Schweiz

Lädiert und doch lebensfroh – Spanien nach dem Corona-Notstand

In Spanien stellt sich die «neue Normalität» ein. Das Land erholt sich vom Corona-Notstand.

Für Millionen Spanier beginnt am Sonntag die grosse Freiheit: Endlich dürfen sie sich im eigenen Land wieder frei bewegen. Wenn der seit dem 14. März bestehende Notstand um Mitternacht endet, können alle wieder reisen, wohin sie wollen, von Madrid endlich wieder an die Strände, aus Barcelona in die Pyrenäen oder von Málaga ins Baskenland.

Die Corona-Krise hat das Land mit einer Wucht getroffen, wie das aus deutscher Sicht nur schwer nachzuvollziehen ist. Wer mit den Menschen in wiedereröffneten Cafés und auf geschäftigen Märkten spricht, hört von Ängsten – und auch von Zorn. Zorn auf ihren Staat, der sich so viel schwerer tat als andere mit der Bekämpfung der Krise.

«Warum hat man uns wochenlang eingesperrt, während in Deutschland alle noch spazieren gehen und sich in die Parks setzen durften?», fragt eine Katalanin erbost. 68 Prozent aller bei einer Umfrage von Eurobarometer befragten Spanier sind mit der Krisenpolitik ihrer Regierung unzufrieden, der höchste Wert noch vor Polen und Frankreich.

«Neue Normalität»

Dennoch hielt sich die grosse Mehrheit sehr diszipliniert an die drastischen Massnahmen gegen Covid-19. Und nun herrscht überall im Land Aufbruchstimmung. Touristen sollen ab Sonntag wieder kommen, und die Spanier machen sich mit Maske, Desinfektionsgel und hinter Plexiglas auf in die «neue Normalität».

Die Pandemie hat das Land wie so viele andere kalt erwischt. Noch am 4. März, als es nur einige wenige erkannte Covid-19-Fälle gab, sich das Virus im Land aber vermutlich gerade schon rasend schnell verbreitete, kam der Nationale Sicherheitsrat unter Leitung von König Felipe VI. und Regierungschef Pedro Sánchez zur Einschätzung, dass Spanien sich über eine Pandemie keine Sorgen zu machen brauche.

Tatsächlich wurde bei der Sitzung eine in den Monaten zuvor erarbeitete Risikoanalyse diskutiert. Von Covid-19 war nur ganz am Rande die Rede. Nur zehn Tage später brachten die Verantwortlichen, geschockt durch rasant steigende Corona-Zahlen, das Land mit einer Vollbremsung zum Stillstand. Diese Sitzung des Sicherheitsrats ist für die Zeitung «El País» ein Beispiel für die Unfähigkeit des Staatsapparats, flexibel auf eine neue Lage zu reagieren.

Bis zu 1000 Tote täglich

Was dann folgte, waren schreckliche Wochen. Die weitaus meisten Corona-Fälle gab es in Madrid und Barcelona, vor allem in Altenheimen. Bis zu 1000 Tote pro Tag, völlig überforderte Institutionen, mit dem Tod ringende Patienten auf den Fluren der Krankenhäuser, ein Wintersportpalast umgewandelt in eine riesige Leichenhalle, Beerdigungen, bei denen die Angehörigen nur online dabei sein durften, ausgestorbene Metropolen – viele werden diese Bilder ein Leben lang nicht mehr vergessen.

«Wir hatten zeitweise echt Panik, nur kurz zum Einkaufen aus dem Haus, danach alle Einkäufe desinfizieren und dann unter die Dusche, die Kleidung in die Waschmaschine» erzählt Carina, die während des Lockdowns mit ihrer kleinen Tochter in Madrid war. Das Mädchen durfte wie alle Kinder sechs Wochen lang nicht ein einziges Mal auch nur einen Fuss über die Schwelle der Wohnungstür setzen. Als das endlich wieder erlaubt war, war sie ängstlich, wagte es kaum.

Aber es gab auch viele rührende Augenblicke. «Einmal kamen Polizisten und sangen auf der Strasse unter unserem Fenster ein Geburtstagslied», erzählt die Frau. Nachbarn halfen einander, machten Besorgungen für Ältere, spendeten für Bedürftige, Hunderttausende klatschten jeden Abend an Fenstern und Balkonen Beifall für das Gesundheitspersonal.

Der Weg aus der Krise

Die Politik trug nicht immer dazu bei, die Krise erträglicher zu machen. Anders als in Deutschland gab es keinen Schulterschluss angesichts der Gefahr. Die rechte Opposition lief Sturm gegen die linke Regierung von Sánchez und warf ihr völliges Versagen vor.

So meldete sich der frühere Regierungschef von der konservativen Partido Popular (PP), José María Aznar, angesichts vieler nach Hilfspaketen mit Lebensmitteln anstehenden Menschen mit dem nicht gerade beruhigenden Vorwurf zu Wort: «Sie haben uns in das Spanien zurückgeworfen, in dem die Hungernden Schlange stehen». PP-Chef Pablo Casado bezichtigte die Regierung der Lüge, in Wirklichkeit gebe es viel mehr Tote als offiziell vermeldet. PP und die rechtspopulistische Vox wetteiferten darum, wer am schärfsten verbal gegen die Regierung austeilt.

Inzwischen hat sich das Land aus der Krise herausgekämpft. Es gibt nur noch wenige Neu-Infektionen und kaum noch Corona-Tote. Was auch nach dem Ende des Notstands bleibt, sind eine weitgehende Maskenpflicht im öffentlichen Raum und viele Einschränkungen bei Restaurants, Museen, Kinos und Nachtclubs. Und riesige Löcher in den öffentlichen und privaten Kassen. Für die Spanier geht es jetzt darum, die schlimmsten wirtschaftlichen Folgen der Krise zu meistern.

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