfte als sonst, weil die soziale Kontrolle fehlte, kann nur spekuliert werden», so der Amtsleiter der Kesb Basel-Stadt, Patrick Fassbind. Während des Lockdowns habe es während der ersten zwei Wochen weniger Meldungen im Kindesschutz gegeben.

Danach sei es zu einer Normalisierung, beziehungsweise im Vergleich zum Vorjahr, zu leicht mehr Meldungen gekommen. «Insgesamt sind wir jetzt etwa bei gleich vielen Gefährdungsmeldungen wie im Vorjahr. Wie im Vorjahr sind das etwa 320 Meldungen im Kindesschutz bis Ende Juni 2020.»

«Schulen, Lehrpersonen und die Schulsozialarbeit haben während des Lockdowns hervorragende Arbeit geleistet. Sie waren nahe bei den Kindern und den Familien», betont Fassbind. Krisenfamilien seien begleitet und unterstützt worden und trotz des Lockdowns seien Gefährdungsmeldungen bei der Kesb eingetroffen.

Auch nach dem Lockdown sei sehr gut hingeschaut und zahlreiche Familien unterstützt worden, weswegen seiner Ansicht nach kein Grund zur Besorgnis bestehe.

Justiz- und Sicherheitsdepartement

Das Justiz- und Sicherheitsdepartement kann die Zahlen zu häuslicher Gewalt nur schwer mit dem Vorjahr vergleichen. Grund dafür ist, dass für die Polizei andere Kompetenzen zur Bekämpfung von häuslicher Gewalt geschaffen wurden.

JSD-Sprecher Toprak Yerguz schreibt: «Tendenziell und ohne dies statistisch belegen zu können, gehen wir von einer leichten Zunahme aus, ohne dass es starke Auffälligkeiten gibt.»

1 Kommentar

  1. Viele menschen sind mit der aktuellen situation psychisch überfordert. Anstatt zur ruhe zu kommen und die vielen schönen dinge zu geniessen, sind sie im stress, voller angst und lkritisieren das system. Wut und hass wird oft an stelle von chance und prsönlichem kontakt gelebt. Seit offen für positives was vergessen gingReport

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Mehr aus dem Channel