Der Kanton Basel-Stadt spielt im nationalen und internationalen Handel mit Menschen eine wichtige Rolle. (Grafik: Telebasel)
Basel

Basel als Drehscheibe des Menschenhandels

So zentral ist der Kanton Basel-Stadt für den Menschenhandel. Was die Basler Justiz über die Strukturen des modernen Sklavenhandels weiss.
Lesen Sie im ersten Teil der Telebasel-Recherche:
Trotz Schwerpunktsetzung der Regierung kommt es im Kanton Basel-Stadt kaum zu Verfahren oder Urteilen gegen Menschenhändler.

Die Leiden der Opfer

«Menschenhandel ist moderne Sklaverei», schreibt Fedpol. Zwei Beispiele. Mit 14 Jahren wird die Marokkanerin Jasmin von einer Bekannten nach Genf geholt. Anstatt wie versprochen zur Schule gehen zu dürfen, muss sie für die Familie arbeiten – unter täglichen Schikanen und ohne Bezahlung.

Immer muss sie verfügbar sein, um Aufgaben zu übernehmen. «Ich habe das Frühstück gemacht, das Abendessen, den Abwasch. Ich musste das Geschirr von Hand abwaschen, obwohl eine Spülmaschine da war», erzählt Jasmine gegenüber SRF.

Khamna (Name geändert) ist 24, als sie von einer Frau von Thailand nach Basel gebracht wird, wofür diese ihr Schulden in der Höhe von 25’000 Franken berechnet, sie so in die Prostitution treibt und sich selbst bereichert. Sieben Tage die Woche arbeitet Khamna von früh morgens bis spät in die Nacht, darf weder Freier noch Praktiken ablehnen, heisst es in der Anklageschrift zum Gerichtsprozess.

Wenn überhaupt, darf sie das Etablissement nur mit Zustimmung der Zuhälterin verlassen. Im Falle einer Polizeikontrolle soll sie sich verstecken. Einen grossen Teil ihrer Einnahmen muss sie abgeben. Die Preise für ihre Dienstleitungen legt die Zuhälterin fest. Auch bei Schmerzen im Intimbereich darf Khamna keine Pause machen. Nachdem die Zuhälterin einen Monat nach Khamnas Ankunft verhaftet worden ist, muss die junge Frau in einem anderen Basler Bordell arbeiten.

Opfer werden im Wochentakt von Ort zu Ort geschoben

Martin Fuchs, der bei der Schweizer NGO trafficking.ch arbeitet, die Opfer von Menschenhandel unterstützt, sagt:

«Wir hatten noch nie Kontakt zu einem Opfer in der Schweiz, das nicht einen Bezug zu Basel hatte. Also etwa selbst zu irgendeinem Zeitpunkt in Basel arbeiten musste oder via Basel in die Schweiz geschleust wurde.»

Wie viele Betroffene es in Basel gibt, weiss die NGO nicht. Basierend auf dem Global Slavery Index geht sie davon aus, dass sich im Kanton Basel-Stadt zu jedem Zeitpunkt 152 Opfer von Menschenhandel aufhalten. Das heisst: Wenn ein Opfer aus Basel verschwindet, wird es durch ein neues ersetzt.

Wie oft man die 152 multiplizieren muss, um auf die tatsächliche Opferzahl zu kommen, ist unklar. Aber Martin Fuchs weiss aus seiner Arbeit, dass viele Opfer von Menschenhandel im Wochentakt von Ort zu Ort geschoben werden. Das vermittelt eine Ahnung zur Anzahl Betroffenen – und davon, wie stark die Strukturen hinter dem Handel mit Menschen sind.

Das weiss die Justiz über die Strukturen

«Wir gehen davon aus, dass es organisierte Gruppierungen gibt, die Menschenhandel betreiben. Sie befinden sich in der Regel im Ausland», schreibt Peter Gill, Sprecher der Basler Staatsanwaltschaft auf Anfrage. Oft würden Frauen als Drahtzieherinnen agieren. Frauen aus Afrika würden unter Druck gesetzt, indem ihre Familie als Druckmittel verwendet wird oder sie würden durch «Voodoo» gefügig gemacht.

Frauen aus Osteuropa würden ebenfalls oft durch die Bedrohung ihrer Familie in den Strukturen gehalten. «Frauen, speziell aus Osteuropa und Südostasien, werden unter falschen Versprechungen nach Basel gelockt und dann gezwungen, anzuschaffen. Uns ist aber auch bekannt, dass es Frauen gibt, die genau wissen, dass sie hier als Prostituierte arbeiten werden», so Peter Gill.

Dass Basel-Stadt eine zentrale Rolle im Menschenhandel spielt, liegt einerseits an der geografischen Lage im Dreiländereck und der Erschliessung, beispielsweise durch den EuroAirport, erklären Experten im Gespräch mit Telebasel. Die Grösse des Prostitutionsmilieus, Grossbaustellen und internationale Events sind für Menschenhändler eine zusätzliche Einnahmemöglichkeit. Die wenigen Prozesse schrecken wohl kaum ab.

Lesen Sie morgen in Teil 3 der Recherche: Experten und Insider geben der Basler Staatsanwaltschaft die Schuld daran, dass es kaum zu Prozessen und Verurteilungen wegen Menschenhandel kommt. Und: Das JSD und die Staatsanwaltschaft erklären, warum die Ermittlungen so schwierig sind.

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