Die Uhrenbranche muss sich anpassen. (Archivbild: Keystone)
Schweiz

Die Uhrenbranche braucht Geduld

Touristen sind für die Schweizer Uhrenindustrie wichtig. Doch genau die fehlen jetzt.

Das Geschäft mit Touristen ist für die Luxusbranche wichtig. In der Schweiz tragen sie auf ihren Streifzügen durch Boutiquen und Shops rund die Hälfte zum Umsatz der Uhrenhändler bei. Die Bank Vontobel schätzt, dass Schweizer Uhrenmarken im Heimmarkt etwa 4 bis 5 Prozent ihrer Verkäufe erzielen. Das entspricht dem, was an Uhren nach Frankreich oder Deutschland exportiert wird.

Was im Reisegeschäft während der Corona-Krise an Umsatz verloren geht, werden die Uhrenhersteller in diesem Jahr aber kaum mehr aufholen. Das für die Uhrenbranche so wichtige Geschäft mit Reisenden aus Asien, vor allem mit Chinesen, kommt nämlich nur schleppend in Gang. Um das Minus abzufedern, haben die Firmen daher Initiativen vor Ort in China aufgegleist.

Wer kann, vermarktet seine Produkte vermehrt direkt im «Reich der Mitte». «Wir führen Marketingevents auch in Festlandchina durch und werden zum ersten Mal an der Watches and Wonders-Messe in Shanghai teilnehmen», sagte etwa Bruno Jufer, Leiter des Schweizer Geschäfts der Marke Parmigiani, im Gespräch mit AWP.

Der Schritt nach China macht Sinn

Die Marke mit Sitz im neuenburgischen Fleurier ist damit nicht alleine. Auch die zur Richemont-Gruppe gehörende Vorzeigemarke Cartier hat ihre neue Uhrenlinie «Pasha» Anfang Juli zunächst in China lanciert, ehe die Neuheit ab September weltweit in die Regale kommen wird.

Der Schritt nach China macht Sinn. «China ist das Land, in dem weltweit die meisten Kunden für Luxusgüter zu finden sind. Das gilt nicht nur für die Schweizer Uhrenindustrie, sondern für den gesamten Luxusgütersektor», sagte René Weber, Analyst bei der Bank Vontobel. Rund 35 Prozent des weltweiten Umsatzes mit Luxusgütern ist auf die Kauflust chinesischer Konsumenten zurückzuführen.

Chinesen kaufen Schmuck, Uhren, teure Kleider und Accessoires besonders gerne auf ihren Reisen durch Europa und die USA oder in asiatische Metropolen. Da ist das Angebot besonders gross und die Uhren sind günstiger zu haben, da in China eine Luxussteuer die Objekte der Begierde verteuern. Im eigenen Land tätigen Chinesen nur 30 Prozent ihrer Luxusgüter-Käufe.

Anders am US-Markt

Genau das Gegenteil zeige sich am US-Markt, erklärte René Weber. Dort generieren die US-Amerikaner rund 90 Prozent des lokalen Umsatzes mit Luxusartikeln. Seit einigen Jahren versucht auch Peking, den lokalen Konsum mit den teuren Produkten anzukurbeln. Zuletzt seien dazu Einkäufe in grösserem Umfang in bestimmten Duty Free-Geschäften des Landes erlaubt worden, erklärte Weber.

Um der Nachfrage nach Uhren neuen Schwung zu verleihen, gehen die Hersteller auch über den Preis. So lancieren sie Uhren im sogenannten Einstiegssegment, wobei dieses je nach Markt auf einem anderen Niveau angesiedelt ist.

Der Uhrmacher Parmigiani hat im Juli Uhren, darunter neue Zeitmesser aus der Tonda-Kollektion, zu Preisen von 14’000 bis 20’000 Franken das Stück lanciert. Damit bewege man sich preislich auf dem Einstiegsniveau des Hauses, betonte Bruno Jufer.

Stahl statt Gold lautet die Devise

Bei der Richemont-Gruppe, zu der neben Cartier auch Marken wie IWC oder Piaget gehören, setzt man auch auf weniger Glanz. «Angesichts des sich verändernden Umfelds werden die Maisons vermehrt preiswertere Uhren aus Stahl statt aus Gold auf den Markt bringen», sagte ein leitender Angestellter der Gruppe zu AWP.

Vontobel-Analyst René Weber glaubt aber nicht, dass bei den Uhrenherstellern nun der durchschnittliche Verkaufspreis sinken wird. Die Exportstatistiken der vergangenen Monate hätten aufgezeigt, dass sich Uhren aus dem teuersten Segment besser verkauft haben als preiswertere Zeitmesser.

Schwere Zeiten im Schweizer Handel

Das Ausbleiben asiatischer Touristen dürfte auch den Uhrenhändlern in der Schweiz zusetzen. Für sie sei es schwierig, die wegfallenden Verkäufe aus dem Reisegeschäft mit Schweizer Kunden aufzufangen, analysiert Weber. Er geht für die hiesigen Uhrenläden im laufenden Jahr von einer Halbierung der Verkäufe aus. Die Uhrenexporte ins Ausland dürften den Prognosen des Schweizerischen Uhrenverbands (FH) zufolge «nur» um 25 bis 30 Prozent sinken.

Analyst René Weber rechnet mit Arbeitsplatzverlusten bei Uhrenhändlern wie Bucherer oder Kirchhofer. Denn sie betreiben Geschäfte an beliebten Tourismusdestinationen wie Luzern oder Interlaken und da werde ein Jobabbau wohl kaum zu verhindern sein. Schliesslich steuerten Touristen an diesen Standorten beinahe 90 Prozent zum Umsatz bei, sagte Weber.

Auch in den Fabriken der Uhrenmarken drohen Einschnitte. Immerhin werden laut René Weber grosse Marken, die über ausreichend Liquidität verfügen, die Krise dank Kurzarbeit gut überstehen. Im Gegensatz dazu sei die Ausgangslage für kleinere Marken und Zulieferer schwieriger. Einige von ihnen haben bereits Entlassungen angekündigt.

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