«School strike week 100» (Bild: Keystone)
International

Greta Thunberg «streikt» seit 100 Wochen

Vor 100 Wochen hat die junge Schwedin angefangen, vor dem Parlament in Stockholm für mehr Klimaschutz zu protestieren.

Seitdem ist viel passiert: Seit sich die damals 15-Jährige am 20. August 2018 alleine vor den Stockholmer Reichstag gesetzt hat, ist aus ihrem einsamen Protest die internationale Klimabewegung Fridays for Future entstanden, deren Aufruf zum Klimaprotest weltweit Millionen überwiegend junge Menschen gefolgt sind. Thunberg wurde zum Gesicht des Jahres 2019, noch vor US-Präsident Donald Trump oder der deutschen Kanzlerin Angela Merkel.

Fridays-for-Future

Die Protestmärsche lösten nicht nur eine Debatte über die Schulpflicht aus – sie trieben Politik und Unternehmen auch vor sich her. Dass die deutsche Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer ein Gespräch mit EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen ankündigen kann, wirkt kaum noch aussergewöhnlich. Schliesslich hat sich auch Merkel schon mit Thunberg zusammengesetzt. Fakt ist: An der jungen Klimabewegung kommt kaum jemand vorbei. Aus Sicht der Aktivisten ist das aber längst nicht genug.

Die Corona-Krise hat die Bewegung und auch Thunbergs eigenen Protest nun zu einem grossen Teil ins Internet verbannt. Weniger laut und sichtbar zu sein, hat den Aktivisten einiges an Wind aus den Segeln genommen. Zur 100. Schulstreik-Woche drehen sie aber wieder auf.

Unterstützung von Promis und Politikern

Pünktlich vor dem EU-Sondergipfel zur Kompromisssuche im Streit um den EU-Haushalt und das Corona-Wiederaufbauprogramm meldet sich die nun 17-jährige Thunberg mit klaren Forderungen im Kampf gegen die Klimakatastrophe zurück. Gemeinsam mit ihrer deutschen Mitstreiterin Neubauer sowie den Belgierinnen Anuna de Wever und Adélaïde Charliér und unterstützt von Promis von Leonardo DiCaprio über Roger Waters bis Coldplay schickte Thunberg am Donnerstag einen offenen Brief nach Brüssel und an alle Staats- und Regierungschefs der EU.

«Sie müssen damit aufhören, so zu tun, als könnten wir die Klima- und Umweltkrise lösen, ohne sie als eine Krise zu behandeln», fordern die Aktivistinnen in dem Schreiben, das auch prominente Klimaforscher wie Johan Rockström und Stefan Rahmstorf sowie die Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai unterzeichnet haben. «Die EU hat dazu die wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten, weshalb es unsere moralische Pflicht ist. Jetzt müssen Sie Ihre Versprechen tatsächlich einhalten.»

Radikale Forderungen

Die Forderungen sind radikal: Ab sofort überhaupt kein Geld mehr in fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Erdgas stecken, «Ökozid» am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag als Verbrechen strafbar machen, verpflichtende Treibhausgas-Budgets für die Staaten. «Wir verstehen und wissen sehr gut, dass die Welt kompliziert ist und dass es nicht einfach sein dürfte, was wir verlangen», schreiben die Aktivistinnen. Noch unrealistischer sei es aber, zu glauben, die Gesellschaft könne die globale Erhitzung und andere katastrophale Umweltfolgen überleben, wenn es so weitergehe wie bisher.

Dass Thunberg, Neubauer und ihre Mitstreiterinnen ausgerechnet in Brüssel auf der Matte stehen, ist kein Zufall. Dort geht es an diesem Wochenende und in nächster Zeit unter anderem um den Corona-Aufbaufonds: 750 Milliarden Euro sollen verteilt werden. Auch der siebenjährige Haushaltsplan ab 2021 wird verhandelt. Für Klimaschützer ist klar: Solche Summen werden nur einmal ausgegeben. Und deswegen müssen sie den Klimaschutz voranbringen. Wie ist da eigentlich – 100 Wochen nach dem Start der Thunberg-Proteste – die Lage?

Europäische Union

Kommissionspräsidentin von der Leyen hat mit dem «Green Deal» und auch sonst ziemlich ehrgeizige Ziele ausgerufen – darunter, dass die EU bis 2050 als erster «klimaneutraler Kontinent» unterm Strich gar keine Treibhausgase mehr ausstossen soll. Schon bald soll das CO2-Einsparziel für 2030 kräftig erhöht werden. Aber die EU besteht aus 27 Staaten mit ganz unterschiedlichen Interessen. Was am Ende im Detail rauskommt, ist Verhandlungssache. Und die Verhandlungen werden hart.

Weltweit

Wie sich der Treibhausgasausstoss dieses Jahr entwickelt, ist wegen der Corona-Krise schwer abzuschätzen – und auch nicht so richtig aussagekräftig. Fest steht, dass die Klimadiplomatie unter der Pandemie leidet. Der UN-Klimagipfel im November fällt aus. UN-Generalsekretär António Guterres ermahnt die Staaten, im Kampf gegen die Folgen der Pandemie kein Geld in Kohle und andere fossile Energien zu stecken. Er findet aber längst nicht überall Gehör – Sorgen bereiten Klimaschützern etwa China und Indien.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Mehr aus dem Channel