Die Biotech-Branche wird von der Coronakrise stark getroffen. (Symbolbild: Key)
Schweiz

Biotech-Branche bekommt Coronakrise schmerzhaft zu spüren

Bisher galt die Schweiz als attraktiver Standort für die Biotech-Branche. Nun hat Covid-19 die Welt im Griff.

Wenn die Krise irgendwann überstanden ist, dürfte auch die Branche eine andere sein als heute. Weltweit haben Regierungen im Eiltempo Hilfspakete geschnürt, um ihre heimische Wirtschaft zu stützen. Manches dieser Pakete hat sich im Verlauf dann allerdings als teilweise lückenhaft erwiesen.

So hat der Bundesrat zwar recht zügig auch Massnahmen ergriffen, um beispielsweise den KMUs finanziellen Spielraum zu verschaffen.

Nicht inbegriffen waren hierbei jedoch Start-ups. Erst Ende April haben sich Bund und Kantone auch für diese Unternehmen auf Bürgschaften in Höhe von bis zu 154 Millionen Franken geeinigt. Bis dahin hatten Start-up-Unternehmen grosse Mühe, an Covid-19-Kredite zu kommen.

Hilfskredite abhängig von Umsätzen und Lohnsummen

Die Vergabepolitik von Hilfskrediten beruht nämlich auf den Umsätzen sowie den Lohnsummen. Viele Biotechunternehmen haben aber meist noch keine Produkte auf dem Markt, so dass sie auch keine Umsätze generieren. Vielmehr verbrennt die Mehrzahl nur Geld, weil die klinische Entwicklung je nach Stadium mit teilweise hohen Ausgaben verbunden ist.

«Forschende Unternehmen, die noch keine Umsätze erwirtschaften, haben in der Coronakrise von den Behörden kaum oder gar keine Unterstützung erhalten», monierte etwa Santhera-CEO Dario Eklund im Gespräch mit AWP.

Tatsächlich hätten sich einige Biotechunternehmen zu Beginn der Krise etwas alleingelassen gefühlt, bestätigt auch Jürg Zürcher, Biotech-Experte von EY in der Schweiz, gegenüber AWP. «Das war vor allem, als es um den Rettungsschirm ging, aber davon waren Start-ups allgemein ja zunächst betroffen.»

Für manche kam jede Hilfe zu spät

Vladimir Cmiljanovic, Gründer und CEO von Swiss Rockets, geht noch einen Schritt weiter: «Es hat bis Anfang Mai gedauert, bis Bürgschaftskredite für Start-ups vom Bund verfügbar waren. Und das hat einigen Biotech-Unternehmen das Genick gebrochen.»

Das hält man auch beim Branchenverband Interpharma für durchaus möglich. Im Gespräch mit AWP verweist der Geschäftsführer René Buholzer denn auch auf Umfragen, wonach ein Grossteil der Institutionellen Investoren davon ausgeht, dass die Coronakrise zu einer Konsolidierung in der Branche führt.

Das Problem der Biotechs ist, dass sie nicht unbedingt in das Raster eines Start-ups passen, erklärt Polyphor-CEO Gokha Batur. «Biotechs sind gewissermassen Unternehmen zwischen Start-ups und umsatzstarken Firmen – für sie gibt es immer noch keine klare Lösung.»

Dabei stehen Biotechs vor zwei Herausforderungen: Die Barreserven reichen in der Regel nur für einen begrenzten Zeitraum. In Zeiten von Corona haben die Finanzmärkte allerdings Kopf gestanden. «Februar bis April war ein unmögliches Fenster», so der Polyphor-CEO. «Wenn eine Biotech-Firma in diesem Zeitraum eine Finanzierung plante, bin ich sicher, dass sie in eine Krise geriet.»

Verschiedene Herausforderungen zu meistern

Die zweite Herausforderung sind die klinischen Studien. Die Coronakrise stellt gerade für die Studien an Menschen einen Störfaktor dar. Manche Unternehmen wie beispielsweise die auf Dermatologie spezialisierte Cassiopea haben eine laufende Studie vorübergehend unterbrochen.

EY-Experte Zürcher weiss von Unternbehmen, die während des Lockdowns keine Tierversuche mehr durchführen konnten, weil die Tiere an der Uni Zürich waren und diese auch komplett geschlossen wurde. «Manche dieser Unternehmen waren somit zu einer Vollbremsung gezwungen.»

Cassiopea-Finanzchef Chris Tanner sieht aber noch eine weitere Gefahr. Das Unternehmen wartet derzeit nämlich auf eine Entscheidung der US-Gesundheitsbehörde FDA über einen wichtigen Zulassungsantrag. Sollten die Behörden durch das Virus in ihren Prüfungen behindert werden, hätte auch das negative Folgen.

Bei den Behörden in Europa und auch der Schweiz dürfte das nicht anders sein, ist aus der Branche zu hören. Immerhin hat auch hier der Lockdown die üblichen Abläufe behindert.

Guter Ruf

Hat der Standort Schweiz für die Biotech-Branche damit an Attraktivität verloren? Die Meinungen gehen weit auseinander. So meint man bei Santhera, dass die Unternehmen nach den jüngsten Erfahrungen durchaus Ausschau nach anderen Standorten halten könnten.

Anders klingt die Einschätzung von Obseva, einem auf Frauenheilkunde spezialisierten Biotech. Die Stärke der Schweizer Biotech-Branche beruhe auf einigen Faktoren, die nicht durch die aktuelle Pandemie beeinflusst werden. «Die Schweizer Biotech-Branche hat ihren guten Ruf nicht zuletzt wegen des grossen Talente-Pools und der Qualität ihrer Infrastruktur.»

Und auch wenn einige Unternehmen vielleicht derzeit mit grösseren Herausforderungen konfrontiert werden, einig sind sie sich alle, dass die Pandemie vor allem auch eine grosse Chance für die Branche darstelle. «Unsere Branche ist letztlich Teil der Corona-Lösung.»

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