In der Zeltstadt leben mehr als 70 junge Männer in kleinen Zelten. (Bild: Keystone)
International

Zeltstadt in Paris für Migranten – Hilfsorganisationen schlagen Alarm

Mit einem Zeltcamp wollen Hilfsorganisationen auf die prekäre Lage minderjähriger Miganten aufmerksam machen. Das Lager liegt mitten im Herzen von Paris.

«Diese Menschen müssen sichtbar gemacht werden», sagt Agathe Nadimi von der Hilfsorganisation Midies du Mie. Vor einigen Tagen hat die Hilfsorganisation in Zusammenarbeit mit anderen Organisation mitten in der französischen Hauptstadt eine kleine Zeltstadt errichtet. Dort leben nun mehr als 70 junge Männer in kleinen Zelten. Die Organisationen werfen dem Staat vor, gegen die UN-Kinderrechtskonvention zu verstossen. Die Lage minderjähriger Migranten in Frankreich ist eine besondere.

«Das ist kein Feriencamp» steht am Tor des kleinen Parks wenige Schritte vom Place de la République entfernt. Darin stehen in Reih und Glied Dutzende rote und blaue Zelte, in der Mitte ein Pavillon. Die Männer, die dort nun leben, stammen grösstenteils aus Westafrika – viele sprechen französisch und sind allein nach Frankreich gekommen.

In Frankreich kann die Prozedur, als minderjährig anerkannt zu werden, Monate dauern. In der Zwischenzeit werden die Geflüchteten anders als in Deutschland nicht als Minderjährige betrachtet und entsprechend nicht untergebracht und versorgt. Die Folge: Sie leben häufig auf der Strasse. In Deutschland werden die jungen Menschen in staatliche Obhut genommen – auch wenn eine Prüfung noch aussteht.

Anerkennung dauert Monate

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) fordert, dass die jungen Menschen in Frankreich sofort bei Ankunft in Frankreich geschützt werden. «Sie kommen, sie sind isoliert und wir isolieren sie noch mehr», moniert Corinne Torre von MSF. «Sie kommen mit einem Traum nach Frankreich, nämlich zur Schule zu gehen.» Das werde ihnen aber verwehrt, denn Frankreich mache ihnen die Anerkennung als Minderjährige so schwer wie möglich–- und das sei die Grundlage für den Gang zur Schule.

Einer, der so einen Traum hat, ist André. Der junge Mann gibt an, 17 Jahre alt zu sein und aus der Elfenbeinküste zu kommen. Seit vergangenem Dezember ist er in Frankreich; er war mit dem Boot nach Europa gekommen. Zuerst war er in Italien, doch wegen der Sprache kam er nach Frankreich. Er hat sich dort beim Roten Kreuz registriert – wurde aber nicht als minderjährig anerkannt. André hat Widerspruch gegen die Entscheidung eingelegt. Nun wartet er. Sein Traum: «Ich spiele gern Fussball.» André würde gern Sport in Frankreich studieren.

«Frankreich ist das schwarze Schaf»

«Warum verweigern wir ihnen den Zugang zur Schulbildung?», fragt Torre von MSF. In vielen anderen Ländern gebe es diese Problematik nicht – etwa in Deutschland, Italien oder Spanien. «Frankreich ist das schwarze Schaf.» Nach Angaben von MSF besteht eine hohe Fehlerquote bei der Entscheidung darüber, ob jemand minderjährig ist oder nicht. Demnach wurden 56 Prozent der Jugendlichen, die 2018 von MSF begleitet wurden und gegen die Entscheidung Einspruch eingelegt haben, schliesslich von einem Jugendrichter endgültig als minderjährig anerkannt.

Die Stadt Paris ist mit dem Problem überlastet. «Die Départements Seine-Saint-Denis und Paris machen zusammen fast die Hälfte der Beurteilungen von Jugendlichen aus, die sich in Frankreich als minderjährig und unbegleitet erklären», teilt die Stadt auf Anfrage mit. Seine-Saint-Denis umfasst die nordöstlichen Vororte von Paris. Man habe der Regierung immer wieder vorgeschlagen, mit den Départements im ganzen Land zusammenzuarbeiten. So könne man eine «würdige Aufnahme und angemessene Betreuung», aber auch eine «gerechte Verteilung» sicherstellen.

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